Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Karten von Castro gegen die Zeit

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Schnell wird geschimpft, weil etwas nicht schnell genug gehen kann. Und schnell genug ist nie genug, das ist ein Motto unserer Zeit.

Säue werden deshalb durchs Dorf getrieben, die noch nicht einmal existieren. Es gilt: je früher, je aufgeregter, desto erfolgreicher. Nehmen wir als aktuelles Beispiel den neuen Roman von Dan Brown. Nichts Genaues weiß man längst noch nicht. Ort der Handlung: Florenz. Titel: "Inferno". Und wie Herr Brown selbst sagt, hat die Sache etwas mit Dantes "Göttlicher Komödie" zu tun und wahrscheinlich wie immer bei Brown mit einem mysteriösen Verschwörungsfall. Das kann er gut, der Brown. Erscheinen wird das Buch erst im Mai. Aber die Aufregung, die am Ende Gewinn bringt, kann nicht früh genug befeuert werden. In einer der Ankündigungsgeschichten stand der Satz: "Megabestseller Dan Brown hat wieder geliefert ". Nicht geschrieben oder gedichtet hat er. Er hat geliefert. Und was geliefert wird, muss raus. Geliefert hat in diesen Tagen auch die Post. Und weil sie sonst so oft für ihr (Nicht-)Liefern gescholten wird, muss die Post, jedenfalls die in Übersee, dieses Mal gelobt werden. Drei Karten aus Kuba lagen im Postkasten. Abgeschickt vor zwei Monaten im Hotel Nacional in Havanna. Und jetzt, da die Erinnerungen an die Tage in Havanna langsam verblassen, holen die Karten an die eigene Tochter die Wärme und die Mojitonächte zurück. Sie gingen einen Postweg, der sich der Schnelligkeit und der Raserei entzieht. Sie bewegten sich in einer Geschwindigkeit, die den Beschleunigern und Antreibern und Rekordzeitverkäufern suspekt sein muss und die sich unserer Zeit entzieht. Und stimmt schon: Auch Kuba ist aus der Zeit gefallen. Und stimmt schon: Vieles stimmt nicht auf der Insel, aber nicht immer muss das stören. Bei der Zeit, die sich die Post nimmt, stört nichts. Die Länge dieses Postwegs ermöglicht eine frische Erinnerung. Begebenheiten, die so ihr Tempo gehen, bleiben und werden Geschichten, von denen erzählt werden kann. Das meiste andere wird bloß feilgeboten, ausgelesen, abgehört, abgelegt und dann verschwindet es in der Ankündigungsbejubelung des nächsten leicht zu berechnenden Hits. Aber Hits sind nichts gegen Geschichten.

 
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