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Fiskalpakt und ESM - die weithin unbekannten Wesen

Von Ronald Barazon | 06.07.2012 - 16:13

Landauf, landab lässt sich unschwer feststellen, dass der Inhalt des vor wenigen Tagen im Parlament von SPÖ, ÖVP und Grünen beschlossenen europäischen Fiskalpakts weithin bei Politikern wie Wählern unbekannt ist. Und das Gleiche gilt für den ESM. Somit empfiehlt sich ein Blick in die Details.

Der Fiskalpakt bestimmt, dass künftig der Staatshaushalt ausgeglichen sein muss oder Überschüsse auszuweisen hat. Toleriert wird nur ein Abgang in der Höhe von 0,5 Prozent des Sozialprodukts. Zur Erinnerung: Bisher galten aufgrund des Maastricht-Vertrags drei Prozent als Grenze. Die drei Prozent wurden nicht eingehalten, es ist höchst unwahrscheinlich, dass die 0,5 Prozent den Weg in die Realität finden.

Aus dem "Maastricht-Vertrag" beibehalten wurde die Begrenzung der Staatsschuld mit 60 Prozent des Sozialprodukts, die bekanntlich auch eifrig überschritten wurde.

Die Staaten - 25 der 27 EU-Länder sind dabei, Großbritannien und Tschechien haben verweigert - müssen nun diese Ziele erreichen. Die EU-Kommission wird sie dabei begleiten und beobachten. Meint die Kommission, dass ein Staat säumig ist, dann klagt sie den Staat beim Europäischen Gerichtshof. Gibt der Gerichtshof der Kommission recht, dann werden Strafen bis zu 0,1 Prozent des Sozialprodukts verhängt.

Wie dies funktionieren soll, steht nicht im Vertrag. Ein Gerichtsverfahren benötigt für die Beweisaufnahme und Urteilsfindung Zeit, sodass die Entscheidung erst vorliegen kann, wenn sich die Verhältnisse naturgemäß bereits geändert haben. Unklar ist auch, wie Richter zu Experten der Volkswirtschaft mutieren sollen. Ebenso stellt sich die Frage, welchen heilenden Effekt eine Strafe von 0,1 Prozent des BIP bei einem Land haben soll, das bereits finanzielle Probleme hat.

Der ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) ist ein Fonds, den die 17 Euroländer je nach ihrer Größe mit zusammen 700 Mrd. Euro dotieren. Der Fonds soll 500 Mrd. für marode Staaten und Banken bereithalten und letztlich auch die rund 200 Mrd. übernehmen, die der derzeitige Rettungsschirm EFSF bereits aufgebracht hat.

Als Euroländer müssen auch Griechenland, Spanien, Portugal, Irland und Italien in den ESM einzahlen. Allerdings brauchen diese Länder Milliarden aus dem Fonds, sodass ihre Beiträge illusorisch sind. Fehlen aber Beiträge, dann müssen die anderen Euroländer, also auch Österreich, einspringen und bekommen diese Gelder nur zurück, wenn die Säumigen zahlen.

Der Fonds darf zwar nur helfen, wenn die Empfänger glaubwürdige Sanierungsmaßnahmen setzen, wird aber in "dringenden Fällen" prompt zahlen. Dieses Rezept hat schon in Griechenland jämmerlich versagt und bestimmt nun auch den neuen ESM.

Somit ist die Vermutung durchaus berechtigt, dass im Hohen Haus am vergangenen Mittwoch die Kenntnis dieser Details nicht sehr stark vertreten war.



 
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KOMMENTARE (4)
 

Alexander Simon

11.07.2012
13:10 Uhr

Herr Barazon, grundsätzlich haben Sie recht. Dabei sind ESM und Fiskalpakt keine unbekannten Wesenheiten, vielmehr sind jedoch viele Abgeordnete uninformiertes oder ignorantes Stimmvieh. Die Informationen wurden eingebracht, etwa durch Dr. Kolm im Verfassungsausschuss (siehe Videos auf Youtube) etc. Es ist eher eine Mischung aus Irrglaube und Vernachlässigung von Fakten, die den Steuerzahler Geld kosten.

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Herbert Langegger

08.07.2012
12:15 Uhr

Es scheint eines der ältesten Grundrechte des Menschen zu sein, sein allerbestes Werkzeug, das Hirn, nicht benutzen zu müssen. Gleichzeitig scheint es nicht nur eines der ältesten Notwehrrechte sondern auch eine der vornehmsten Pflichten des Menschen zu sein, sich gegen die katastrophalen Folgen (Armut, Krankheit, Krieg, ...) des Nicht-Denkens zur Wehr zu setzen. Um diese Gegenwehr zu verhindern wird die Einführung der direkten Demokratie von korrupten, unfähigen, selbstgerechten Kirchen-, Gewerkschafts- und Parteifunktionären möglichst lange verzögert. Wenn das irgendwann nicht mehr möglich sein wird, werden dem Zahlvolk möglichst zahnlose, ineffiziente, direkt demokratische Möglichkeiten zur Verfügung gestellt.

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Eva Schmudermayer

07.07.2012
18:08 Uhr

Wie recht Sie haben, zeigt auch der offene Brief der deutschen Ökonomen, die die Bürger zum Protest aufrufen. Ich kann nicht verstehen, dass unsere Politiker dieser Vorgehensweise zugestimmt haben. Österreich wird geknebelt und ausverkauft und wir alle schauen zu. Ein bedenkliches Scenario!!

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alf arrer

07.07.2012
09:04 Uhr

Keine Angst, Barrazon, die FPÖ klärt schon auf, u. a. mit Inseraten in der Kronenzeitung, die täglich von drei Millionen Lesern (der Hälfte der Wahlberechtigten) gelesen/durchgeblättert wird. Die angepeilten 33,4% für die FPÖ sind angesichts des ESM-Skandals gar nicht so abwegig. Jetzt merkt das Wahlvieh, dass es jahrzehntelang von Rot-Schwarz-Grün verschaukelt wurde.

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