Die Folgen von 9/11 aus Kinderperspektive
Von Magdalena Miedl | Aktualisiert vor 96 Tagen
Für den elfjährigen Oskar Schell (Thomas Horn) ist der 11. September 2001 der schlimmste Tag in seinem Leben. Oskar verliert seinen Vater (Tom Hanks) bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center. Und dieses Gefühl hat er mit allen gemein, die an diesem Tag jemanden verloren haben.
Stephen Daldry, der Regisseur so unterschiedlicher Filme wie "Billy Elliot" und "Der Vorleser", porträtiert in seiner Bestsellerverfilmung "Extrem laut und unglaublich nah" nach der Vorlage von Jonathan Safran Foer einen kleinen Buben, der auf eine schreckliche Erfahrung anders reagiert als die meisten Menschen. Oskar ist altklug, naseweis, schrullig und ein wenig seltsam. Sein Vater, ein Juwelier, der eigentlich studieren und die Welt bereisen wollte, hat Oskar beigebracht, wie man Fragen stellt, wie man unerklärliche Dinge erforscht und wie man auch weitermacht, wenn man sich schon längst in seinem Bett verkriechen und weinen will.
Als der schrecklichste Tag passiert, jener unverständliche Tag, an dem Oskar seinen Vater verliert, weil Menschen etwas beschlossen haben, die seinen Papa nicht einmal kennen, ist erst einmal gar nichts mehr möglich. Aber irgendwann rappelt sich der Bub auf. Seine Mutter (Sandra Bullock) ist ihm fremd geworden, im Zorn schleudert er ihr entgegen: "Ich wünschte, du wärst gestorben, und er wäre noch da!" Gleich darauf bittet er um Entschuldigung, voll des schlechten Gewissens. Aber wie soll ein kleiner Bub mit so einem Verlust umgehen?
Indem er genau das tut, was ihm sein Vater beigebracht hat: fragen und forschen. Oskar findet unter den Dingen seines Vaters einen geheimnisvollen Schlüssel, in einem Kuvert mit dem Namen "Black", und macht sich daran herauszufinden, wem dieser Schlüssel gehört und wessen Schloss er sperrt - eine unbewältigbare Aufgabe angesichts Hunderter Blacks im Telefonbuch von New York City. Doch er bekommt Hilfe vom Untermieter seiner Oma, einem alten Mann, der kein Wort spricht (Max von Sydow). Bald vermutet Oskar, dass dies sein verschollener Großvater ist, der den Holocaust überlebt hat und seither nur mehr schriftlich kommuniziert.
"Wenn du daran glauben willst, wirst du auch Beweise dafür finden", ist ein Wahlspruch, den Oskars Papa ihm eingeschärft hat, und Oskar ist überzeugt, dass er das Schloss finden wird und mit der akribischen Suche den Abschied von seinem Vater hinauszögern kann.
Die Geschichte von "Extrem laut und unglaublich nah", der auf der Berlinale seine Europapremiere feierte, ist anrührend, überraschend witzig und unsentimental. Dabei hilft, dass Thomas Horn, der Darsteller des kleinen Oskar, kein niedliches Kind ist, sondern Ecken und Kanten hat.
Problematisch hingegen ist der Soundtrack: Eine dicke Musiksoße tränkt fast jede emotionale Szene dieses an Gefühlen nicht armen Films und zwingt das Publikum dazu, im Akkord das zu fühlen, was die Moll-Melodien vorgeben. Das macht aus einem intelligenten Film einen zwanghaft sentimentalen Streifen, der dem Betrachter kaum Momente schenkt, sich dem Geschehen selbstständig zu nähern. So bleibt nach dem Film trotz des bewegenden Themas ein schales Gefühl der Manipulation.
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