Ein Ritter für die Ewigkeit
Von Bernhard Flieher | 20.08.2012 - 18:26

Literarisch ein Ritt in eine neue Zeit: Don Quijote und Sancho Pansa. Bild: SN
Er ritt daher aus dem zweiten Regal von oben. Zwischen zwei abgegriffenen ledernen Buchdeckeln gefangen war er. Recht dünnes Papier. Goldschnitt (wohl nachträglich gemacht, weil einer der Vorbesitzer das Buch auch durch äußeren Glanz ehren wollte). Vorn drauf auf dem Deckel auch noch eine Goldprägung: keine Buchstaben, nur ein Bild. Ein mächtiges Pferd, mit dem man wohl überall in diese Welt hin vordringen könnte, war zu sehen. Und wie ein zum Befehl erhobener Finger ragte eine Lanze in die Höhe, die schon ein bisschen lächerlich lang wirkte, aber doch auch gefährlich. Der Mann, der die Lanze hielt, sah zwischen Pferd und Waffe etwas kümmerlich aus in seiner Ritterrüstung, so, als ob er zwar einen Plan hätte, aber nicht ganz sicher sei, ob er ihn tatsächlich in Angriff nehmen sollte.
Der irrende Held
Cervantes hieß der Mann, in Großbuchstaben! Und das blieb so, bis die schon im kleinen Buben geweckte Faszination des Covers einer Neugier wich, die stark antrieb, endlich festzustellen, was dieser Cervantes denn auf seinem Pferd mit der Lanze so vorhatte (und auch galt es eher nebenbei zu ergründen, was der kleine Typ auf dem Klappergaul neben ihm denn sollte). Und dann drinnen auf der ersten Buchseite siegte die Begeisterung über den wahren Namen des (künftigen) Helden über die peinliche Überraschung, dass Cervantes ja doch "nur" der Mann war, der ihn erfunden hatte: "Der scharfsinnige Ritter Don Quijote von der Mancha" stand da. Don Quijote! Was für ein exotischer Name in der Vorstadtwelt einer Kleinstadt. Und der Name - und schließlich auch die fantastischen Taten dieses Don - waren fortan - und sind es immer noch - nicht wegzubringen.1605 ließ Miguel de Cervantes den ersten Teil erscheinen. Zehn Jahre später folgte der zweite. Gut 400 Jahre später steht außer Zweifel, dass es sich um sogenannte Weltliteratur handelt, um eine Literatur, die überall und jederzeit gilt, die jede Menge Inspirationspotenzial hat und dennoch - jenseits von Deutung oder Überinterpretation - für jede und jeden verständlich daherkommt.
Gut, es schadet nicht zu wissen, dass Cervantes die Leidenschaft seiner Zeitgenossen für ausufernde, in irre Übertreibung abgleitende Ritter- und Abenteuerromane zur Ausgangslage nimmt. Und so wie immer, wenn etwas massenhaft erfolgreich ist, kommen die Warnungen: Die Menschen würden durch diese Literatur verdummen, hieß es. Cervantes nutzt die Chance, persifliert das Genre. Das nicht zu wissen trübt das Erlebnis des Lesens übrigens in keiner Weise.
Bei Cervantes, der die Geschichte von einem gewissen Cide Hamete Benengeli erzählen lässt, macht sich also nämlicher Don Quijote auf. Irgendwie spinnt er sich aus, macht ein Bauernmädel zur Dame seines Herzens, nennt sie klingend für die Ewigkeit Dulcinea. Er sieht eine Burg, wo ein Wirtshaus ist, und eine Bedrohung, wo nur Windmühlen stehen.
Das alles hat Hintersinn in allem Irrsinn - und es liefert denen, die nicht lesen, sondern nur aufschnappen wollen, auch schöne Lebensweisheiten. Im zweiten Teil baut Cervantes das aus. Da gibt es weniger Abenteuer, dafür viele tiefsinnige Gespräche. Offenbar wird eine Welt des weiten Denkens. Die beiden Figuren - der voller Fantasie irrende Idealist und abgefeimte, bauernschlaue und vor allem auf den eigenen Vorteil bedachte Realist - ergeben ein Traumpaar, weil sie archetypisch das Urbild des Menschen zeigen.
Gern wird von Don Quijote gesprochen als dem "Ritter von der traurigen Gestalt". Gut, er wird arg zugerichtet, aber dennoch: So traurig will man sein, dass man sich solche Abenteuer einfallen lassen kann.
Parodie und Lebensschule gleichzeitig kommen auf dem Rücken Rosinantes daher. (Und wer das Buch in den eigenen revolutionären Tagen des Erwachsenwerdens liest, den wundert es nicht, dass etwa Che Guevara sein Pferd auch Rosinante nannte.) Vom Comic-Heft bis in die Revolutionszellen Südamerikas reicht der Einfluss dieses Buchs, weil es so witzig wie tiefsinnig, so mächtig geschrieben wie unterhaltsam erfunden ist. Und vor allem, weil es als Film, Musiktheater oder Grundlage für andere Romane recht einfach nachzuerzählen ist. Ach ja, das sei nun schon noch schnell so theoretisch hingeschrieben in all den bunten Abenteuern: Das Buch ist nicht nur g’scheit unterhaltsam - es gilt auch als Anfang einer neuen Literaturgattung, die heute die wichtigste von allen zu sein scheint: "Don Quijote" gilt als erster Roman!
Der Roman also wurde zu Lebzeiten Cervantes ein richtiger Verkaufsschlager. Cervantes verdiente gut. Aber davon hatte er wenig. Alles Geld war schnell wieder weg. 69-jährig starb er 1616 verarmt in Madrid. Zu Geld und Krise passt auch der bisher letzte bedeutende Schritt, den "Don Quijote" im deutschsprachigen Raum machte. Zufällig perfekt getimt zum Beginn der Finanzkrise, die auch Don Quijotes Heimat so beutelt, erschien 2008 eine neue Übersetzung von Susanne Lange.
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