Kopf des Tages

Ernst Goll - Lyriker, der am Leben zerbrochen ist

Von Sn, Apa | 13.07.2012 - 09:34

Ernst Goll stürzte sich mit 25 Jahren, nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbands, aus dem Fenster der Grazer Universität. Am Freitag ist der hundertste Todestag des Lyrikers. Die Liebe zur deutschen Sprache stellte sich jedoch nach seinem Tod als nahezu fatal dar: Sein Gedichtband "Im bitteren Menschenland" wurde für die deutschnationalen Propaganda gebraucht. Erst viel später kam es durch eine slowenische Übersetzung zu einer Wiederentdeckung.

Ernst Goll - Lyriker, der am Leben zerbrochen ist

Ernst Goll stürzte sich vor 100 Jahren in den Tod. Bild: SN/APA

Er war ein aufstrebender Lyriker, verkehrte in höchsten Künstlerkreisen - und zerbrach noch vor der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes am Leben. Ernst Goll stürzte sich am 13. Juli 1912, gerade einmal 25-jährig, aus einem Fenster der Grazer Universität. "Wir haben wahrscheinlich an ihm einen bedeutenden Dichter verloren, ohne ihn zu besitzen" schrieb Peter Rosegger, der Zeus im Literatenhimmel der damaligen Steiermark, zwei Monate später in einem Nachruf.

Golls engster Freund, der Murecker Autor Julius Franz Schütz, brachte noch im selben Jahr den Großteil seiner Gedichte unter dem bezeichnenden Titel "Im bitteren Menschenland" heraus. Der im Berliner Fleischel Verlag erschienene Band verkaufte sich offenbar recht gut und zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg hatten Golls Texte nicht nur in der Steiermark einen Fixplatz in so mancher lyrischer Hausapotheke. Zahlreiche spätere Nachrufe und Dutzende Vertonungen durch mehr als 20 Komponisten aus dem gesamten deutschen Sprachraum belegen dies.

Für nationalistische Propaganda gebraucht

Ernst (eigentlich Ernest) Goll entstammte einer wohlhabenden Bürgerfamilie im damals südsteirischen Windischgraz. Als Slovenj Gradec liegt es heute in Slowenien und ist Teil der Region Koroska, also des slowenischen Kärnten. Goll wuchs in einer zweisprachigen Umgebung auf und lernte auch in der Schule Slowenisch. Sein Minderheitenbewusstsein und seine Liebe zur deutschen Sprache brachten Goll während seiner Studienzeit in Graz in deutschnationale Kreise - ein Umstand, der sich für die spätere Rezeption seiner Gedichte als nahezu fatal erweisen sollte.

Nicht, ohne vorher die romantischsten und melancholischsten seiner Gedichte auszusortieren, bemächtigte sich 20 Jahre nach seinem Tod die nationalsozialistische Propaganda des Goll'schen Werkes. Er landete in der Schublade der die Fahne deutscher Kultur hochhaltenden Grenzland-Dichter. Während andere, ideologisch tatsächlich gefärbte steirische Dichter wie Ottokar Kernstock und Hans Kloepfer sich auch noch in der Nachkriegszeit großer Beliebtheit erfreuten, geriet Golls Dichtung weitgehend in Vergessenheit.

Wiederentdeckt durch Zweisprachigkeit

Erst mit dem Erscheinen einer zweisprachigen Ausgabe von "Im bitteren Menschenland/V trpki dezeli cloveka" im Jahr 1997 in der Übersetzung von Vinko Oslak begann die Wiederentdeckung. In ihrer stilistischen Eigenartigkeit muten Golls Gedichte oft erstaunlich modern an. In dem Gedicht "Adorata" lässt Goll die Angebetete ihren Freiern Folgendes ausrichten:

Ihr kommt zu mir - und wisset selbst nicht wie:

Ihr müßt in Andacht eure Stirne neigen.

Vor meiner Reinheit beugt ihr stumm das Knie,

Und aller Weltlust irre Wünsche schweigen.

Derartige Verse sind auch heute nicht leicht einzuordnen. Manchmal blitzt aus den Texten mittelalterliche Minnelyrik, manchmal verklärte, spätromantische Schwärmerei. Kärntnerliedhafte Melancholie und immer wieder eine ganz besondere Art von unheilschwangerem Expressionismus durchziehen viele seiner Gedichte.

 
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