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Die verrückte
Autoszene
13. Oktober 2003
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| Hauptdarstellerin Julia Bild:
SN/genzel |
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Set-Tagebuch #5: Von sonnigen Außendrehs am
Königsplatz und reduzierten Strafgebühren
wegen unerlaubten Turmbetretens
Nach der Guerilla-Arbeit am "Fest" geht es
am Samstag zurück zum vergleichsweise beschaulichen
"Tourist". Das Wetter scheint es gut mit uns
zu meinen, schließlich sind heute weitere Außendrehs
angesagt. Schon letztes Wochenende hat die Crew Aufnahmen
in der Münchner Innenstadt gemacht, in denen Ron
verschiedene Locations besucht und fotografiert - darunter
auch das Oktoberfest, das offenbar zum Muss bei allen
in München angesiedelten Filmdrehs avanciert.
Wir treffen uns verhältnismäßig spät
morgens bei der Münchner Firma Videomobil, die
mittlerweile zu unserem Hauptquartier geworden ist.
Bei einem kleinen Frühstück erfahre ich, daß
einige Crewmitglieder schon auf diese Artikelreihe hier
aufmerksam geworden sind. Hoffentlich gefällt denn
auch allen, was hier nachzulesen ist. "Am besten
finde ich," grinst Bartek, unser Kameramann, "daß
du meinen Nachnamen nicht kennst." Sorry! Barteks
vollständiger Name soll deshalb hier festgehalten
werden: Bartek Latosinski.
Der Königsplatz ist heute vormittag unser Drehort,
an dem in der Geschichte Ron vorbeifährt und dort
Julia mit einem Unbekannten fotografiert. Damit die
Szene auch tatsächlich nach fahrendem Auto aussieht,
quetschen wir uns alle in einen Wagen und fahren zwölfundneunzigtausendeinhalb
Mal um den Königsplatz herum. Patrick fährt
(unter gelegentlicher Mißachtung der Verkehrsregeln),
Bartek hängt sich aus dem Autodach heraus und versucht,
die Kamera möglichst ruhig zu halten, während
Eisha und ich hinten im Wagen bei Monitor und Aufnahmegerät
sitzen.
Ich sollte vielleicht einmal ein paar Worte zur tatsächlichen
Handlung von "The Tourist" verlieren. Die
Geschichte dreht sich um den kanadischen Touristen Ron,
ein leicht schräger, aber sympathischer Kerl, der
die Welt am liebsten durch den Sucher seines Fotoapparats
betrachtet. Nach einer gescheiterten Ehe begibt er sich
auf Reisen und trifft in München Bernie und Julia,
die bald heiraten wollen. Ron freundet sich mit den
beiden an, stellt aber bald fest, daß er Gefühle
für Julia entwickelt. Dieser gefällt Rons
Art und seine künstlerischen Interessen, die in
starkem Gegensatz zu Bernies geschäftlich-kühler
Distanz stehen.
Als nun Ron bei einer Fahrt durch die Stadt Julia engumschlungen
mit einem fremden Mann sieht (und fotografiert), ist
er in der Zwickmühle. Er sieht seine eigenen Erfahrungen
bestätigt, er will Bernie vor einem möglichen
Irrtum warnen, hätte aber auch nichts dagegen,
wenn aus der Ehe zwischen Bernie und Julia nichts wird.
Für den Nachmittag steht eine Szene am Marienplatz
auf dem Programm, die eigentlich schon für den
ersten Tag vorgesehen war. Natürlich ist ein solcher
Drehort immer problematisch, weil sich einige Passanten
zum szenenruinierenden Statistenauftritt verpflichtet
fühlen, während andere einfach verständnislos
in die Kamera gaffen. Glücklicherweise ist die
Szene ohne Text, weshalb wir auf den Ton verzichten
können, der einfach später zur Szene hinzugefügt
wird.
Ich stelle erneut fest, was für ein hervorragender
Kameramann Bartek ist. Er hat ein sehr gutes Auge für
Farben und ein noch besseres Gespür für den
richtigen Bildausschnitt. Dazu kommt noch die Tatsache,
daß er ruhig und konzentriert arbeitet und nicht
versucht, die Arbeit des Regisseurs zu machen: Er bringt
Vorschläge ein, kümmert sich aber stets darum,
die Bilder so umzusetzen, wie Eisha sie sich vorstellt.
(Beim Schreiben dieser Zeilen spiele ich ein paar Sekunden
lang mit dem Gedanken, von Bartek PR-Honorar zu verlangen.)
Richtig spannend wird es, als wir auf den Alten Peter
klettern, um von hoch oben den Marienplatz zu filmen.
Während Bartek und Eisha den Wachmann am Eingang
ablenken, schleichen sich Patrick und ich mit dem Equipment
in den Turm. Der Aufstieg ist beinahe endlos, das Aufnahmegerät
auf meiner Schulter wird immer schwerer. Von oben verständigen
wir uns eher schlecht als recht mit dem Bodenteam per
Walkie-Talkie, drehen die Einstellungen, die wir brauchen,
und bemerken plötzlich, daß wir am Boden
noch eine Aufnahme vergessen haben.
Weil die Sonne gleich untergehen wird, steigen wir
mit rasantem Tempo hinab und rauschen aus dem Turm -
wobei ich vom Wachmann gesehen werde. Ich versuche seine
"Halt!"-Rufe zu ignorieren und zielstrebig
weiterzugehen, aber er hat mich schnell eingeholt und
reißt mich herum: "Haben Sie überhaupt
eine Drehgenehmigung?" Während Patrick sich
um die unliebsame Person kümmert, renne ich weiter,
damit das Equipment rechtzeitig an Ort und Stelle ist.
"Dreißig Euro Strafe," grinst Patrick
später schief, "anstatt hundert". Daß
man nicht nur im Einzelhandel, sondern auch beim Strafgebührkassieren
feilschen kann, war mir bislang nicht bekannt. "Ich
habe ihm erzählt, daß ich armer Student bin
und ein bisschen was vorgejammert," erklärt
Patrick. Darüber schreiben sie nie etwas in diesen
Filmzeitungen...
#christian genzel
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