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Rio-Blog
2.7
28. April 2006
Von 500 Gramm Schoko-Ostereiern, 140 Millionen Katholiken und dem traditionellen
Ostergericht Stockfisch: Anita berichtet aus Rio.
Mit ein bisschen Verspätung zwar, aber mei.
Es lebe das Osterfest und mit ihm die Schokoladen-Eier!!!
Puh, mir ist schlecht. Liegt vielleicht daran, dass
beim sonntäglichen Privat-Ostersonntag-Festl bei
Niki jedem ein Vorrat an 500 Gramm Schokolade in die
Hand gedrückt wurde. Na, Mahlzeit. Ich hab natürlich
noch am selben Tag damit begonnen, ebendiesen aufzuessen.
Wir spielten „Amigo culto“, ein weitverbreitetes
Spiel, das so ähnlich wie Wichteln funktioniert.
Jeder zieht einen Zettel mit einem Namen, muss diese
Person dann beschreiben oder ein passendes Lied singen,
die anderen raten und derjenige wird letztendlich beschenkt.
In diesem Fall mit 500 g Schokolade. Und ein halber
Kilo ist viel, selbst für eine Schokolade-Süchtige
wie mich.
Ostern ist in Brasilien nach Weihnachten das zweitwichtigste
Fest des Jahres, zumindest für die überwiegend
katholische Bevölkerung. Brasilien ist mit rund
140 Millionen Katholiken das größte katholische
Land der Welt. Diese Zahl ist wirklich beeindruckend,
da die Gesamtbevölkerung Brasiliens aktuellen
Schätzungen zufolge 185 Millionen beträgt.
Dabei gehören viele nicht nur einer Religion an.
Synkretismus ist weit verbreitet, viele Brasilianer
sind zugleich katholisch und praktizieren einen der
verschiedenen Geisterkulte, die häufig auf das
Erbe der Sklavenzeit zurückgehen. Die bekanntesten
Kulte werden unter dem Begriff Candomblé zusammengefasst,
doch darüber wird’s sicher eine eigene Geschichte
geben.
Vor allem im Landesinneren hat die Katholische Kirche
noch immer einen großen Stellenwert. Dort hat
es lange Tradition, das Leiden Christi als Open-Air-Theaterstück
zu inszenieren. Besonders beliebt sind diese Passionsspiele
im Nordosten des Landes, beispielsweise in Nova Jerusalém
oder Recife. Die „Paixão do Cristo“ in
Nova Jerusalém ist angeblich das größte
Freiluft-Theater der Welt. Bis zu 550 Akteure und Figuren
nehmen am Spektakel teil, die Eintrittskarten kosten
zwischen 30 und 40 Reais. Auf insgesamt neun Bühnen
und 100.000 m² Spielfläche wird die gesamte
Leidensgeschichte Jesu vom Letzten Abendmahl bis zur
Auferstehung nachgestellt. Seit der Erstaufführung
1968 begeisterte die Paixão in Nova Jerusalém
mehr als zwei Millionen Zuschauer aus aller Welt. Trotz
des für brasilianische Verhältnisse recht
teuren Eintritts waren auch heuer wieder etwa 50.000
Menschen dabei.
In Rio wird Ostern im Gegensatz zum Landesinneren
wenig religiös gefeiert. Ähnlich wie in Europa
haben die Brasilianer das Osterfest als großes
Geschäft entdeckt. Darf man dem Internet glauben,
werden pro Jahr etwa 100 Millionen Schokoeier produziert,
Osterhasen sieht man hier dafür überhaupt
keine. Diese Schokoladeneier haben es allerdings in
sich. Von relativ kleinen um vier Reais (etwa 1,60
Euro) bis zu 50 Reais (20 Euro) ist alles zu haben.
Mit oder ohne Spielzeug, mit Krokant, weißer
oder dunkler Schokolade, es ist wirklich für jeden
etwas dabei. Ostern ist auf jeden Fall auch in Rio
ein gesellschaftliches Ereignis. Man trifft sich mit
Familie oder Freunden, am besten mit beiden, und lässt
es sich so richtig gut gehen. Das traditionelle Ostergericht
ist Stockfisch (Bacalhão), getrunken wird dazu
eigenartigerweise Bier, und zwar in rauen Mengen.
Die Österreicher-Community hier in Rio versuchte
natürlich vergeblich, den Brauch des Ostereier-Peckens
gebührend zu würdigen. Unsere Absicht scheiterte
bereits an der Unmöglichkeit, bunte Eier bzw.
Eierfarben aufzutreiben. Wir versuchten es daraufhin
vergeblich mit Omas Strumpfhosen-Zwiebel-Färbemethode,
die sich als wenig erfolgreich herausstellte. Vielleicht
lag es an der Unmöglichkeit, eine Seidestrumpfhose
zu finden. Wie dem auch sei, wir peckten fleißig
mit unseren „gefärbten“ Ostereiern,
danach war allen schlecht. Es lebe das Osterfest! Mahlzeit.
Bis zum nächsten Mal,
#anita klingler
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