|
Mozart im Ghetto
3. August 2005
 |
 |
| Für Leseratten und Kultur-muffel:
Marcel Reich-Ranicki. Bild:
SN/dtv |
|
 |
 |
Musik, Liebe, Tod
und Terror: Marcel Reich-Ranicki hat viel erlebt.
FRITZ hat sich durch seine Autobiographie für
Jugendliche ge-fressen. Fazit: Ein literarischer
Leckerbissen.
Es war eine düstere Zeit. Entbehrungen bestimmten
den Alltag. "Hat uns Mozart entzückt und
begeistert, obwohl wir hungrig waren und uns unentwegt
die Angst in den Gliedern saß- oder vielleicht
gerade deshalb?" Die Musik sei für ihn ein
Rettunganker gewesen, schreibt Marcel-Reich-Ranicki
in seiner Autobiographie "Mein Leben": "Jedenfalls
darf man mir glauben: im Warschauer Getto ist Mozart
noch schöner
gewesen."
Marcel Reich, 1920 in Wloclawek (Polen) als Sohn
einer jüdischen Familie geboren, erzählt
seine Geschichte zur Zeit des NS-Regimes.
Reich besucht in Polen die deutschsprachige Volksschule
und übersiedelt 1929 nach Berlin, wo er seine
Jugend verbringt. Nach der Machtübernahme Hitlers
1933 verläuft sein Leben vorerst unbeeinflusst
von dessen Plänen weiter. Reich, damals 13 Jahre
alt, betont, er habe in Berlin nie feindselige, antisemitische
Erfahrungen gemacht - weder im Alltag noch in der Schule.
Kaum die Matura bestanden, bemüht er sich um
einen Studienplatz in der Berliner Universität
- ohne Erfolg. Juden war ein Studium damals strengstens
untersagt.
1938 wird Marcel Reich im Zuge einer Verhaftungs-welle
von Juden nach Polen deportiert und muss später
mit unzähligen Juden ins Warschauer Getto ziehen.
Dort lebt er mit seiner Familie und Tosia Langnas,
seiner zukünftigen Ehefrau. Er arbeitet damals
als Übersetzer
des Judenrates.
Durch seine Mitarbeit an Widerstandsaktivitäten
gelingt dem Paar schließlich die Flucht aus dem Getto.
Sie tauchen bei einer polnischen Familie unter und
überleben so den Krieg. Nachdem die
National-sozialisten geschlagen worden waren, traten
Reich und seine Frau der russischen Armee bei.
Reich wird später polnischer Vize-Konsul in London,
und trägt von nun an auch den Mädchennamen seiner Mutter,
Ranicki.
Leid, Not und Verlusten zum Trotz, verliert Marcel
Reich-Ranicki nie seine Liebe zu Literatur und Musik.
Sie zieht sich wir ein roter Faden durch sein Leben
und somit auch durch das Buch.
Da es sich um eine gekürzte Schülerausgabe
handelt, werden Fremdwörter und vom Autobiographen
genannte Werke und deren Schaffer ausführlich
kommentiert - oft ein bisschen zu ausführlich.
In diesem Buch stecken Literatur, Geschichte und Musik
in Hülle und Fülle. Ich kann es jedem empfehlen,
egal ob Leseratte oder Kulturmuffel.
#anna schiester
|