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Brasil-Blog #6
16. Juli 2005
Von tropischen Inseln, langsamer Zeitrechnung und
schnellen Trommlern. FRITZ-Mitarbeiter Günther
berichtet aus Brasilien.
Anscheinend gibt es hier in Brasilien einen direkten
Zusammenhang zwischen der niedrigeren Stromspannung
und der dadurch wahrscheinlich etwas gemütlicheren
Zeigerkurvengeschwindigkeit bei den Uhren und den Menschen.
Es dauert einfach alles etwas länger hier, wobei „etwas“ eine
Spanne von einer 10-minütigen bis zu etwa dreistündigen
Verlängerung beschreibt.
Das dies seine Vor- und
Nachteile hat wird wahrscheinlich niemanden wundern.
Der Besuch der „Policia Federal“ (in Österreich quasi
die Bezirkshauptmanschaft) kann sich gut und gerne über
den ganzen Tag ziehen. Verschiedene Schlangen müssen
durchgestanden werden und äußerst zeit-
und arbeitsintensive Formulare warten begierig auf
neue Opfer. Selbst das große Fastfood-Unternehmen
mit dem „M“ im Logo, ansonsten eigentlich
für zügige Massenabfertigung bekannt, glänzt
hier durch Geduldsproben. Zuerst muss, natürlich
unter Hilfe einer Angestellten, ein Formular mit der
gewünschten Bestellung ausgefüllt werden.
Danach wird angestanden, um das Formular abzugeben
und zu bezahlen und dann, ja dann, wird nochmals angestanden
um das Essen zu bekommen. Hört sich toll an -
und ist es auch!
Da die Uni merkbar immer mehr Zeit in Anspruch nimmt,
ich allerdings auch viel von dem Land sehen möchte,
nahmen meine Freunde und ich an einem Bootsausflug
zu einem Archipel aus tropischen Inseln etwas südlich
von Rio de Janeiro teil. Was soll ich sagen, es war
wirklich wunderschön, lediglich der letzte Teil
der Bootsfahrt war wegen etwas stärkerem Seegang
etwas ruppig. Doch nach einem ganzen Tag nur Sonne,
Baden und Herumliegen kam mir das gar nicht mal so
ungelegen.
Gut. Das Beste bekanntlich zum Schluß. Letzten
Sonntag hatte ich die Chance, eine sehr interessante
Erfahrung machen zu dürfen. Ich besuchte ein riesengroßes
Fest inmitten einer Favela von Rio de Janeiro. Conexoes
Urbana (Verbindungen in der Stadt) nennt sich diese
Party, die an jedem letzten Sonntag im Monat die, ansonsten
viel zu oft benutzten, Waffen schweigen und dafür
die Bundas (Hinterteile der Mädchen) wippen lässt.
Tausende Bewohner der Favela in Bangu säumten
das Areal vor der Bühne und jubelten begeistert
den brasilianischen Stars der Hip-Hop- & Raggaeszene
zu.
Der schönste Moment dieses Abends für
mich persönlich war, als sich fünf brasilianische
Kinder des Armenviertels um mich reihten und mir Fragen
zu meinem Land, den Leuten und dem Leben dort stellten.
Mit großen Augen hörten sie Geschichten
von Schnee, Minusgraden und von dem nichtvorhandenen
Meeresstrand. Als sie ein paar Brocken Deutsch von
mir lernen wollten, war das Gelächter groß.
Meine europäische Herkunft haben übrigens
hauptsächlich meine blauen Augen verraten, die
für die Menschen in Brasilien absolut ungewöhnlich
sind und aufgrund der Tatsache, dass Dir jeder sofort
in die Augen sieht (anders als in Österreich)
schnell bemerkbar sind.
Dieses Mal sende ich regnerische Grüße
ins, zumindest wurde es mir so berichtet, spätsommerliche Österreich,
adeus amigos!
#günther schmidhuber
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