Fire in the hole!
17. Jänner 2006
Untrainierte Tapferkeit ist nutzlos im Angesicht
trainierter Kugeln: Mit "Call Of Duty 2” in
die Schlacht um den Titel "der
beste WWII-Shooter aller Zeiten" ziehen.
"Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter"
(Winston Churchill): Der zweite Weltkrieg
kostete Millionen von Menschen das Leben und zählt
zu den verheerendsten und schrecklichsten Kriegen überhaupt.
Aber gerade dieses heikle Thema rund um das dunkelste
Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts dient allzu
oft als makabre Kulisse in unzähligen "Weltkriegs-Shootern”.
Anspruchslos und ohne Feingefühl: Lange Zeit galten
die Spiele als verrucht, vor allem wegen den immer
wieder auftauchenden NS-Spielen von unseriösen
Herstellern.
Als "Call Of Duty" 2003 den Titel "Game
Of The Year" einheimste, schien sich das Blatt
zu wenden. Das cineastische Äußere des Spiels
und die realistische Gewaltdarstellung – anders
als im Propaganda-Shooter "America's
Army" (zum
SN-Special: "America's Army im Visier") – überzeugten
selbst die schärfsten Kritiker: Obwohl das Genre
immer noch mit dem Stempel "Kriegs-Shooter" behaftet
ist, sollte es längst in "Anti-Kriegs-Shooter"
umbenannt werden. Schließlich käme niemand
auf die Idee, Filme wie "Saving Private Ryan" oder "The
Thin Red Line" als bedenklich einzustufen.
Ob "Medal Of Honour", "Brothers
In Arms" oder "Call Of Duty” – viele
Entwickler haben inzwischen Abstand von dubiosen Konzepten
genommen und konzentrieren sich statt dessen darauf,
eine packende Filmatmosphäre zu schaffen. Beim
Programmieren von Kriegsspielen werden mittlerweile
zudem wichtige Grundsätze eingehalten: Gespielt
wird grundsätzlich aus der Sicht der Alliierten,
zwischen den Missionen sorgen kurze Aufklär-Sequenzen
für Geschichtsunterricht und auch insgesamt nähert
man sich der Thematik überlegter und vorsichtiger.
So gehört der unbesiegbare, tapfere Held längst
der Vergangenheit an.
In den letzten Jahren haben Spielefirmen das Kriegsgeschehen
des WWII regelrecht "ausgeschlachtet".
Womit kann man also noch locken? "Call Of Duty
2" (Activision / Infinity Ward) macht es vor:
Anstatt sich Gedanken über ein neues, innovatives
Gameplay (im Fall von "Brothers In Arms" mehr
unübersichtlich als bahnbrechend) zu machen, punktet "COD
2" mit aufpoliertem Altbewährten. Das fängt
bei einer Spitzengrafik und fein ausgearbeiteten Texturen
an und hört bei unglaublich realistischen Soundeffekten
auf. "Zisch, Zisch" fliegen die Geschosse
um die Ohren, lautes Kampfgeschrei von anstürmenden
Horden geht tief unter die Haut ("Holt euch die
Kommunisten!" vs. "Für Mütterchen
Russland!"). Auch die dichten, voluminösen
Rauchschwaden sind im wahrsten Sinne des Wortes zu
schön um wahr zu sein. Jeder einzelne Bartstoppel
im Gesicht des Kameraden verrät: Es war eine harte
Nacht. Doch die Kämpfe bei Tag waren noch härter – also
keine Zeit zum Rasieren.
Es sind die Feinheiten, die den Shooter zum Highlight
machen: Um beispielsweise eine ruhigere Hand beim
Zielen mit dem Scharfschützengewehr zu bekommen,
kann vorübergehend der Atem angehalten werden.
Als realistisch präsentiert sich auch das Waffensystem:
Es können immer nur zwei Waffen gleichzeitig getragen
werden – das Prinzip ist allerdings nicht neu.
Die herumliegenden, ausgebrannten Fahrzeuge weisen
plastische Dellen und Einschusslöcher auf, das
Schneegestöber in Russland sorgt für echte
Gänsehaut vor dem Rechner.
Ein Kirchturm wird gesprengt, ein Laster explodiert,
ein Flieger stürzt vom Himmel – alles passiert
zur gleichen Zeit. Was in anderen Spielen meist in
einer gerenderten Zwischensequenz endet, geschieht
in "COD 2" unmittelbar während des
Gefechts. So wird beispielweise ein mehrstöckiges
Gebäude gesprengt und die entstandene Rauchwolke
bringt die Soldaten zum Husten.
Angesichts dieser Vielzahl an außergewöhnlichen
Spielwendungen verliert der Spieler gelegentlich den Überblick – schließlich
will man alles sehen. Die Angst etwas zu verpassen überwiegt
die Furcht vor dem Feind.
Während des Ladens eines Einsatzes, sollen Zitate
berühmter Persönlichkeiten ins Gewissen rufen:
Krieg ist schlecht, vergesst das nicht! Beispielsweise
H. G. Wells Warnung: "Wenn wir dem Krieg kein
Ende bereiten, wird er uns eines bereiten."
Fest steht: Audiovisuell hat sich "COD 2" seine
Auszeichnungen redlich verdient. Ob sich auch der Spieler
die ein oder andere Medaille um den Hals hängen
darf, hängt von seinem Geschick im Schützengraben
ab. In drei spannenden Kampagnen (von Stalingrad über
Nordafrika bis hin zur Normandie) gilt es, insgesamt
27 Missionen zu bewältigen – danach können
hart gesottene Hobby-Soldaten im Multi-Player-Modus
weiterkämpfen.
Die Highlights: Battlefield-2-ähnliche Panzereinsätze
(auch diverse andere Fahrzeuge werden benützt)
in der Wüste, die Erklimmung der steilen Küstenklippen
in der Normandie, Fliegerabwehreinsätze in Tunesien
und knifflige Artillerie-Missionen zur Bekämpfung
von gegnerischen Kettenfahrzeugen.
PC-Spieler aufgepasst: Um "COD 2" wirklich
flüssig
spielen zu können wird dem Rechner einiges abverlangt.
Pentium 4 und eine leistungsstarke Grafikkarte sind
somit Voraussetzung für ein ungetrübtes
Spielvergnügen.
Fazit: "COD 2" ist das Half Life unter
den Kriegssimulationen – abwechslungsreich, authentisch
und überwältigend. So hautnah konnte man
bisher weder den D-Day noch die russischen Häuserkämpfe
erleben. Wer 18 Jahre alt und im Umgang mit dem virtuellen
Gewehr geschult ist, sollte den beschwerlichen Weg
zum Ruhm auch in der Fortsetzung antreten. Die Pflicht
ruft!
#stephan kliemstein
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