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Prinzip Mineralwasser
16. Jänner 2006
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| Alles nur geklaut: Musik- und
Filmindustrie führen einen langwierigen Kampf
gegen Piraterie. Bild:
SN/epa |
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Vom kriminellen Akt zum alltäglichen Geschäft:
Der legale Download von Musik und Filmen nimmt zu.
Die Piraterie ist deswegen aber noch lange nicht am
Ende.
Die Musikindustrie befand sich
gerade auf dem Weg der Besserung - und dann das: Sony
BMG musste im Herbst 2005 kleinlaut zugeben, dass der
Kopierschutz von rund fünf Millionen verkauften
Musik-CDs eine gefährliche Sicherheitslücke
auf Computern öffnet. Überdies stellte die
Software eine Verbindung zu Sony BMG her, mit der das
Musiklabel die Hörgewohnheiten seiner Kunden ausspionieren
konnte. "CD-Player-Software telefoniert nach Hause",
kommentierte der Branchendienst Heise mit bitterer
Ironie. Inzwischen laufen in den USA mehrere Sammelklagen
empörter Kunden, die sich mit Celine Dion oder
Neil Diamond gleich auch unerwünschte Eindringlinge
auf ihren PC holten.
Der Image-GAU traf die Unterhaltungsbranche just zu
einem Zeitpunkt, als sie sich von der schwersten Krise
der Geschichte zu erholen begann. Jahrelang hatten
Plattenbosse und Künstler wie gelähmt dabei
zugesehen, wie der neue "Vertriebsweg" des Gratis-Downloads
ihre Umsätze ins Bodenlose fallen ließ.
Das massenhafte unerlaubte Kopieren, verniedlichend
und harmlos als "Filesharing" (Dateienteilen) bezeichnet,
leitete die größte Revolution im Musikbusiness
seit der Erfindung der Tonaufzeichnung ein. Die Zutaten:
Weltweite Netzwerke wie Napster, Gnutella oder Kazaa, Ärger über
teure CDs und eine "Geiz-ist-geil"-Mentalität,
kombiniert mit der Überzeugung, dass es "eh keine
Armen" treffe.
Nun hatte zwar die Jugend noch in keiner Generation
das Geld, um sich all die Musik zu kaufen, die sie
haben wollte. Aber noch nie war es so leicht, sie sich
geldbörsenschonend zu besorgen. Über die
Bemühungen ihrer Väter und Mütter mit
Kassettenrekordern (samt dem Ärger über Radiomoderatoren,
die in die Musik hineinquatschten) kann die "Generation
Download" nur milde lächeln. Via P2P-Netzwerk
("Peer to Peer" - von Nutzer zu Nutzer, ohne zentralen
Server) wird "gesaugt", dann auf CD gebrannt oder auf
den USB-Stick gespeichert - fertig. Und weil es so
einfach und schnell geht und die Datenautobahnen immer
breiter werden, funktioniert das "Prinzip Download" auch
bei Filmen, Software oder Spielen. Kein Kino-Blockbuster,
kein Game-Hit, keine Pop-CD, die nicht über dunkle
Kanäle oft schon vor der offiziellen Präsentation
verfügbar wird.
"Akzeptiert Filesharing - oder sterbt!", schrieb US-Musikproduzent
John Snyder seinem Branchenverband NARAS auf dem Höhepunkt
der Download-Welle ins Stammbuch. Snyder empfahl seinen
Kollegen, von einer ganz anderen Branche zu lernen: "Wie
bringt man die Menschen dazu, für etwas zu bezahlen,
das sie sich anderswo auch gratis holen können?
Mineralwasser ist das beste Beispiel dafür." Anstatt
Leitungswasser zu trinken, würden die Leute deshalb
Mineralwasser kaufen, "weil es bequem ist und weil
wir überzeugt sind, dass es sicherer, reiner ist,
dass es 'besseres' Wasser ist", dozierte
der Produzent.
In diesem Sinn gibt es das bequeme Herunterladen von
Musik inzwischen nicht mehr nur in krimineller Form,
sondern ist bereits normaler Verkaufsalltag geworden.
In der Vorweihnachtszeit 2005 wurden nach Angaben von
Marktforschern allein in den USA mehr als 20 Millionen
Musikstücke auf dem Online-Weg käuflich erworben.
Laut den Marktanalytikern der NPD Group wurden 2005
erstmals mehr MP3-Player als CD-Abspielgeräte
verkauft. Die berüchtigten Tauschbörsen sind
inzwischen zu legalen, kostenpflichtigen Portalen geworden
oder haben unter juristischem Druck den Betrieb einschränken
müssen.
Alles wieder in Butter also in der Unterhaltungsbranche?
Keineswegs. Analysen zeigen, dass P2P einen Anteil
von 50 bis 70 Prozent am gesamten Datenverkehr ausmacht.
Mit anderen Worten: Die Gemeinde der Daten-Tauscher
verursacht zumindest gleich viel Verkehr wie die normalen "Surfer" im
World Wide Web. Speziell die umfangreichen Video-Pakete
machen einen großen Anteil des Volumens aus.
Im Videobereich läuft der Wettlauf der Großen
der Internet-Branche untereinander ebenso wie gemeinsam
gegen die Illegalen. Mit Rundum-Angeboten - neben TV
gibt es auch Musik, Nachrichten, Suchmaschine und Telefonie
- nehmen die Big Player den Kampf gegen die Piraterie
auf. Erst vor wenigen Tagen präsentierte etwa
Google einen eigenen "Video Store" auf der US-Seite.
NBA-Basketballspiele oder Serien wie "C. S. I." und "Star
Trek" sind ab 50 Cent zu erwerben. Auch das Online-Portal "MySpace" wird
neben Kontaktbörse, Weblog, Fotoalbum und Musikportal
um ein Video-Service erweitert.
Jugend verweigert den Kauf von CDs Dass Fernsehen
und Internet auf diese Weise immer mehr zusammenfließen,
ist nur logisch. Für die Generation der heute
15- bis 24-Jährigen ist "Herunterladen" schon
so selbstverständlich geworden, dass sie diese
Gewohnheit auch beim Fernsehen wie selbstverständlich
anwenden wird. Alle Trendforscher sind sich einig,
dass der TV-Seher der Zukunft sich sein Menü selbst
zusammenstellt.
Bestätigt wird die Rebellion bei der Mediennutzung
von einer Studie des US-Instituts Jupiter Research,
das die Ergebnisse zur Musiknutzung in Europa vom Herbst
2005 als eine "demographische Zeitbombe" bezeichnete.
Nur fünf Prozent der von Jupiter Research Befragten
gaben demnach an, für Musikdownloads aus dem Netz
zu bezahlen. Für die jüngeren Konsumenten
ist die Musik-CD mindestens so out wie die Vinyl-Schallplatte.
Fast die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen erklärte,
dass sie lieber CDs kopiere als sie zu kaufen, weil "der
Gegenwert nicht stimmt".
Fast schon wie ein verzweifelter Hilfeschrei wirkt
da eine Aktion des "Verbands Deutscher Musikschaffender" (VDM).
Er präsentierte Musik-CDs mit dem Vermerk "ohne
Kopierschutz". Offensiver fiel die Entschuldigung von
Sony BMG nach dem Kopierschutz-Debakel aus: Betroffene
konnten ihre CDs tauschen - gegen Gratis-Downloads
aus dem Internet.
#gerhard öhlinger
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