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Gewaltspiele im Visier
15. Oktober 2005

Geschichte der Video- und Computerspiele - Gewaltspiele im Visier - Spieleentwicklung
Militärakademie auf Rekrutenfang: America's Army. Bild: SN/america's army  

So genannte Ego-Shooter stehen bei PC- und Konsolenspielern hoch im Kurs. Diese Popularität nutzt das US-Militär seit Jahren zu Rekrutierungs-zwecken.

Bei der Diskussion über Gewaltdarstellungen in Videospielen und deren Auswirkungen auf den Spieler scheiden sich die Geister: Die Erkenntnisse und Studien reichen – je nach Auftraggeber und Betrachtungsweise – von „gewaltfördernd“ über „bedenklich“ bis hin zu „empfehlenswert“.

Speziell so genannte Ego-Shooter, in denen der Spieler aus der Ich-Perspektive heraus handelt, stehen oft im Kreuzfeuer der Kritik. Der wohl bekannteste Vertreter dieses Genres ist „Counter-Strike“, ein Online-Spiel, in dem zwei Teams – Terroristen und Anti-Terroreinheit – gegeneinander kämpfen.

Zu trauriger Bekanntheit gelangte das Spiel im Jahre 2002 durch den Amoklauf von Erfurt, bei dem der 19-jährige Peter Steinhäuser in seiner ehemaligen Schule, dem Gutenberg-Gymnasium, 13 Lehrer, zwei Schüler, einen Polizisten und sich selbst mit Pistolenschüssen tötete. Auf der Festplatte des Täters fanden die Ermittler unter anderem auch „Counter-Strike“, welches daraufhin von der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) unter die Lupe genommen wurde. Trotz geäußerter Bedenken sprachen sich die Jugendschützer damals aber gegen eine Indizierung aus, da bei dem Spiel Teamwork und Strategie im Vordergrund stünden.

Wissenschafter der Loyola Universität in Chicago gehen noch einen Schritt weiter: Aus einer Studie des Jahres 2002 geht hervor, dass „Counter-Strike“ aus soziologischer Sicht auf Grund der Gemeinschaft und der Kommunikation sogar zweifellos gut für die Spieler sei.

Dave Grossman, ehemaliger Psychologe an der US-Militärakademie in West Point, kann diese Meinung nicht teilen: In seinem Buch „Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?“ vertritt er die Ansicht, dass Ego-Shooter den Spieler in einer Art Reiz-Reaktionstraining aufs Töten konditionieren.

Aber trotz aller unterschiedlicher Meinungen steht eines fest: Ego-Shooter erfreuen sich größter Beliebtheit. Die Spiele „Halo“ und „Halo 2“ von Microsoft zum Beispiel wurden 13 Millionen Mal verkauft. Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson wird die Geschichte rund um den Elitesoldaten „Master Chief“ demnächst sogar verfilmen.

Die Popularität der Ego-Shooter und die damit verbundene breite (und hauptsächlich männliche) Zielgruppe hat aber auch eine andere Institution für sich erkannt: die Armee der Vereinigten Staaten.

Da in den USA keine allgemeine Wehrpflicht herrscht, unterliegen die Rekrutenzahlen Schwankungen. Ein Tiefststand Ende der 90er-Jahre brachte die US-Army sogar dazu, ein eigenes NASCAR-Tourenwagen-Team zu gründen. Colonel Casey Wardynski, ein Wirtschaftsprofessor der Militärakademie in West Point, hatte eine weitaus günstigere Idee: Er schlug vor, mittels einer öffentlich zugänglichen und kostenlosen Militärsimulation junge Amerikaner für den Dienst an der Waffe zu begeistern.

Am 4. Juli 2002, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, war es dann so weit: „America’s Army“ stand auf den vom Militär eingerichteten Servern zum Download bereit. Das Spiel wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem der beliebtesten Online-Shooter weltweit – und Colonel Casey Wardynski zum Leiter des gesamten Projekts.

Entwickelt wurde die Simulation vom armeenahen MOVES-Institut in Monterey (Kalifornien), die Internetadresse ist auf die Militärakademie in West Point registriert.

„America’s Army“ ist aber nicht nur ein kostenloser High-Tech-Ego-Shooter: Es ist in erster Linie Propagandawerkzeug, welches den Spieler für die US-Armee zum gläsernen virtuellen Soldaten werden lässt. Eine Registrierung und eine ständige Online-Verbindung ist zwingende Voraussetzung, um einzelne Missionen freischalten und abschließen zu können. Das Militär kann so theoretisch jeden Schritt des Spielers aufzeichnen. Neue Kampfszenarien könnten millionenfach „getestet“ und die Ergebnisse für eigene Zwecke ausgewertet werden. Zusätzlicher Nebeneffekt: Die Cyber-Soldaten sind für ein Rekrutierungsangebot jederzeit per E-Mail erreichbar.

Beim virtuellen Tod fließt kein Blut

Loyalität, Pflicht, Respekt, Ehre – in den Zwischensequenzen und während der Ladevorgänge werden dem Spieler die Werte und Ziele der US- Armee näher gebracht.

Das Spiel selbst präsentiert sich schnell, taktiklastig und technisch perfekt. Nur eines fehlt: der Tod. Das Ableben der Gegner mutet hier eher wie ein plötzlicher Schlafanfall an. Wenn jemand in der Realität aus nächster Nähe erschossen wird, ist das sicher kein sehr schöner Anblick – das will die Army den potenziellen Rekruten offensichtlich (noch) nicht zumuten.

Die Möglichkeit, dass sich unehrenhafte Spieler absichtlich auf die Seite des Feindes schlagen, haben die Entwickler von vornherein unterbunden: Jeder Spieler sieht sich selbst als US-Soldat – für die „gegnerische“ Einheit erscheint er allerdings in Gestalt des „Feindes“.

Derzeit sind fast sechs Millionen Benutzer bei „America’s Army“ registriert. Eine Umfrage unter Rekruten des Jahrgangs 2003 zeigte einen ersten Erfolg der PR-Offensive: Fast 20 Prozent gaben an, den Shooter vorher schon gespielt zu haben.

Die US-Army ist mit dem vom Steuerzahler finanzierten und als Rekrutierungswerkzeug beworbenen Simulation noch nicht ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik gekommen. Laut Michael Zyda, ehemals Leiter des MOVES-Instituts, liegt das daran, dass die Bevölkerung seit den Anschlägen vom 11. September 2001 alles großartig findet, was das Militär macht.

#michael einböck

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  Die Serie "Digitaler Spielplatz" war von 14. - 17. Oktober 2005 in den Salzburger Nachrichten zu lesen.  
Geschichte der Video- und Computerspiele - Gewaltspiele im Visier - Spieleentwicklung
 

 

America's Army
 
  INTERNET
www.americas army.com
Die offizielle Site von "America's Army".
 
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