Spielplatz
Cyberspace
19. Oktober 2005
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| Heisse Games zu später
Stunde. Bild:
SN/microsoft |
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Von promovierten Juristen auf Terroristenjagd
und betrunkenen Ferrari-Fahrern: Eine Nacht in den
unendlichen Weiten der vernetzten Spielkonsolen.
0.30 Uhr: Robert L. schreckt hoch. Ein Geräusch
hat ihn aus dem Schlaf gerissen. War das ein Schuss?
Aus dem Zimmer seines Bruders Thomas hört er ein
kurzes fluchen, dann Stille. Nach einiger Zeit setzt
leises Surren ein. Dann undefinierbares Getöse.
Motoren heulen auf, Reifen quietschen, Glas splittert.
„Willkommen im Cyberspace“, seufzt Robert.
Sein Bruder sitzt wieder einmal an seiner Spielkonsole
und schlägt sich die Nacht um die Ohren. Früher
tat er das wenigstens mit Kopfhörern, aber seit
er über seine Breitband-Internetverbindung mit
tausenden anderen Spielern rund um den Globus vernetzt
ist, sitzt er mit Controller und Headset „bewaffnet“ in
seinem Lederfauteuil und hört nicht mehr auf zu
tratschen, lachen, schreien.
Robert tastet sich aus seinem Zimmer in den Flur,
um diese ungeplante Pause seines wohlverdienten Schlafes
wenigstens zur Erleichterung der Blase zu nützen.
Diffuses und wild flackerndes Licht dringt aus Thomas’ Zimmer. „Hi
Tom, danke für’s Aufwecken!“, sagt
Robert im Vorbeigehen. Plötzlich bleibt er stehen, öffnet
die Türe noch ein kleines Stück, streckt
seinen Kopf ins Zimmer und lacht: „’Tschuldigung – Mighty
Tom!“
So nennt sich Thomas in der Welt der Videospiele.
Mächtig ist er zwar nicht gerade mit seinen 1,70
Metern und in seinem Beruf als Angestellter in der
Rechtsabteilung eines Unternehmens sieht er mit Anzug
und Krawatte auch nicht unbedingt zum Fürchten
aus. Aber sich nice_little_tom zu nennen – Anglizismen
dominieren übrigens die Namenswahl –, würde
den Online-Gegnern schon von vornherein einen psychologischen
Vorsprung verschaffen. Also doch lieber mächtig
und böse.
Über den Fernsehschirm flackert ein wildes Rennen.
Seine angeborene Neugier lässt Robert den Gang
zur Toilette vergessen und er lässt sich lässig ins
Fauteuil fallen. „Hör’ dir
das bitte an!“, sagt Thomas grinsend und deutet
auf den Fernseher.
Robert kann einen Wiener Dialekt erkennen. Mit aufgeregter
Stimme – und offensichtlich schwer angeheitert – versucht
der Spieler, einem deutschen Fahrer begreiflich zu
machen, wieso ihn denn sein Lieblingsbier so erfrische.
Sein Benutzername: rocketman_69. Im knallroten Ferrari
dreht er seine Runden durch die computergenerierte
Innenstadt von London. Aber trotz seines Rausches hat
der „Raketenmann“ seinen Wagen ganz gut
im Griff. Zumindest besser als Thomas, der zwei Kurven
später einen ungewollten Ausflug in den Hyde Park
macht. Robert erinnert sich an ein Lied einer Wiener
Rockgruppe aus den späten 90er Jahren: „Blunznfett
im Internet“ – und er findet das irgendwie
passend.
Plötzlich erscheint eine Nachricht von Benutzer
justice_1 auf dem Bildschirm. Spieler justice_1 ist
ein Studienfreund von Thomas, der nebst seiner Spielkonsole
auch einen Doktortitel sein eigen nennt. Die beiden
treffen sich häufig im Spiele-Cyberspace. Sie
unterhalten sich dann über alte Zeiten, die Arbeit,
das Wetter. Und nebenbei spielen sie ein paar Fußball-Länderspiele,
gewinnen Grand-Slam-Turniere und werden Rallye-Weltmeister.
Und ab und zu haben die beiden die Nase voll von der
Juristerei, gönnen Justizia eine Auszeit und nehmen
die Jagd nach Verbrechern selbst in die Hand. Sie schleichen
dann nächstens durch verschneite Bergdörfer,
kriechen durch enge Gänge oder stürmen ein
von Terroristen besetztes Haus. Alles bequem von der
Couch aus.
Ein Flughafen ist diesmal das Ziel des Einsatzes.
Robert bleibt der Mund offen stehen, als er bemerkt,
dass sich die Lippen des Avatars von justice_1 – als
Avatar wird das Computerabbild des Spielers bezeichnet – synchron
zu dessen gesprochenen Worten bewegen.
Für viele Worte bleibt den beiden aber sowieso
keine Zeit, denn die virtuelle Luft wird zunehmends
von Geschossen durchsiebt.
Robert findet, dass Thomas auch richtig gefährlich
aussieht mit seinem nächtlichen Kampfanzug - dem
blau-weiß-gestreiften Pyjama und den dicken Wollsocken.
Nach einigen Niederlagen und der Erkenntnis, dass
das Böse immer und überall lauert, haben
die beiden keine Lust mehr auf wildes Geballere. Sie
verschanzen sich in einem abgelegenen Raum und tratschen
noch kurz über ihre Arbeit, die Freundinnen und
dass sie sich demnächst unbedingt wieder einmal
im wirklichen Leben treffen müssen.
Mittlerweile ist es bereits nach 4.00 Uhr und Roberts
Blase erinnert ihn mit Nachdruck daran, dass er eigentlich
auf dem Weg zur Toilette war. Und das konnte ihm noch
kein Avatar der Welt abnehmen . . .
#michael einböck
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