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Tomte im Glück
2. November 2005

Tomte - Thees Ullmann - FRITZ-Exklusiv-Interview
Mit sich und der Welt zufrieden: Thees Uhlmann von Tomte. Bild: SN/ghvc  

Thees Uhlmann, Sänger der Hamburger Indiepop-Band „Tomte“, im FRITZ-Interview über das kommende Album, akute Lebensfreude und Berliner Rap.

FRITZ: Thees, das neue Album erscheint im Frühjahr – wie wird es heißen?

Uhlmann: Das wissen wir noch nicht, da gehen grade die Band-Emails hin und her und alle machen Brainstorming. Bei uns ist es ja so, dass es immer irgendeine Zeile aus einem Text wird.

FRITZ: Was ist denn dein Favorit?

Uhlmann: Es gibt einen Satz, den find ich ganz gut: „Man fühlt sich, als habe man die Liebe erfunden.“ Aber das würde dann zu kitschig werden, deshalb geht das nicht. Aber ich finde es schon einen guten Satz.

FRITZ: Wie ist denn die Album-Produktion gelaufen?

Uhlmann: Gut. Wir haben nicht konzentriert vier Wochen zusammengehockt, sondern immer nur einen Teil aufgenommen. Damit sich die Kunst sozusagen ihren Weg bahnt, das fand ich angenehm.

FRITZ: Und hat sie sich ihren Weg bahnen können?

Uhlmann: Hat sie, ja. Ich hab mich heute zum ersten Mal in einem Duett gehört und war am Sonntag erstmals dabei, wie Geigen aufgenommen werden für ein Stück von mir und das fand ich super.

FRITZ: Sven Regener hat ja auch Trompete aufgenommen für euer Album.

Uhlmann: Woher weißt du das?

FRITZ: Tja, gut informiert.

Uhlmann (lacht): Stimmt, das war auch ein heiliger Moment für uns: Dass der große mittelalte Mann der deutschen Popmusik bei uns Trompete spielt. Es war herrlich. Wir sind ja schon länger mit Element of Crime freundschaftlich verbandelt, aber den dann zu sehen, wie er auf der Trompete spielt, das war Wahnsinn. Ein großer Moment für die Band.

FRITZ: Von eurem Produzenten Swen Meyer sagst du ja, er sei das sechste Bandmitglied.

Uhlmann: Ja, weil er einfach Einfluss nimmt und sagt: „Wollt ihr das nicht so oder so machen“. Dann sagt man erst mal „Nein“, dann denkt man drüber nach, weil es ja schließlich von Swen Meyer kommt und dann macht man’s im Endeffekt auch so. Also, es war extrem toll, mit ihm zusammenzuarbeiten.

FRITZ: Du hast vorhin von diesem kitschigen Satz erzählt. Sind Liebe und alltägliche Befindlichkeiten wieder die zentralen Themen?

Uhlmann: Es ist halt die Abbildung meines Lebens, weil ich aus einem unglaublichen Maß an Arroganz heraus Platten für mich selber schreibe. Bei mir hat sich einiges getan: Ich bin von Hamburg nach Berlin gezogen, ich war in Amerika… das färbt natürlich alles ab. Deshalb heißt ja ein Song zum Beispiel auch „New York“. Das ist für mich wieder spektakulär, weil es halt ein Lied von Frank Sinatra, ein Lied von Richard Ashcroft und jetzt auch ein Lied von Tomte gibt, das „New York“ heißt.

Thematisch ist das halt wieder sehr Tomte-mäßig, aber ich habe mich privat halt sehr verändert.

FRITZ: Stichwort Amerika: Was hat dich dorthin geführt?

Uhlmann: Ich war eingeladen, an zwei kalifornischen Universitäten Vorträge über deutsche Popmusik zu halten und dann hab ich noch die Weakerthans (befreundete Band, Anm.) in Kanada besucht. Das war wahnsinnig aufregend.

FRITZ: Also eine große Sache für dich?

Uhlmann: Ja. Das lief auch ganz unkompliziert. Da hat mir jemand über Email geschrieben, ob ich kommen will, und ich hab mich natürlich erst verarscht gefühlt. Dann hat der aber noch mal geschrieben und ich dachte: „O.K., dann such ich mir jetzt mal einen Flug raus.“ Und das war natürlich ein großer Moment. Einer von vielen, seitdem wir die letzte Platte herausgebracht haben. Vor „Hinter all diesen Fenstern“ haben wir über so viele Sachen gesungen, die wir erreichen wollten, und die haben wir dann auch erreicht und das ist halt der Wahnsinn.

FRITZ: So gesehen, wäre die Produktion des neuen Albums ein ganz neuer Abschnitt: Das erste Album, das man als bereits erfolgreiche Band macht.

Genau richtig. Wir haben mehr zusammen Musik gemacht, wir sind als Band fester zusammen, wir haben Sachen erreicht … (grübelt). Wir haben beim Donauinselfest auf der FM4-Bühne vor 20.000 Leuten gespielt und haben uns ganz gut gemacht. Das sind Sachen, die bleiben in meinem Kopf kleben.

FRITZ: Zurück zum Album: Nach „Hinter all diesen Fenstern“ war der Trubel relativ groß. Hast du Sorge, diesen Erfolg nicht wiederholen zu können?

Uhlmann: Man plagt sich natürlich schon damit rum. Nach „Hinter all diesen Fenstern“ gab es halt erst mal Euphorie und ich konnte auch nicht gut Musik schreiben in der Zeit danach, weil ich einfach so viele Sachen erreicht hatte, die ich mir erträumt hab. Marcus Wiebusch sagt immer: „Kunst braucht seine Zeit, zu atmen.“ Und die Zeit hab ich mir dann halt genommen und hab mich dem langsam angenähert. Natürlich wäre man traurig, wenn man es nicht mehr schafft, erfolgreich zu sein. Aber im Endeffekt bin ich so stolz auf die Platte und die Band. Ich mache lieber ne spitzenmäßige, unerfolgreiche Platte, als eine schlechte erfolgreiche.

FRITZ: Ist das neue Album auch musikalisch ähnlich?

Uhlmann: Man wird schon auch Veränderungen raushören. Aber es ist natürlich Tomte, das ist das, was ich mache und kann. Von uns hat wahrscheinlich keiner Minimal-Techno erwartet. Es sind halt einfach … (überlegt) … große Rocksongs!

FRITZ: Ich habe gelesen, dass auch die anderen Mitglieder Songs geschrieben haben. Stimmt das?

Uhlmann: Dennis (Becker, Gitarrist, Anm.) hat einen Song gemacht. Den Rest hab ich gemacht. Ich habe das als sehr angenehm empfunden, Musik zu spielen, die jemand anderer gemacht hat.

FRITZ: Das machst du ja jetzt auch bei der Hansen Band. Im dazugehörigen Film „Keine Lieder über Liebe“ hast du ja auch die Rolle eines Musikers gespielt – Thees Uhlmann, der Filmstar?

Uhlmann: (Lacht). Na ja, Filmstar, ich habe ja mehr oder minder nur mich selber gespielt. Mit der Hansen Band wollen wir jetzt einfach ein paar Konzerte spielen und dann werden wir mal sehen. Wir sind froh, dass wir das gemacht haben. Das amüsiert mich halt im Alltag, dass ich jetzt mit Jürgen Vogel rumhänge und mit ihm einen Film gedreht habe, der auf der Berlinale gelaufen ist, wo ich den roten Teppich runter gelatscht bin. Man muss einfach kucken, was passiert. Ich mache gerne Haken in meinem Leben und tu Sachen, die ich noch nicht gemacht habe. Jetzt hab ich halt einen Film gemacht.

FRITZ: Fällt es dir beim Haken machen leicht, Sachen hinter dir zu lassen?

Uhlmann: Nee, aber ich kucke mir gerne die Summe der Haken an.

FRITZ: Aber oft muss man dabei ja etwas zurücklassen.

Uhlmann: Klar, aber das muss man einfach abwägen. Ein Motto von mir ist: „Stelle dein privates Glück niemals unter das berufliche.“ Das habe ich halt gemacht, indem ich nach Berlin gezogen bin. Ich war halt immer ein Typ, der weiter gezogen ist. Manchmal findet man das schwer, aber bis jetzt habe ich mehr richtige Entscheidungen als falsche getroffen, glaube ich. Mit dem Resultat, dass ich sehr, sehr glücklich bin.

FRITZ: Man könnte den Eindruck gewinnen, dass alles am Schnürchen läuft…

Uhlmann: Ich weiß, was du meinst … und es klappt ja auch wie am Schnürchen. Aber wenn wir dieses Interview vor vier Jahren geführt hätten, hätte ich dir sagen müssen, dass hier überhaupt nichts klappt und dass ich bald aufhören muss, Musik zu machen, weil ich mich nicht mehr finanzieren kann.

Das ist natürlich eine Erfolgsgeschichte. Wir haben ja auch jahrelang rumgeschraubt, um das zu erreichen. Aber natürlich sehe ich immer noch den Typen vor fünf, sechs Jahren, wo alles gar nicht rosig aussah.

FRITZ: Kleine Plattenfirmen wie „Tapete“ oder „Saddle Creek“, die auch Gitarrenmusik veröffentlichen, sind zurzeit recht erfolgreich. Gibt es einen Trend zurück zu handgemachter Musik?

Uhlmann: Ich glaube, dass diese Szene immer da war und jetzt stärker ins Licht gekommen ist. In drei Jahren wird sich das alles wieder geändert haben. Aber naja: Du kannst du natürlich sagen, es gibt einen Trend zu handgemachter Musik. Aber es gibt es auch einen Trend dazu, Musik zu hören, die total sexistisch, menschenverachtend, und musikalisch schlecht gemacht ist – nämlich deutschen Aggro-Hip-Hop, wo politisch wie musikalisch ein Rückschritt gemacht wird. Darin gibt es Gedanken, die irgendwie aus 1963 kommen könnten. Wo jemand wie (der Rapper, Anm.) Bushido sagt, die Frau gehöre an den Herd. Das ist halt ne harte Sache. Und das gibt mir auch genug Energie weiterzumachen, und zu sagen: „Das ist vielleicht deine Meinung, aber die ist von 1963 und wir haben 2005.“

FRITZ: Bushido wurde ja in Linz verhaftet.

Uhlmann: Ich weiß. Da hab ich mich gefreut (lacht). Nein, nicht gefreut, aber das ist natürlich eine absurde Geschichte. Und außerdem ein laufendes Verfahren, man darf ja nicht vorverurteilen. Jemand ist unschuldig, bis das Gericht ihn verurteilt hat. Aber schon absurd. Schon alleine Reifen zerstechen und Leute zusammenschlagen, das sind beides Sachen, die ich noch nie in meinem Leben gemacht habe. Und ich plane auch nicht, das zu tun. Finde ich auch so 1963-Sachen.

FRITZ: Eine letzte Frage noch: Du klingst zufrieden, Tomte sind ebenso wie das „Grand Hotel“ recht erfolgreich – wie lange geht der Traum so weiter?

Uhlmann: Oh Gott. Das sag ich nicht. Sonst fangen die Leute noch an, bei Buchmachern darauf zu wetten. Ich bin überhaupt kein Freund des Satzes, der in schlechten Studenten-WG’s am Kühlschrank hängt: „Lebe jeden Tag deines Lebens, als wäre es dein letzter“. Ich finde das kurzsichtig und peinlich, so zu denken. Ich freue mich zurzeit einfach über den aktuellen Erfolg von Kettcar, dass ich das erste Mal Streicher zu einem Lied von mir gehört habe, oder dass ich in ein paar Stunden meine Freundin wieder sehe. Ich nehme mir schon mal den Luxus der akuten Freude.

FRITZ: Beim letzten Mal, als wir miteinander sprachen, hast du mir noch gesagt, dein größtes Ziel wäre es, eine Tomte-Platte auf Englisch zu übersetzen und dann in Großbritannien zu veröffentlichen…

Uhlmann (fällt ins Wort): Das wurde alles ein wenig verschoben wegen der Arbeit mit dem „Grand Hotel“, aber Marcus Wiebusch hat mir gestern ins Gesicht geschlagen und gesagt, dass er für mich Studiotermine bucht und ich die Platte auf Englisch aufnehmen soll. Also seit gestern ist das wieder akut. Mein Gott, wir sprechen auch wirklich an historischen Momenten. Ich kenne jede verdammte Mülltonne zwischen Flensburg und Graz, da muss noch mal was gehen jetzt in Dänemark oder Ecuador oder wo auch immer.

#tobias pötzelsberger

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Tomte - Thees Ullmann - FRITZ-Exklusiv-Interview
 

 

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