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30 Minuten bei Robbie W. ...
20. November 2002
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| Superstar und Entertainer Robbie
Williams Bild: SN/apa |
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... oder: Wie die Rituale des Marktes und ihre
unterbelichteten Medien-Erfüllungsgehilfen die
Leere zum Event machen.
"Sie haben wahrscheinlich mitbekommen, dass meine
Plattenfirma im Überfluss lebt, drum spiel' ich
jetzt selber Gitarre." Robbie Williams mag's gern
so ironisch. Im Abwärtstrend, in dem der Unterhaltungsindustrie
das Lachen längst vergangen ist, baute auch seine
Firma EMI Arbeitsplätze ab. 1800 etwa. 100 Mill.
Pfund Einsparung, heißt es. EMI bleiben davon
20 Mill., denn 80 Mill. bekommt Williams für seinen
neuen Vertrag. So kritisch mag das heute aber keiner
betrachten. Heut' ist Robbie da! Leibhaftig! Das ist
Botschaft genug. Mit etwa 20 Mill. verkauften Alben
ist er einer der beliebtesten, also erfolgreichsten,
also besten Künstler auf dem Markt. Draußen
an den Absperrgittern in der Wilhelmsstraße warten
verzückte Fans. Drinnen in der britischen Botschaft
warten 250 Journalisten - und jede Menge aufgeregtes
Plattenfirmen-Personal, das ihm nie näher kommen
wird als heute.
Als Ikarus der Boy-Group-Ära der 90er Jahre schwang
sich Williams (ehemals bei Take That) auf zum Alleinflug.
In der Sonne des Startums schien er schnell zu verglühen,
löschte zu heftig, stürzte dabei in ein paar
Jahren öfter ab als andere im ganzen Leben und
begann langsam zu ertrinken. Er lernte schnell Schwimmen.
Die Kunst, sich an der Oberfläche zu halten, rettete
ihm das Leben. Ja dank seines augeprägten Talents
für Entertainment wurde er ein ganz Großer
- für die Yellow Press genauso wie für das
Pop-Feuilleton.
Nun gibt es weltweit eine Pressekonferenz, weil es
ein neues, sein fünftes Solo-Album "Escapology"
gibt. Ein Album zu veröffentlichen sei für
ihn "derzeit der größte Kick",
sagt er und deutet so an, von sonstigen Mitteln der
Aufputschung geheilt zu sein - ohne es zu sagen. Aber
sonst? "Warum spielst du Open-Airs?" - "Wie
sieht deine Traumfrau aus?" - "Was sagst du
zu den Soloarbeiten deiner Ex-Take-That-Kollegen?"
Ein Trauerspiel, für einen, der auszog um poppig
erwachsen zu werden. Aber was tun? Der Markt hat Gesetze.
Wir folgen. Der Pop hat Rituale. Wir glauben. Denn trotz
Al Kaida wirken die Sicherheitsvorkehrungen beim Betreten
der britischen Botschaft so übertrieben, als erwarte
man hier einen unberechenbaren Popstar-Rüpel, der
die Revolution ausrufen könnte: Anarchy in the
Embassy. Aber Robbie ist heut eh verkühlt.
"Ich habe keine Ahnung", sagt Williams, der
für ein halbes Stündchen Plaudern kurz aus
London anreiste. Er sagt es auf die Frage, warum Berlin
als Austragungsort gewählt wurde. Angeblich bricht
hier vieles auf - nicht nur die Fassaden der trostlosen
Ost-Gebäude.
Vielleicht ist er ja da, weil hier - ein paar hundert
Meter östlich vom Brandenburger Tor - der Westen
immer zum Greifen nahe schien. Jener Westen, der ihn
als Pop-Star bisher ignorierte: die USA. "Ach,
wissen Sie, Amerika, das ist so viel Arbeit und ich
bin faul. Überall auf der Welt hören die Menschen
meine Musik. Na ja, in Japan noch nicht so, daran arbeiten
wir. Aber Amerika, ach nein. Der Markt interessiert
mich überhaupt nicht. Er ist mir egal." Angeblich
gibt es in seinem neuen Vertrag eine Klausel, die ihm
garantiert, dass alles getan werde, um ihn durchbrechen
zu lassen auf die andere Seite des Atlantiks. Wenn er
dann fragt, wo dieses "Amerika denn eigentlich
liegt", gibt's Gelächter.
Freilich reicht's auch ohne USA für ein schönes
Leben. Und er ist ja bescheiden. "Keine Ahnung,
was ich mit dem Geld mache", sagt er, bezogen auf
den neuen Vertrag, "vielleicht fülle ich einen
Raum mit Süßigkeiten." Außerdem
sei er ja "eine Berühmtheit" und die
hätten bekanntlich "teure Scheidungen".
Ausverkaufte Arenen und Nummer eins von Schottland bis
Ungarn, schön und gut, aber richtig groß
- so wie sein Vorbild Sinatra, will er sein. Das bist
du nur, wenn jedes Eck der Welt deine Lieder summt.
"Amerika? Wo liegt das?", fragt er und
wird ignoriert
Die schreibt er von jetzt an übrigens selber,
sagt er. Denn eine Gewissheit brachte der Nachmittag:
Er arbeitet künftig nicht mehr mit Ko-Autor und
Produzent Guy Chambers zusammen. Dass er Chambers exklusiv
an sich habe binden wollen, bezeichnet Williams als
"Lüge". Persönliche Gründe
führten zur Trennung. Klar ist, dass Williams mit
Chambers jenen Partner verliert, der ihm Songs auf den
Leib schneidern konnte. Soll man da einen Zusammenhang
mit der Begrüßung erkennen? "Das ist
mein Höhepunkt. Von nun an kann's nur noch bergab
gehen", eröffnete er die Press-Show grinsend.
Alle grinsen mit. Aber "eh lustig" und ganz
schön banal und wurscht liegen nahe beisammen.
"Wurscht" ist langweilig. Gibt es Schlimmeres,
das man über die Industrie des Entertainments sagen
kann.
#bernhard
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