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Jenseits des Schmerzes
28. Oktober 2002
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| Unvergessener Grunge-Gott Cobain
Bild:Eed Sirrs |
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Vor achteinhalb
Jahren jagte sich Kurt Cobain mit einer Ladung Schrot
ins Nirvana. Nun gibt es Neues vom Rock-Messias der
Generation X zu hören.
"Pain, Paiiin, Paiiiiiiiiin." Und es klingt
nicht einfach nur gesungen. Vor Schmerz gekrümmt
klingt das. Und zwischen den Schmerzensschreien findet
dieser "Pain" seine Ende, seine Erfüllung:
"I will move away from here . . . I have never
felt this well." Langsam baut sich der Song auf,
lässt eine letzte Kerze der Hoffnung flackern.
Sie brennt aus. Sie erlischt im Sturm, den Schlagzeug,
Gitarre und Bass entfachen. Mitten in diesem Sturm leidet
Kurt Cobain. Es ist ein Song im klassischen Stil von
Nirvana, aufgenommen in einer Tourpause im Jänner
1994.
Freilich lässt sich "You Know You're Right",
ab heute offiziell zum Kauf angeboten (im Internet gab's
den Song schon früher zu hören), problemlos
schmerzhaft spüren. Wir wissen schließlich,
dass Cobain nur neun Wochen nach dieser Aufnahme tot
war. In seinem Haus in Seattle setzte er sich am 5.
April 1994 einen letzten Schuss Schrot. Eine "keineswegs
ansehnliche Leiche" fand die Polizei. Die Geschichtsschreibung
des Rock befand: "Klassischer Rocktod."
Cobain, 1967 geboren, aufgewachsen im ländlichen
Aberdeen im Bundesstaat Washington, war "eine der
strahlendsten Figuren der Musikwelt", schrieb die
New York Times. Aus wütenden Punk-Herzen und dem
Gespür für Melodie entstand Grunge. Cobain
wurde sein Gott. Ein Gott voller Ängstlichkeit,
die sich inmitten kreischenden Gitarren vergessen ließ.
Rock wurde wieder als Rebellion verstanden. Diesmal
ging es aber weniger um einen Aufstand gegen traditionelle
Werte, sondern eine oberflächliche Welt, der die
Helden selbst angehörten: "Here we are now/entertain
us."
Er kam der Industrie
wie gerufen
Der Plattenindustrie kam Cobain wie gerufen. Unter
der pastellfarbenen Oberfläche der 80er Jahre war
in den USA ein breiter Rock-Untergrund gewachsen. Die
erzkonservative, dem Kriegerischen im American Way kritiklos
huldigende Reagan-Zeit war der Boden, auf dem die "Generation
X" gedieh. Als das zweite Nirvana-Album "Nevermind"
Ende September 1991 an der Spitze der US-Charts stand,
rieb man sich in den Chefetagen die Hände.
So sehr die Helden der Urszene aus Seattle wie Pearl
Jam oder Alice in Chains auch versuchten, sich gegen
die Vereinnahmung durch das System der Konzerne zu wehren:
der rockigalternative Underground, jenes schwer zugängliche,
weil allzu individualistische Feld musikpolitischer
Korrektheit, war Mainstream geworden.
Die Parallelen mit heute lassen die Industrie - erneut
dank Cobain - auf fette Beute hoffen. Wieder manifestieren
die USA einen weltumfassenden Allmachtsanspruch. Seit
eineinhalb Jahren sind außerdem wieder ernst gemeinte,
neue Rockklänge zu vernehmen. Der Unterschied ist,
dass dieses Mal etwa bei einer Band wie The Strokes
die "Rettung des Rock" gleich von den Marketingstrategen
der Platten-Multis ausgerufen wurde. Vielleicht, so
deren Hoffnung, rettet dieser neue Rock auch die Industrie
selbst. Die schlittert nämlich wegen Internet und
CD-Brennern orientierungslos durch ihre bislang schwerste
Wirtschaftskrise.
Einer mit der unsterblichen Strahlkraft eines Rockmessias
kommt da wie gerufen. Erst recht tut er das, wenn sich
der "neue" Song so ganz und gar nach erdrückendem
Überdruss, nach totalem Weltschwerz anhört.
Daraus lässt sich bei einem wie Cobain, der als
Sprachrohr einer verstörten, verlorenen Generation
angesehen wird und dessen Tod gern als einziger Ausweg
aus dem erdrückenden, ungeliebten Idolstatus gedeutet
wird, marketingstrategisch ordentlich was machen: Je
toter, desto schneller wächst die Legende.
"Neuer" Song nur im
Paket mit Altbekanntem
Wie gerufen kam es auch, dass die Rechtsstreitigkeiten
zwischen Cobains Witwe Courtney Love und seinen ehemaligen
Bandkollegen Krist Novoselic und Dave Grohl bezüglich
der Verwertung des Nirvana-Nachlasses marktfreundlich
beigelegt wurde. Kaum zwei Monate nach der außergerichtlichen
Einigung erscheint das bisher unveröffentlichte
Lied. Wer es haben will, muss es gemeinsam mit 14 bestens
bekannte Songs auf dem Album "Nirvana" kaufen.
Eine Single rettet keine Firma.
Unter ähnlichem Aspekt werden auch Cobains Tagebücher
zu lesen sein. Im November erscheinen Auszüge aus
rund 800 handschriftlich verfassten Seiten. Der Glaube
der Verlage ist fest, dass Cobain- und Rockfans überhaupt,
massenhaft nach Antworten auf das immer noch Unfassbare
suchen werden.
Dass sich Cobain dabei selbst entzaubert und damit
eine letzte Ruhe finden könnten, wissen jene, die
die Texte ausgesucht haben, zu verhindern. Hin und wieder
scheinen sie aber vergessen zu haben, dass Cobain es
perfekt verstand, seine Zynismen und Sarkasmen mit viel
Selbstironie zu würzen. Und für die benötigt
man bekanntlich ein gutes Stück wahrhaftiger Selbsteinsicht:
"Ich habe mich vor einigen Jahren entschlossen,
mich von weißen Konzerntypen ausbeuten zu lassen,
und ich liebe es. Es fühlt sich gut an. Ich werde
meinen untalentierten, ungenialen Arsch noch jahrelang
verkaufen können, und zwar weil ich Kultstatus
besitze", steht da zu lesen.
#bernhard
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