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Heiliger Ärger
11. Juni 2003

Metallica
Metallica live in St. Quentin Bild: SN/Universal  

Nach sechs Jahren Krise schaffte die Hard-Rock-Band Metallica doch noch ein neues Album, "St. Anger". Das Werk hält, was der Titel verspricht.

Wut regiert. Zorn rast über die Saiten der E-Gitarre. Das Schlagzeug hämmert sich frei von all den Abgründen, in die Metallica in den vergangenen Jahren schaute. 70 Minuten ohne Gnade. 70 Minuten, in denen der Frust gesprengt wird. Nach sechs Jahren Pause dreschen die Herren los wie zu Beginn ihrer Karriere.

Leise waren Metallica nie. Nur schlich sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten eine gewisse Freude an der Macht mainstreamtauglicher Melodie ein - zumindest musikalisch. Damit sprengten sie die engen Grenzen ihres angestammten Terrains Speed-Metal. Der Rock wurde breiter und weicher und pompöser. Der Erfolg wurde damit immens und Metallica eine der größten Bands des Universums. Rund 85 Millionen Platten haben sie in ihrer 22-jährigen Karriere bis dato verkauft.

Das Leben jenseits von Bühnen und Studios passiert allerdings zunehmend weniger harmonisch. Zuerst engagierte man sich gegen die Internetplattform Napster. Die Freude junger, potenzieller Fans hielt sich in Grenzen. Weit ärger gebeutelt als von der Kritik an ihrer industriefreundlichen Haltung wurde die Band durch persönliche Probleme und die Unfähigkeit, au-ßer einer sinfonischen Version ihrer größten Hits in sechs Jahren auch nur irgendeinen Song zu Stande zu bringen. Die Band verstummte, stand am Rand der Auflösung. Bassist Jason Newstead schmiss das Handtuch.

Am schlimmsten erwischte es Sänger James Hetfield. Der zog sich kurz nach Beginn neuer Aufnahmen im Frühjahr 2002 in eine Entzugsklinik zurück. Nun scheinen alle Krisen bewältigt. Anteil daran hat einerseits ein Gruppentherapeut und andererseits die heilende Kraft des Krawalls. Metallica kehren im Zeichen von "St. Anger" als die wirklich harten Jungs zurück, die sie zu Beginn der Karriere waren. "Schneller, lauter und dreckiger als alle anderen" wollten sie sein. Das hatten sie ein paar Jahre nicht so ernst genommen. Nun aber geht's wieder ums Ganze und dafür muss man zum Fürchten laut und wütend sein. Songs heißen deshalb "Frantic" oder "Monster" und Textzeilen beschränken sich mitunter auf "Kill, Kill, Kill". Der kompensierte Frust löst sich schreiend von der Seele.

Das wird manche schrecken, die ansonsten brave Durchschnittshö-rer sind, sich aber mit den letzten drei, vier Metallica-Alben ein vermeintliches Reich des Bösen schaffen konnten (ohne gleich die Freundin zu verlieren). Metallica machten es möglich, dass auch Fans von Pink Floyd, von aktuellem Hitparaden-Dreck und Seichtpop-Gesäusle harte Musik hören wollten. Damit ist wieder Schluss. "St. Anger" ist gewaltig roh und ohne jeden kommerziellen Anspruch.

Dass davon auszugehen ist, dass sich das Album dennoch bestens verkaufen wird, liegt am Legenden-Stau der Band und an einer offensichtlich latent vorhandenen, ewigen Liebe zur Härte. Alle paar Jahre taucht sie aus der Versenkung auf und macht sich jenseits eines treuen, harten Fankerns in Verkaufszahlen und auf den Bühnen großer Festivals bemerkbar. So traten am vergangenen Wochenende neben Metallica auch Iron Maiden, Altvordere des Metal-Rock, als Hauptacts bei Rock im Park und Rock am Ring auf - zwei Mega-Festivals, die nicht auf harte Rocker, sondern auf ein Massenpop-Publikum zielen. Längst gehört einst verschmähte und verteufelte Härte dazu.

So gesehen dröhnt "St. Anger" eben nicht nur wie eine Musik gewordene Therapiestunde. Es klingt wie eine Reminiszenz an alte Tage, an denen es einem nur gut geht, wenn es einem schlecht geht, und heiliger Lärm und unbarmherzig unsentimentales Hämmern Heilung versprechen.

#bef
Metallica - St. Anger - Berlin
 

 

Metallica
 
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