|
Dirty Talking
3. Mai 2003
 |
 |
| Die Band Leningrad
trifft nicht nur auf Zustimmung. Bild/Repro:
SN/Neumayr, mike |
|
 |
 |
Je schmutziger und witziger, desto besser - das
Motto der russischen Band Leningrad scheint
vor allem bei Jugendlichen Anklang zu finden.
Geschniegelt wie für einen Besuch im Bolschoitheater
reiht sich eine Gruppe junger Leute in die endlose Schlange
vor dem Moskauer Club Totschka ein. Im Club
selbst herrscht gepflegte Atmosphäre. Doch als
Sergej Schnurow in seinen Bass haut, tobt die Menge.
Der Gitarrist, Sänger und Gründer der Band
Leningrad aus St. Petersburg legt sich mächtig
ins Zeug. Er singt von Alkohol, Drogen, Sex und Schlägereien,
in exzessiver und schon fast poetischer Sprache. Die
heftigen Provokationen der Band kommen bei der russischen
Jugend gut an.
Längst ist Leningrad als Zugpferd
der russischen Dirty Talk-Bewegung bekannt.
Die Texte sind durchzogen von Mat, Fäkalwörtern
der übelsten Sorte, die jedoch, im richtigen Kontext
ausgesprochen, schon fast literarische Qualität
besitzen. Kenner sehen in Mat eine verbal
nach außen getragene Verkörperung der slawischen
Seele und eine symbolische Abgrenzung von der Oberflächlichkeit
der Konsumgesellschaft. Für Bandleader Schnurow
ist der bewusste Umgang mit verbalen Ausrutschern in
der Öffentlichkeit Ausdruck von Gemeinschaft und
Gruppendynamik: Wenn du so auf der Bühne
sprichst, reißt du alle Barrieren zwischen dir
und deinem Publikum nieder. Du wirst einer von ihnen.
Von seinen sprachlichen Attacken ist der ehemalige Student
voll überzeugt: Es baut mich auf, zumal,
wenn ich dabei noch etwas Poesie und Genie zum Ausdruck
bringen kann.
Wenig Freude mit den verbalen Orgien der Band haben
dagegen die russischen Behörden. Vor allem in Moskau
musste Leningrad deswegen immer wieder Konzerte
absagen. Schnurow nimmt es gelassen: Stoppen können
auch die Behörden den Vormarsch seiner Band nicht.
Die Texte der Gruppe enthalten häufig Spuren von
Schnurows Lieblingsschriftsteller Vladimir Sorokin,
dem enfant terrible der russischen Literaturszene.
Beide verbindet der Spaß, die Sprache sprichwörtlich
in den Dreck zu ziehen und das sowjetische und westliche
Kulturerbe zu parodieren.
Zusammen mit der Musik - einer Mischung aus hyperschnellem
Ska, heißen Balkanrhythmen und trunkenen Verbrecherpolkas
aus den 30er Jahren - ergeben die Lieder der Band einen
explosiven Mix. Das gilt auch im Ausland, wo Leningrad
allerdings in erster Linie wegen seiner Musik anfängt,
sich einen Namen zu machen.
#apa/m2e |