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"Ich bin ein Prolet."
17. Dezember 2003

Christian Kreuz - Interview - Rockhouse Salzburg - FRITZ
Christian Kreuz: Aggressiver Mitdenker oder großmäuliger Dandy? Bild: SN/Disco B  

FRITZ im Rahmen der MTV-Clubtour im Gespräch mit Christian Kreuz ("Diktatur des Kapitals", neu bei Universal) und Ohrenzeuge im Rockhouse.

Christian Kreuz will noch Sportschau sehen. "Der deutsche Fußball geht den Bach runter." Die Bayern sowieso mit, meint er und wendet sich dann ganz mir zu.

Kreuz ist ein aufmerksamer Zeitgenosse. Einer, der Eindrücke sammelt, sich umsieht und sich zu allem Möglichen so seine Gedanken macht. Und Kreuz sieht Handlungsbedarf. In der Regierung, im kapitalistischen System, vor allem aber: im Kopf der Menschen. "Die werden von oben bis unten zugeschissen mit Werbung und Produkten, aber keiner denkt mehr drüber nach, was geändert werden muss."

Christian Kreuz ist ein abgehärteter Realist. Voller Gesten, die sein Reden und sein Tun unterstreichen sollen. Voller Ideen, die ihm geeigneter und logischer erscheinen. Und voller direkter, deutlicher Kritik. An der kapitalistischen Musik- und Werbeindustrie oder der Art, wie eine Regierung nach der anderen nichts auf die Reihe bringt. "Die sind doch alle in den Fängen der Wirtschaft, müssen wiedergewählt werden, et cetera. Ob das jetzt die Grünen sind oder andere Linke oder was weiß ich wer, ist völlig egal."

Keine Frage: Der Neuigkeitsgrad seiner Ansichten ist gering. Kreuz stellt jedoch auch gar nicht den Anspruch, die Zukunft zu erdenken, wenn in der Gegenwart vieles schief läuft. Er schreckt nicht zurück vor oft behandelten Offensichtlichkeiten, hat keine Angst vor mangelnder Subtilität und fragt schon gar nicht um Erlaubnis. Freilich, feinfühliger Lyriker ist er keiner, vielmehr ein "Prolet" im Sinne eines Kerls, der keinen Bock hat, sich das alles länger anzusehen. Und dementsprechend direkt-provokant formuliert er auch, haut auf den Tisch.

Den Kredibilitätsverlust, dass er, der anarchistisch angehauchte Kapitalverweigerer, im Rahmen einer MTV-Tour, also quasi im Schoß des Kommerzteufels, den er anficht, nach Salzburg gekommen ist, muss er sich aber leisten. "Irgendwie muss ich auch überleben können, die Miete zahlen. Aber du hast schon recht, wenn man es ganz streng sieht, ist das schon ein Widerspruch." Ob das nun mit seiner Rock-'n'-Roll-Attitüde ("Rock'n'Roll ist, einfach alles zu tun, was ich will und zu sagen, was ich denke") vereinbar ist, sei dahingestellt.

Auf "Diktatur des Kapitals" (Disco B/Universal) stellt er seine Überzeugungen allerdings mit Nachdruck ins Rampenlicht. Sex, Synths und Politik regieren das Album. Kreuz singt in einer Mischung aus Falco, König Boris (Fettes Brot) und Rio Reiser von Frauen, "Koks & Prada" oder Politik.

Getragen wird das Ganze von einer heftigen Masse aus Discobeat, EBM, Reggae, Dub und Plastikrock, die schieres Unbehagen auslöst. "Ich wollte einfach zeigen, wie es mir immer so geht, was mich beschäftigt, wie eine Stunde in meinem Leben aussieht." Dabei geht er textlich fast bis an die Grenzen des Kinderreims, um seinen Ideen die nötige Realitätsdosis zu geben. Genau das gibt dem Werk bereits wieder einen Hauch von unerwarteter Subtilität.

Eine Subtilität, die beim Konzert am Abend im Rockhouse verloren geht. "Solange wir hier sind, wird das kein gemütlicher Abend, das könnt ihr mir glauben", meint Kreuz zum eher spärlich erschienenen Publikum. Er wird begleitet von einem Keyboarder/Bassisten sowie einem ausgezeichneten Drummer, die ihm allerdings an Performance um einiges voraus sind. Merklich betrunken zieht er seine Dandy-Show ab, grölt ins Mikrofon, sodass die Texte schwer verständlich sind und zeigt ob der wenigen Zuschauer nur wenig Enthusiasmus.

Zugegeben: Christian Kreuz hat etwas und versteht sein Geschäft. Im Rockhouse wechselte er die Rolle des aggressiven, lauten Mitdenkers (leider) zugunsten jener des betrunkenen Randalierers, dem die Whiskeyflasche mehr bedeutet als seine hehren Ideale.

#tobias pötzelsberger

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Christian Kreuz - Interview - Rockhouse Salzburg - FRITZ
 

 

Christian Kreuz
 
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www.motor.de/...
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