|
Im Visier der Justiz
15. Februar 2003
 |
 |
| "Revolutionäre Technik,
die DInge einfacher macht", sagt Miterfinder
Niklas Zennstrom Bild: SN/KaZaA |
|
 |
 |
Millionen Menschen in aller Welt tauschen Musik,
Videos und Software über die im Internet führende
Peer-to-Peer-Tauschbörse KaZaA.
Nikki Hemming wusste, worauf sie sich einließ,
als sie im vergangenen Jahr ein australisches Risikokapitalunternehmen
gründete, um KaZaA zu übernehmen, die führende
Internet-Tauschbörse für Musik und Videos.
Aber wie die US-Film- und Musikindustrie dann gegen
sie vorging, damit hatte sie wohl doch nicht gerechnet.
Die US-Unterhaltungsindustrie feuerte eine juristische
Breitseite ab gegen das über die ganze Welt verteilte
KaZaA-Netz ab. Hollywood scheint Erfolg zu haben. Vor
einigen Wochen kam ein Gericht in Los Angeles zu dem
Ergebnis, dass Hemmings Firma Sharman Networks, die
ihren Sitz in Vanuatu und die Firmenzentrale in Sydney
hat, nach dem US-Urheberrecht verklagt werden kann.
Viele Juristen halten KaZaAs Tage schon für gezählt,
glauben, dass es verschwinden wird wie die schon legendäre
Tauschbörse Napster. Sie halten Hemming aber zugute,
dass sie es mit geschickten Manövern bislang geschafft
hat, der Versenkung zu entgehen. "Es ist schon
schwierig zu arbeiten, wenn man ständig mit Klagen
rechnen muss und die führende Software in ihrem
Bereich weiter ausbauen will", sagt Hemming. Die
36-Jährige will sich der Herausforderung stellen:
"Ich betrachte mich selbst als Visionärin.
Das ist nur eine Phase auf meinem Weg."
Millionen Menschen in aller Welt tauschen über
KaZaA Dateien aus, bei denen es sich zumeist um Musik,
immer mehr aber auch um Videos handelt. Wie es genau
funktioniert, wollen die KaZaA-Eigner nicht sagen. Ein
zentraler Verteilrechner wie bei Napster kommt aber
nicht zum Einsatz, heißt es. Einer der Entwickler
von KaZaA, der Schwede Niklas Zennstrom, nennt als Ziel
der Technik, Internet-Providern die Verteilung von Multimediadaten
zu erleichtern. Bei dem Peer-to-peer-Konzept (P2P -
von Nutzer zu Nutzer) gehe es nicht um den Austausch
von Pop-Platten. "Es ist eine revolutionäre
Technik, die Dinge einfacher macht." Zennstrom
gründete mit seinem dänischen Partner Janus
Friis in den Niederlanden die Firma FastTrack, um die
Technik zu entwickeln. Den Programmcode schrieben drei
estnische Jugendliche.
2001 kam die Software über eine neue Firma auf
den Markt, KaZaA. FastTrack vergab auch Lizenzen unter
anderem an Firmen in den USA. Schnell gab es eine Klage
gegen KaZaA in den Niederlanden, die ebenso schnell
abgewehrt werden konnte. Nach Klagen in Los Angeles
verkauften Zennstrom und Friis das Geschäft an
Hemming. Die gründete Sharman und stellte alle
bisherigen Angestellten als Subunternehmer für
eine andere Firma an, LEF Interactive, die sie ebenfalls
leitet. Eine dritte Firma, Joltid, die Zennstrom und
Friis gehört, bekommt 20 Prozent der Einnahmen.
Das geht zumindest aus Gerichtsunterlagen hervor. Offizieller
Firmensitz von Sharman ist Vanuatu im Pazifik, aus Steuergründen,
wie es heißt.
Die Klage in den USA, wo Sharman inzwischen auch Klage
gegen die US-Unterhaltungsindustrie erhoben hat, wird
wohl über das weitere Schicksal von KaZaA entscheiden.
Im Fall von Napster kamen die Gerichte zu dem Schluss,
dass Napster mit seinem zentralen Server, der den Tausch
koordinierte, sich der Urheberrechtsverletzung schuldig
machte. Sharman argumentiert, dass der Nutzer nach Erhalt
der KaZaA-Software selbst dafür verantwortlich
ist, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Der Web-Server
in Dänemark diene lediglich zum Unterhalt der Homepage
und zur Verteilung der Software. Hollywood glaubt das
nicht.
So wurden im vergangen Jahr plötzlich Morpheus-Nutzer
aus dem KaZaA-Netz herausgeworfen. Nach Industrieangaben
deutet das auf einen zentralen Server hin. Und Mark
Ishikawa, der sich schon mit KaZaA beschäftigte
und im Prozess als Zeuge aussagen könnte, sagt,
die Software scheine einen Zentralrechner zu suchen
("calling home"), wenn sie keinen Rechner
in der Nähe finde. Einmal habe er das Signal bis
zu einem Rechenzentrum auf der Karibikinsel Nevis verfolgen
können, wo er aber wegen der Rechtslage nicht weiter
habe ermitteln können.
Sharman bestreitet, in die Vermittlung verwickelt
zu sein, will aber keine Systemdetails veröffentlichen.
Die Anwälte, die gegen KaZaA klagen, räumen
eine gewisse Verzweiflung ein, wollen aber weitermachen.
"Das ist ein Versteckspiel", sagt David Kendall.
"Aber am Ende gibt es nicht mehr viele Orte, wo
man sich verstecken und trotzdem ein Geschäft betreiben
kann."
#apa/m2e |