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Der verlorene Sohn
14. Februar 2006

Letzte Instanz - Ins Licht - Robin Sohn - Holly - Folk - Metal - Crossover - NDH - Neue Deutsche Härte
Sieben auf einen Violinstreich - die "Letzte Instanz" aus Dresden. Bild: SN/jens rosendahl  

Mit neuem Sänger und Bassisten versucht die deutsche Folk-Metal-Klassik-Formation „Letzte Instanz“ nach schmerzvollen Trennungen den Weg zurück „Ins Licht“.

Ein nervöses Violinen-Stakkato, heruntergestimmte E-Gitarren, ein tief trauriges Parlando: „Ich weiß nicht wie es weiter geht, wohin es geht, warum es geht . . .“ sinniert Holly, seines Zeichens frisch gebackener Sänger der Dresdener Folk-Metal-Klassik-Formation „Letzte Instanz“. Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, er weint im Lied „Ohne Dich“ dem früheren Sänger Robin Sohn nach. Aber da sich dieser nach der „Götter auf Abruf“-Tour 2004 eher unfein aus dem Staub gemacht hatte – in einem Interview erklärt Gitarrist Holly D., der endgültige Ausstieg von Robin erfolgte per E-Mail -, wäre dies wohl zu viel der Ehre. Unbestritten sind aber die stimmlichen Qualitäten des früheren Sängers - so gesehen war es für die Band trotz allem ein schwerer Verlust. Und wäre das nicht genug, verließen damals auch Bassist FX und Gitarrist Tin die Band.

Aber das Leben geht weiter. Und wo viel Schatten ist, da muss auch für Licht Platz sein – neben dem Titel des aktuellen Albums, „Ins Licht“, zeigen die Deutschen – von einem Oktett auf ein Septett „geschrumpft“ - auch mit dem ersten Lied „Sonne“, dass sie voll Zuversicht in eine neue Zukunft aufbrechen.

Wo das letzte Album „Götter auf Abruf“ aber schon beim ersten Durchgang Gänsehaut hervorrief und die eine oder andere Träne über die Wange kullern ließ, braucht „Ins Licht“ seine Zeit, um zu reifen. In Liedern wie „Unerreicht“, „Krieg der Herzen“ oder „Traumschwere“ zeichnet sich ein Trend in Richtung „Neue Deutsche Härte“ ab, an anderen Stellen wie bei „Das Stimmlein“ blitzen wiederum mittelalterliche Gefühle durch. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die „Letzte Instanz“ sucht ihr (kommerzielles) Heil irgendwo zwischen „Rammstein“ und „In Extremo“. Zwei Durchgänge später relativiert sich diese Ansicht wieder: Violine, Cello, Samples, E-Gitarren – die Abwechslung könnte größer nicht sein. Und Schlagzeuger Specki T. D. sorgt mit interessanten Hi-Hat-Einlagen (das per Fußpedal schließbare Becken am Schlagzeug) für entspanntes Kopfwippen.

Aber sowohl stimmlich als auch musikalisch hat die Band den Musikredakteuren wieder eine harte Nuss zu knacken gegeben. Wo sich normalerweise schnell eine passende Schublade auftut, geben sich die Dresdener mit „Ins Licht“ – wie schon auf dem letzten Album „Götter auf Abruf“ – experimentierfreudig: Folk, NDH, balladeske Streicherpassagen und krachende Gitarren-Riffs fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen. Die Ausnahmemusiker von „Letzte Instanz“ beweisen einmal mehr, dass sie ihr Handwerk verstehen.

Schlafen und Tanzen: „Du weißt noch nicht was es bedeutet, sich des Frostes zu erwehren, der das Leben kalt umhüllt …“ Das Lied „Sandmann“ glänzt zwar inhaltlich mit einer satten Portion Melancholie – die unspektakulär gehaltene Ballade erfüllt aber leider seinen Zweck (Sänger Holly hat seiner Tochter ein Schlaflied getextet) und lässt den Hörer sanft entschlummern. Die Ruhe währt aber nur kurz - eines der stärksten Lieder des Albums, „Tanz“, reißt den Hörer unbarmherzig aus dem Schlaf und holt ihn mit messerscharfen Gitarren-Riffs wieder auf den (Tanz-)Boden der Crossover-Realität zurück.

Und sonst? 13 kleine Meisterwerke lang darf sich der Hörer der Melancholie und Sinnsuche des Lebens hingeben. Die Streicher wurden wieder mehr in den Vordergrund gerückt und schaffen dort, wo andere zum Synthie greifen müssen, ein Spannungsfeld zwischen harten Gitarren-Riffs und klassischen Arrangements. Persönliche Highlights: Bis auf „Sandmann“, das mir persönlich zu klassisch und geradlinig geraten ist, eigentlich alle – ganz besonders gefällt „Tanz“, „Mein Herz“, „Sonne“ und natürlich die in dieser Rezension bislang unerwähnt gebliebene Hymne „Agonie“, die mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken laufen lässt und ein ähnlicher Kracher wie „Jeden Morgen“ vom „Götter“-Album ist. Das letzte Lied „Silber im Stein“ erinnert zwar irgend wie an den Anfang von System of a Downs „Toxicity“ – die Ballade erweist sich aber als würdiger, ruhiger, Abschluss.

Nun aber zum schwierigsten Teil der Rezension, der Beurteilung des vokalen Neuzugangs Holly: Er tritt ein schweres Erbe an, soll er doch den hervorragenden früheren Sänger Robin Sohn ersetzen. Kurz und bündig: Holly hat zwar eine fantastische Stimme und kann sich auch in verschiedenen Stimmlagen behaupten - gesanglich reicht er trotzdem nicht ganz an seinen Vorgänger heran. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich wie Watschen - keine ist gleich . . .

Der neue Bassist Michael Ende tritt eigentlich nicht merkbar in den Vordergrund - aber das könnte auch nur ein Zeichen dafür sein, dass er gute Arbeit leistet - oder dass meinem Gehörsinn die tiefen Töne fehlen. Manche Leute haben ja . . . - aber das wäre jetzt schon wieder eine andere Geschichte .

Fazit: Die „Letzte Instanz“ hat mit ihrem früheren Sänger Robin zwar einen Sohn (im doppelten Sinn) verloren - Neo-Sänger Holly erweist sich jedoch als würdiger Ziehsohn mit ausreichend Potenzial.

Mit "Ins Licht" sind die Dresdener erfolgreich zurückgekehrt und gehören derzeit – besonders musikalisch gesehen – sicher zu einer der herausragendsten deutschen Formationen des - ähem . . . - schubladenfreien Folk-Metal-Klassik-Crossover-Genres?!

#michael einböck

INFO: Die aktuelle Tour führt das Septett demnächst nach Wien (20. 3., Planetmusic) und Traun (21. 3., Spinnerei).

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Letzte Instanz - Ins Licht - Robin Sohn - Holly - Folk - Metal - Crossover - NDH - Neue Deutsche Härte
 

 

Letzte Instanz
 
  Ö-TERMINE
Wien (20. 3., Planetmusic)
Traun (21. 3., Spinnerei).
 
  INTERNET
www.letzte-instanz.de
Offizielle Homepage von "Letzte Instanz".
 
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