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Musik als Fluchtplan
1. April 2004
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| Heißer Metal aus dem kühlen
Norden: In Flames Bild: SN/ |
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FRITZ-Interview mit In-Flames-Bassisten Peter Iwers
über das vor Kurzem veröffentlichte neue Album
"Soundtrack To Your Escape".
Die schwedische Band In Flames gibt es ja schon seit
zig Alben und noch mehr Umbesetzungen, aber so richtig
Notiz genommen von ihnen hat die Öffentlichkeit
eigentlich erst 2002, als ihr Album "Reroute to
Remain" veröffentlicht wurde - ihre ganz eigene
Mischung aus konventionellen Extremmetal-Sounds, warmen
Klängen und eingängigen Melodien hat zu diesem
Zeitpunkt irgendwie auf sich aufmerksam gemacht. Ich
erinnere mich an ein Gespräch mit einer Amerikanerin,
die sehr auf Tool abfuhr und mir mit leuchtenden Augen
von dieser neuen Band aus Europa erzählte: "Die
sollen super-heavy sein".
Nun, so extrem sind "In Flames" vielleicht
nicht, aber trotzdem konnte Reroute to Remain punkten.
Zwei Jahre später legt die Gruppe nach - "Soundtrack
To Your Escape" heißt das Werk, auf das eigentlich
alles zutrifft, was man schon über den Vorgänger
sagen konnte. Das Album mag hier eine Spur kantiger
sein, dort eine Melodie mehr haben, aber im Großen
und Ganzen ist es eine Fortsetzung von Altbewährtem.
Neue Anhänger werden die Jungs hiermit sicher nicht
finden, aber das Album wird die alten auch nicht vor
den Kopf stoßen.
Nach mehrmaligem Durchhören der Promo-CD fällt
auf, daß die Tracks eine Zeit lang brauchen, bis
sie wirklich zünden. Aber beim dritten oder vierten
Anhören bleiben die Songs im Kopf und erlauben
es, Feinheiten herauszuhören. Der Sänger ist
diesmal nicht ganz so weit in den Hintergrund gemischt
wie beim Vorgänger, aber seine typische Mischung
aus Krächzen und Kreischen irritiert auch hier
mitunter, wenn man mit seiner Vortragsweise nicht hundertprozentig
warm wird.
Eine Woche nach Erhalt der CD telefonierte FRITZ mit
Peter Iwers, dem Bassisten der Band, der Iron Maiden
und Slayer als seine zwei Lieblingsbands nennt, aber
auch viel Toto hört und gerne Jazz mag. Peter,
der im Moment in Stuttgart sitzt, redet entspannt und
in charmant akzentuiertem Englisch über das neue
Album.
FRITZ: Was bedeutet der Titel, "Soundtrack
To Your Escape"?
Peter: Nun, Anders (Friden, der Sänger
der Band, Anm.) hatte diese Idee. Ich denke, er meint
damit einen Weg, von sich selbst zu flüchten, von
Problemen, die man vielleicht hat, oder von der Realität
im Allgemeinen. Einfach in die Welt der Musik flüchten
- die Kopfhörer aufsetzen und alles andere vergessen.
Ich habe das früher gemacht. Ich war in der Schule,
mußte Aufsätze und so schreiben, und ich
habe immer einen Walkman hereingeschmuggelt. Ich habe
dann versteckt Musik gehört, unter meinen Haaren,
und dank der Musik entkam ich der Realität und
konnte mein Bestes in der Schule geben. Ich glaube,
viele Leute tun das so. Es muß nicht unbedingt
Musik sein, aber sie brauchen etwas, um wegzukommen.
Manche Menschen machen Übungen, machen Yoga, manche
hören Musik, um von ihrem inneren Selbst wegzukommen.
FRITZ: Was, würdest du sagen, sind die
Unterschiede zwischen dem letzten Album, Reroute to
Remain, und dem neuen?
Peter: Ich glaube, wenn du dir die zwei Platten
hintereinander anhörst, würde ich sagen, die
neue ist härter, ein bißchen aggressiver.
Zugleich haben wir all die Melodien und Harmonien behalten.
Ich glaube, es ist ein weiterer Schritt nach vorne,
an manchen Stellen thrashiger, an anderen poppiger.
Wir haben nichts anders gemacht als früher, als
wir die Musik geschrieben haben, wir haben nur probiert,
nicht das gleiche Album zweimal zu machen.
FRITZ: Wie würdest du generell den Sound
deiner Band beschreiben?
Peter: Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiß
nicht ... manche Leute nennen es - oder nannten es -
melodischen Death Metal, und das ist es wohl auch immer
noch zu einem gewissen Grad. Manchmal ist es Popmetal,
Thrash ... vielleicht moderner Metal? Ich weiß
nicht, ich tue mich sehr, sehr schwer, nicht nur unsere
Band einzuordnen, sondern alle Arten von Musik. Ich
meine, es ist Metal, aber es ist anders als andere Metalarten.
Es ist Power Metal ... keine Ahnung, wirklich. Es ist
eine Mischung aus aggressivem Pop und weichem Thrash.
FRITZ: Ein Freund von mir hat gesagt, In Flames
seien "Göteburg-Sound".
Peter: Ja, aber das kann man so nicht mehr sagen.
Es gibt so viele Gruppen, die aus Göteburg kommen,
und die klingen alle total unterschiedlich. Früher
einmal, als wir uns alle viel ähnlicher klangen,
war das vielleicht zutreffend, aber ... ich weiß
nicht, ich nenne es einfach Musik, und wir versuchen,
die beste zu machen, die wir machen können.
FRITZ: Ihr habt ja Shows zusammen mit Shadows
Fall und anderen modernen amerikanischen Metalbands
gespielt. Was, glaubst du, sind die Unterschiede zwischen
der amerikanischen und der europäischen Metalszene?
Peter: Ich glaube, daß die Amerikaner
viel mehr verschiedene Bands haben als die Europäer
- zum Beispiel gibt es all diese Bands wie Korn und
Limp Bizkit, es gibt Shadows Fall, Chimaira, Killswitch
Engage, und in Europa gibt es Power-Metal und Death
Metal und so. Wir sind in zwei verschiedenen Welten
aufgewachsen, aber ich glaube, daß viele amerikanische
Bands - nicht auf dem Korn-Level, natürlich, sondern
auf dem Shadows-Fall-Level - von vielen europäischen
Bands beeinflußt wurden, und sie haben das dann
auf ihre Seite der Welt genommen und ihren eigenen Sound
geschaffen, haben ihn mit all den anderen Arten Musik
verbunden, die sie hören.
FRITZ: Ein Review von Reroute to Remain besagte:
"Es ist offensichtlich, daß die Band verstärkt
die jetzigen populären amerikanischen Metal-Acts
hört ... Manche der Refrains klingen wie etwas,
was Linkin Park oder Papa Roach spielen könnten."
Was denkst du darüber?
Peter: Das ist okay. Ich meine, wir hören
uns diese Bands an, absolut. Wir hören uns auch
Iron Maiden an, Dio, Helloween, Anthrax, Metallica.
Egal, wir hören uns alles an. Und das haben wir
schon immer gemacht: Wir hören uns etwas an, das
uns gefällt, und wir sind von allem beeinflußt,
das uns gefällt. Und wir schämen uns nie,
das zuzugeben. Wir denken nie, "Jetzt werden wir
so klingen wie Linkin Park oder wie Iron Maiden"
- wir versuchen nur, uns von guter Musik beeinflussen
zu lassen und dann gute Musik zu schreiben, die neu
ist.
FRITZ: Es gibt ja eine Menge Diskussion über
"True Metal" und so - seid ihr da irgendwie
involviert?
Peter: Nein ... ich verfolge diese Diskussion
natürlich. Manchmal ist das ganz interessant, manchmal
ist es lästig, wenn die Leute sich so emotional
damit beschäftigen, welche Art Musik andere Bands
machen. Zunächst mal - und das trifft nicht nur
auf In Flames zu, sondern für alle Musiker in allen
Bands, die die Musik schreiben - schreiben alle freilich
für sich selbst. Und dann fangen die Leute an -
zum Beispiel haben eine Menge Leute Soilwork genervt,
daß sie sich ausverkauft hätten. Und das
ist Bullshit, ich kenne die Jungs persönlich und
ich weiß, daß sie dieses Album gemacht haben,
weil sie es so machen wollten. Es ist genau die Musik,
die sie zu dem Zeitpunkt machen wollten. Und die Leute
haben dann gesagt, sie seien nicht "true"
und so weiter, aber sie sind viel mehr "true"
als irgendeine andere Band, die ich kenne, weil sie
das gemacht haben, woran sie glauben.
FRITZ: Ist kommerzieller Erfolg ein Thema für
euch?
Peter: Es ist immer ein Thema in dem Sinn, daß
wir immer mehr Leute dazu bringen wollen, die Band zu
kennen, und wenn sie dann sagen, daß sie uns nicht
mögen, hatten sie zumindest die Chance, sich uns
anzuhören. Aber das ist nichts, auf das wir uns
wirklich konzentrieren, in dem Sinne, daß wir
eine bestimmte Art Musik machen, um erfolgreich zu sein.
Es halt sich halt bislang so ergeben, daß die
Musik, die wir machen wollten, von vielen Leuten gut
gefunden wurden, und ich hoffe wirklich, daß es
auch in Zukunft so ist.
FRITZ: Könntest du dir vorstellen, aus
der Band auszusteigen und mit einer anderen Gruppe zu
spielen?
Peter: Nein. Die Jungs sind meine Brüder.
#christian genzel
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