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"Rammstein sind medienkompatibler"
6. Oktober 2003
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| In-Extremist "Die Lutter"
stand FRITZ Rede und Antwort Bild:
SN/universal |
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FRITZ-Exklusiv-Interview mit In-Extremo-Bassist
"Die Lutter", der mit seinen Mannen im Rahmen
der "7"-Tournee auch Österreich einen
Besuch abstattete.
Als ich vor wenigen Tagen eine Email bekam in der ich
gefragt wurde ob ich ein Interview mit In Extremo machen
wollte, war ich als großer Fan ihres "Weckt
die Toten" Albums natürlich sofort dabei.
Wenige Tage, einige Telefonanrufe und viele Hördurchgänge
ihrer neuen CD "Sieben" später war es
dann endlich soweit, am Samstag so gegen halb acht am
Abend läutete das Telefon und ich hatte Bassist
"Die Lutter" von In Extremo am Apparat.
Nachdem wir erste sprachliche Hindernisse überwunden
hatten, "Die Lutter" outete sich als "Norddeutsche
Seele" die meinem flachgauerischen Berggdialekt
nicht folgen konnte, konnte das Interview in perfektem
Hochdeutsch endlich losgehen. Innerhalb der nächsten
zwanzig Minuten sollte ich In Extremo mit meinen über
zwei Dutzend vorbereiteten Fragen löchern, was
sich aber spätestens nach der ersten Frage als
Ding der Unmöglichkeit herausstellen sollte, da
mein Gesprächspartner viel zu erzählen hatte
und dies meinen geplanten Zeitrahmen definitiv gesprengt
hätte. Hier nun das Gespräch wie es stattgefunden
hat.
FRITZ: Wie fühlen sich In Extremo im siebten
Jahr ihres Bestehens, habt ihr euch am Anfang gedacht,
dass ihr solange durchhalten und so weit kommen würdet?
Die Lutter: "Eine gewisse Erwartungshaltung
hatten wir im Eigentlichen nicht, da In Extremo eigentlich
aus Spass und Fun entstanden ist. Momentan fühlen
wir uns grossartig, die Popularität die wir momentan
geniessen und den Erfolg den wir haben, finden wir schon
genial. Wir fühlen uns absolut wohl, wie es gerade
ist. Ich darf gerade mal das Thema VIVA ansprechen,
denn da gibt es ja gewisse Kontroversen, man denkt immer
"Scheiss Kommerz Sender" aber wir finden es
gut, dass wir diese mediale Plattform erobert haben
und darauf präsent sind."
FRITZ: Auf das Thema VIVA wollte ich sowieso
später noch zu sprechen kommen. Die zweite Frage
wäre zu eurem Albumtitel. Wie seid ihr auf die
Zahl Sieben gekommen, hat das irgendeine spezielle Bedeutung?
Die Lutter: "Das hat eigentlich eine
ganz einfache Bewandtnis, wir sind sieben Musiker, es
ist das siebte Jahr in dem wir zusammen musizieren und
es ist unsere siebte Platte, inklusive den beiden Mittelalter-Platten
"In Extremo" und "Hameln". Dies
soll die Sieben auf dem Plattencover umschreiben."
FRITZ: Meine nächste Frage spielt nun eher
auf die okkulte Seite des Mittelalters an. Glaubt ihr
als Mittelalter-Musiker an Magie und Legenden aus dem
Mittelalter? Auf eurem letzten Album "Sünder
ohne Zügel" ist ja eine Interpretation der
"Merseburger Zaubersprüche" zu hören,
eine Spruchformel die zur Heilung rezitiert wurde.
Die Lutter: "Spruchformel zur Heilung
ist zwar richtig, aber um mal weiter her zu holen, der
'Merseburger Zauberspruch' fußt auf einer Art
vorchristlicher Magievorstellung, einer heidnischen
Naturreligion, die weit vor dem Christentum da war und
den Zustand damals umschreibt. Ob wir nun an Mythen
und Legenden glauben? Auf jeden Fall, jeder von uns
glaubt an irgendwas Höheres, möge man es nun
Gott oder Allah nennen. Im Prinzip glaube ich, dass
die ganze Welt dasselbe meint. Leider sind einige in
bisschen dämlich und schlagen sich darüber
die Schädel ein, wie man das ganze tituliert. Aber
im Grunde denke ich, dass es schon Mysterien gibt, da
ist sicher was dran."
FRITZ: Das leitet nun gleich über
zur nächsten Frage, und zwar Religion. Ihr habt
ja auf fast allen euren Alben christliches Liedgut,
auf Sieben etwa "Ave Maria" und "Madre
Deos". Wie steht ihr zu Religion, hat das eine
Bewandtnis für euch?
Die Lutter: "Religion betrachten wir
objektiv, dass wir sie in jedem Falle akzeptieren und
dass jeder glauben darf was er will. Das sollten sich
einige Leute mal hinter die Ohren schreiben! Wir persönlich,
sag ich mal, sind unreligiös. Keiner von uns glaubt
im eigentlichen Sinne an Gott oder geht in die Kirche
oder ist in irgendeiner religiösen Sekte. Ich denke
das ist auch nicht unser Lebensweg, wir sind da modern
eingestellt und eigentlich offen für alles. Ich
denke einen guten Menschen zeichnet eigentlich aus,
wenn er Akzeptanz gegenüber jeder Form von Glauben
hat. Religiös ist aber keiner von uns, ob nun der
Papst oder ein Muhezin dasteht ist uns Jacke wie Hose."
FRITZ: Ihr seid sozusagen mehr am Liedgut interessiert
als an dem was dahinter steht?
Die Lutter: "Es ist ja auch interessant,
wie dieses Textgut zustande kam. Die Kirche und die
Christen hatten ja damals das Sagen und das schlägt
sich natürlich auch im Text des Liedgutes nieder."
FRITZ: Kommen wir nun auf eure musikalischen
Einflüsse zu sprechen. Ist Walther von der Vogelweide
euer grosses Vorbild oder orientiert ihr euch vielmehr
an "moderneren" Sachen?
Die Lutter: "Nicht unbedingt. Walther
von der Vogelweide war ja einer von Vielen und wir fanden
es halt wichtig, dass er erwähnt wird. In Extremo
ist im Eigentlichen ein Projekt, das versucht aufzuzeigen
was es gegeben hat, nicht nur in unserem Sprachraum,
sondern auch in anderen Ländern. Das erstreckt
sich ja durch ganz Europa, angefangen in Portugal, Frankreich,
Spanien bis hoch nach Nordskandinaven. Aus all diesen
Ländern sichten wir Texte und graben altes Liedgut
aus und sind stetig bemüht, diese in den Originalsprachen
zu bringen. Wir denken, dass das eine ganz eigene Vibration
hat. Viele Rockbands singen in Englisch oder der Sprache
ihres Landes, weil es angesagt oder populär ist.
Wir haben die Problematik selber, dass Plattenfirmen
versuchen, das Diktat zu führen und vorschreiben,
dass wenn man eine Single macht sie in der und der Sprache
sein muss. Wir finden halt, es ist ein cooler Weg in
mehreren Sprachen zu singen. Wir haben zum Beispiel
Stücke in Altspanisch und Altschwedisch. Ich könnte
mir beim besten Willen nicht vorstellen wie "Herr
Mannelig" (vom fünften Album "Verehrt
und Angespien" - Anm.) in Hochdeutsch klingen würde."
FRITZ: Gut, dass du auf dieses Thema zu sprechen
kommst. Ihr verwendet sehr viele unterschiedliche Sprachen
wie etwa Latein, Spanisch, Französisch, ... Versteht
ihr diese Sprachen auch und sprecht ihr sie selber?
Die Lutter: "Teilweise, verschiedenes
lernten wir in der Schule wie etwa Latein oder Französisch.
Die Übersetzungen werden aber schon im Hintergrund
gemacht. Um z.B. auf Skandinavisch zu kommen, ich verstehe
Schwedisch und Dänisch, weil ich und meine Eltern
aus dieser Ecke kommen. Aber um die Texte zu übersetzen,
diese alten Sprachstile, da haben wir schon Hilfe. Es
gibt Linguistiker, die man befragen kann wie das klingen
muss und wir machen uns schon ziemliche Gedanken, das
so authentisch wie möglich rüberzubringen.
Die Leute, die die jeweilige Sprache halt nicht verstehen,
haben die Möglichkeit sich die Übersetzungen
im Booklet anzusehen. Ich persönlich glaube auch
das man bei einer unserer Shows, auch wenn man die Texte
nicht gleich vordergründig versteht, die Möglichkeit
hat ein wenig Realitätsflucht zu begehen, denn
du tauchst in eine Welt der Melodien ein und hörst
diese Sprache klingen ... es ist irgendwie abgefahren."
FRITZ: Auf eurem neuen Album etwa habt ihr zwei
Lieder, "Sefardim" und "Sagrada Trobar".
Worum geht es in den Texten?
Die Lutter: "Sagrada Trobar" ist
ein Text aus der Liedersammlung "Cantia de Santa
Maria" (oder so ähnlich... - Anm. *G*) und
handelt von einem Spielmann, der sich entschliesst,
heilig zu werden bzw. Heiligtum zu erlangen und anstellen
möchte was er will. Aufgrund seines Lebenswandels
und seinem Strassenleben wird das natürlich nichts.
Bei "Sefardim" oder "König Nimrod"
geht es um die Vertreibung der Juden aus Portugal im
14. Jahrhundert."
FRITZ: Meine nächste Frage wäre
zu "Albtraum". Meiner Information nach stammt
der Text von Frank Wedekind (1864 - 1918), einem deutschen
Lyriker, der wegen seiner Texte aufgrund ihrer gewalttätigen
oder beinahe pornographischen Inhalte stets Schwierigkeiten
mit der Zensur hatte. Wie kamt ihr darauf, einen Text
von ihm zu verwenden? Provokation oder mehr?
Die Lutter: "Provokativ ist es in keinem
Fall zu sehen. Heutzutage hat die mediale Welt unwahrscheinlich
Schwierigkeiten mit der Zensur. Ich nehme jetzt als
Beispiel Rammstein, die hatten vor zwei Jahren Probleme,
als diese Amokläufe in Amerika stattfanden und
ihre Musik in der Diskussion um den Auslöser dafür
auftauchte. Den Text von "Albtraum" sehen
wir von In Extremo viel mehr als schwarzen Humor, wie
er gut in Englischen Filmen wie Trainspotting oder bei
den Monty Pythons vorkommt. Da gibt es einen ganz eigenen
Art von Humor der auch oft in der Band In Extremo grassiert.
Wir denken, dass es ein ganz normales, deutsches Problem
ist, sich über jeden Scheiss gleich aufzugeilen
und immer so ernst durch das Leben zu gehen. Ein bisschen
Lockerheit und Coolness könnte da nicht schaden.
Ich glaube aber auch, dass die letzten Zeilen des Textes
die Geschichte ganz gut auflösen. Es ist in keinem
Fall böse gemeint sondern einfach nur schwarzer
Humor."
FRITZ: Da du Rammstein erwähnt hast: es
gibt gewisse Tendenzen auf eurem neuen Album in Richtung
NDH (Neue Deutsche Härte). Waren die gewollt...
Die Lutter: "NDH ist für mich sowieso
eine Definition, die Journalisten gerne verwenden. Rammstein
ist eine Band, die es geschafft hat und wir kennen sie
seit unserer Jugend an, da sie aus unserem Kiez kommen.
Ich finde es nur immer schade und ein bisschen dumm,
jede Band die sich auf den Weg macht, mit Rammstein
zu vergleichen. Es gibt massig Bands die ihren eigenen
Weg beschreiten und es ist echt affig, diese immer mit
Rammstein zu vergleichen. Okay, wir sind eine Showband,
aber man kann nicht sagen wir sind wie Kiss, die haben
auch viel Feuer auf der Bühne gemacht, das wäre
Blödsinn. Jede Band nutzt ausdrucksstarke Elemente
wie etwa Feuer und Pyrotechnik auf der Bühne zu
ihren eigenen Zwecken, um ihre eigenen Bilder damit
zu unterstreichen und zu unterstützen."
FRITZ: Mittlerweile könnte man ja auch
fast sagen ihr seid grösser als eure Landsleute
von Rammstein.
Die Lutter: "Ich sag mal konservativ,
Rammstein sind medienkompatibler, da sie mathematische,
gerade Musik machen, die ich persönlich auch stellenweise
gerne höre, zuviel davon würde mir aber auch
auf die Eier gehen. Ich kenne sie aber als Menschen
und gönne ihnen absolut den Erfolg, den haben sie
echt verdient. Sie haben sich wirklich jahrelang den
Arsch abgespielt. Hut ab, echt toll was sie erreicht
haben!"
FRITZ: Kommen wir nun auf Erfolg und das Thema
VIVA zu sprechen. In eurem Pressetext steht der Satz:"
Die Spielleute sind im Hier und Jetzt angekommen und
schon lange ist die Gefolgschaft keine kauzige Gemeinde,
die sich auf Mittelaltermärkten mit gut gepolsterten
Hellebarden vom Pferd schubsen, sondern junge Musikfans,
die VIVA und MTV schauen." Deine Meinung?
Die Lutter: "Stellenweise schon, wenn
du in die ersten Reihen bei unseren Konzerte siehst
ist da schon was dran. Man sollte schon sehen, dass
In Extremo für den Mainstreambereich eine artfremde
Musik macht, das ist völliges Neuland für
die Leute. Vor drei Jahren haben die ihre Nasen gerümpft,
aber kaum stellt sich irgendeine Plattenfirma hin und
schon ist das geil. Ich denke im Musikgeschäft
ist schon viel Diktat, die Menschen sehen nur nach rechts
und links: was könnte dem Nachbarn gefallen, was
ist geil, womit kann ich die anderen beeindrucken? Wenn
die Leute sich etwas mehr öffnen würden gebe
es kein Problem. Die Resonanz auf die In-Extremo-Musik
zeigt eindeutig, dass Bedarf besteht. Und ich kann nur
dankend erwähnen, das durch eine Independent Band
wie In Extremo, die mit zwei Videos auf VIVA vertreten
sind der Schritt geschafft wurde. Wenn den ganzen Tag
nur HipHop rauf und runter rennt ist das ein bisschen
amerikanisches Diktat finde ich. Der europäische
Musikkonsument ist sicher offener, der möchte auch
mal andere Sachen hören. Es gibt sicher auch gute
HipHop Bands, die intelligente Texte und gute Musik
machen, wie etwa Fünf Sterne Deluxe oder Fanta
Vier, nach einer Stunde geht mir das ganze aber auf
die Eier. Deren Musik spricht aber eine Zielgruppe von
Jung bis Alt an, das muss man erst mal nachmachen."
FRITZ: Um auf eure erste Single "Küss
mich" zu sprechen zu kommen. Mich persönlich
erinnert der Song durch den Refrain und die doch eher
simple "Mitpfeif"-Melodie mehr an einen Schlager
denn an einen Song von In Extremo, wie ich sie von früher
kenne. Wie seht ihr das?
Die Lutter: "Wenn du eine Single machst,
musst du eine bestimmte Herangehensweise an Musik haben.
Alle Songs im Radio bauen auf ein bestimmtes Prinzip
auf, auf eine Hookline. Bei "Küss mich"
oder "Erdbeermund" war die Herangehensweise
eine solche, wir hatten nicht im Hinterkopf gehabt einen
Schlager zu schreiben, wir wollten als Band Musik machen,
die ins Ohr geht. Man spielt so einen Song erst mal
hundert Leuten vor und wenn dieser Aha-Effekt dann beim
hundertsten Menschen genauso besteht, dann weißt
du, dass du es geschafft hast und packst die Nummer
mit auf die Platte. Es ist im Prinzip eine technische
Herangehensweise, die du als Musiker machst, um Songs
auf eine bestimmte Art zu trennen, ohne zu sagen ich
mach jetzt Kommerz und ich will möglichst viele
Leute damit erreichen. Wir stehen voll hinter den Nummern,
das ist kein Problem für uns.
FRITZ: Sprechen wir nun über die Gäste
auf eurem Album, da wären Paddy Kelly oder Thomas
D von den Fanta Vier. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Die Lutter: "Paddy Kelly war im selben
Studiokomplex wo wir gearbeitet haben, in den Principal
Studios, und wir haben uns beim Abendbrot kennen gelernt.
Entgegen allen Vorurteilen die es gegen die Kelly Family
gibt, Paddy ist ein supersympathischer, netter Bengel
der tough und straight an sich und seiner Musik arbeitet.
Sein neues Projekt, an dem er arbeitet, hat meine absolute
Akzeptanz, ich finde die Musik wirklich stellenweise
gut und muss wirklich sagen: Hut ab! Wenn der Bengel
so weiter macht ist er mit 35 da wo Grönemeyer
heute ist. Thomas D ist ein Freund unseres Sängers
und es lag halt nahe, dass man sich mal im Studio trifft
und was zusammen macht. Er hat auf dem Titel "Ave
Maria" mitgewirkt."
FRITZ: Kommt In Extremo gemischt mit dem HipHop
der Fanta Vier?
Die Lutter: "Nö, das denk ich nicht.
Es ist ja eigentlich mehr ein Sprechchor den er gemacht
hat und das hat nichts mit HipHop zu tun. Bei uns ist
eigentlich keiner Anhänger der Hängehosen-Fraktion.
Wir sind Rock-'n'-Roller!"
FRITZ: Das hört man gerne! Aber nun zur
letzten Frage und erneut zur Zahl Sieben. Was glaubst
du werden euch die nächsten sieben Jahre bringen?
Die Lutter: "Das wissen wir nicht, über
die Zukunft kann man nicht sprechen. Man kann morgen
von der Bettkante fallen und sich das Genick brechen.
Von daher sind wir eigentlich offen, freuen uns auf
unsere Arbeit uns schauen mal was dabei rauskommt. Man
muss auch sehen wie die Leute das annehmen. Wir sind
ja auf einem grossen Weg."
#michael hellermann
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