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Zwischen Himmel und Hölle
19. August 2003
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| Festival am Salzburgring Bild:
SN/wild |
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40.000 Menschen, mehr Regen als vielen lieb war,
ein wenig Sonnenschein und ganz viel Musik: das FM4-Frequency
Festival. FRITZ-Mitarbeiter Tobi war mittendrin.
Donnerstag, 14. August, 11.20 Uhr. Bereits vierzig
Minuten vor dem offiziellen Einlass drängen sich
ungefähr 100 Menschen vor dem Haupteingang des
Festivalgeländes und lassen mich nur verzweifelt
rufend auf meinem Weg zum ersten Interview (welches
dank massiver Verkehrsbehinderungen bereits fünf
Minuten vorher schon ohne mich begonnen hat) passieren.
Noch ist es ruhig vor dem Alternatent, nur einige Securities
stehen herum. Von "Tent" kann übrigens
keine Rede mehr sein, das Zirkuszelt, in dem die kleinere
Bühne im letzten Jahr untergebracht war, dient
nun als Presselounge und wirkt im Vergleich zu dem weißen
Riesending, dass am Gelände steht, geradezu lächerlich.
Unwirklich der Gedanke, dass sich in weniger als einer
Dreiviertelstunde 30.000 Menschen auf diesem Gelände
tummeln werden.
Im Backstage angekommen, bahne ich mir meinen Weg zu
"Biffy Clyro". Simon Neill, Sänger
und Gitarrist der schottischen Emo-Helden ist guter
Dinge, freut sich über das schöne Wetter und
plaudert über das harte Musikerleben und bevorzugte
Bands. Bevor ich mich anschließend wieder auf
den Weg mache, läuft mir noch Stootsie und der
Rest von "The See Saw" über den
Weg, die das Festival eröffnen. Sehr gelungen übrigens,
die neuen Songs rocken und die Band zeigt sich in bester
Spiellaune. Überraschenderweise sieht man dann
auch noch die "Sportfreunde Stiller"
ankommen, die, obwohl ihr Konzert erst am Freitag stattfindet,
schon einen Tag früher angereist sind. Und diesen
intensiv vor der Hauptbühne verbringen, in regem
Kontakt mit ihren zahlreichen Fans. Sehr löblich.
Dann aber los zu "Biffy Clyro". Sie
sind die erste Band, deren gesamtes Set ich sehe. Breite
Gitarren, Emo mit Post-Hardcore-Elementen und zum ersten
Mal kommt eine Art Rock-'n'-Roll-Stimmung in mir auf.
Sehr schön, wenngleich der Sound auch ein wenig
verwaschen rüberkommt.
"Caesars" mussten ihren Auftritt ja
leider kurzfristig absagen, stattdessen sprangen die
netten "Curbs" (CD-Tipp: "Change
Everythig") aus Wien ein, welche definitiv
überzeugen konnten und eine sonnige Stimmung aufs
Gelände brachten.
Im Anschluss daran: "Blackmail".
Mit Nachdruck vom bekannten Visions-Magazin empfohlen,
brachten die Koblenzer erdigen Rock mit Stoner-Elementen
"unter die Leute". Passt, sitzt und trifft
aufs exakteste den Nerv der Zeit. Aydo Abay, Frontmann
und Sänger, sowie die Gebrüder Ebelhäuser
(Kurt E. himself ist ja einer der umtriebigsten Musiker
und Produzenten, die aktuell herumlaufen) konnte man
im Anschluss übrigens noch bei "Travis"
erblicken, im intensiven "Fankontakt". Ebenfalls
sehr löblich.
Zuvor aber noch "Terrorgruppe". "Mein
Skateboard ist wichtiger als Deutschland", ist
einer der Sätze, die ich mir von ihrem Auftritt
behalten konnte. Wer die Terrorgruppe kennt, weiß,
dass sie noch immer kompromisslos ihren Weg gehen, und
das ist gut so.
"Ash" (simply rockin') sowie "Blumfeld"
rissen die nun schon sehr zahlreich vertretenen Besucher
zu Begeisterungsstürmen hin. "Heather Nova"
(wegen Stau mit Polizeieskorte zum Festival gebracht)
lässt das erste Feuerzeugmeer entfachen, zurückgelehnt
betrachte ich den ruhigen Zauber, den sie über
das Gelände legt. Allein: ein oder zwei rockigere
Nummern hätten nicht geschadet.
Zwischendurch im Pressezelt sieht man immer wieder
die Kollegen von FM4, die "Sendung ohne Namen"
treibt ebenfalls ihr Unwesen (sehr schön: Sebastian
Brauneis wird im fahrenden Auto stehend bei einer Runde
um den Ring gefilmt) und überall wird geknipst,
berichterstattet, gefilmt oder getratscht.
"Travis" allerdings dürften dann
jedermann/frau wieder vor die Hauptbühne geholt
haben, die vier Schotten mit dem Ruf, die zuvorkommendste
Band der Welt zu sein, ließen jeden, den sie erst
mal in ihren wohlig warmen Mondanbetungen gefangen hatten,
nicht mehr los, ehe der letzte Ton verklungen war.
Und im Alternatent? Auch dort wurde ordentlich gerockt,
gerfrickelt und geshakt, meinereiner vernahm druckvolle
"3 feet smaller" sowie "Christoph
und Lollo" feat. "Petsch Moser"
mit Schispringerliedern rock-remixed. Außerdem
baten die "Puppetmastaz" zur Show,
die von Lachsalven aus dem Publikum begleitet wurden
(sicherlich ein Novum: die Drahtgestelle, mit denen
die Jungs ihre Mikrofone vor dem Mund befestigt hatten).
Am Abend allerdings spitzte sich die Situation zu,
schon bei "Tahiti 80" kamen Dränglereien
vor dem Alternatent auf, die sich dann immer mehr hochschaukelten
(schade, denn Tahiti 80 hätten ein aufmerksames
und relaxtes Auditorium verdient). Aus "sicherer"
Distanz konnte man dann beobachten, wie einige tausend
Menschen versuchten, ins Alternatent zu drängen,
bzw. aus selbigem rauszukommen, was dann fast zu viel
zitierter "Massenpanik" geführt hätte.
Schatten über dem Festivalgelände, und das
nicht nur, weil es Nacht wurde, sondern auch aufgrund
der sich ständig durch das Gelände kämpfenden
Rettungswagen, die Verletzte und Geschundene zum RK-Zelt
brachten. Ob die Schuld an diesem kritischen Moment
am Veranstalter lag oder eher an den vielen Menschen,
die immer mehr auf nur einen Ausgang drängten und
inwieweit logistische Fehler vorlagen, sollte jeder
für sich beurteilen. Fakt ist nur, dass schlimme(re)
Vorfälle mit einigem Glück und guter Arbeit
seitens der Einsatzkräfte verhindert werden konnten.
"Bauchklang" und "Seeed"
(weshalb nicht auf der Hauptbühne?) stellten schlussendlich
als Headliner fest, dass beide Bands in einer musikalischen
Liga mitspielen, die nur selten erreicht wird.
Schlaf. Ein Halleluja auf unseren Bus, der Regen verschonte
uns, allerdings ward mir Angst und Bange, als ich die
Augen öffnete und das Gefährt bedrohlich wackelte
(unnötig, zu erwähnen, dass sich rechts davon
ein bedrohlicher Abgrund auftat - zum Gelände runter
wollte ich dann doch auch nicht kugeln). In Mac Gyver
- Manier konnten wir uns jedoch retten. Dann Dosensuppe,
danach Aufbruch.
"Tomte" stammen vom mittlerweile recht
bekannten Hamburger Label Grand Hotel van Cleef, das
unter der Leitung der Tomte - sowie Kettcar - Masterminds
Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch steht. Tomte sind
nun zu viert, was ihnen gut tut. Thees macht Witze,
die Band klingt tight. Ein deutscher Indie-Genuss zu
früher Stunde - das macht Lust auf mehr. Kleiner
Lesetipp nebenbei: Uhlmann ist der Autor von "Wir
könnten Freunde werden. Die Tocotronic - Tourtagebücher",
intern genannt: "Roadie - Ansichten über eine
Jugendbewegung". Immer wieder lesenswert. Den Autor
konnte man übrigens ebenfalls kurz nach dem Konzert
bestens gelaunt im Backstage treffen oder im Clinch
mit Bewunderern vor der Bühne beobachten.
Und dann ging's Schlag auf Schlag: "Wir sind
Helden" lockten die Massen derart an, dass
es zu einem massiven Stau auf den Abgängen in Richtung
Gelände kam. Manchen stiegen womöglich gar
grausige Gedanken an die Halbpanik tags zuvor in den
Kopf. So schlimm wurde es dann aber nicht, einem zusätzlich
geöffneten Tor sei Dank.
Judith Holofernes und ihre drei Heldenjungs verzauberten
mit ihrem Charme, sexy Ansagen und einer Musik, die
zum Mitsingen und -tanzen geboren wurde. Die Gunst der
Stunde, die sich während der "Alien Ant
Farm" bot, nutzte ich für ein ausführliches
Interview mit Mr. Louie Austen, der sich als hochinteressanter
und angenehmer Gesprächspartner herausstellte.
Auch nicht schlecht: In seinem Wohnwagen hat's nicht
geregnet. Beim Rausgehen lief mir noch Conor Oberst,
"Bright Eyes"-Anführer aus Nebraska
mit seiner Band über den Weg, der allerdings einen
leicht maroden und geschafften Eindruck machte.
Indessen hatte es begonnen, mehr oder weniger stark
zu regnen, was aber der Beigeisterung, die das Publikum
"Grandaddy" (CD-Tipp: "SumDay")
gegenüber zeigte, keinen Abbruch tat. Jason Lytle,
Multiinstrumentalist, Bühnenclown und Sänger
der Kalifornier brachte die Regengeplagten zum Lächeln
und Mitschunkeln.
"Bright Eyes" wurden dann, von Metallica
mal abgesehen, zum vielleicht polarisierendsten Act
des Festivals. Conor Oberst und seine Mannen sattelten
ihre Instrumente, verließen jedoch partout nicht
mehr die Bühne und begannen sogleich mit ihrem
Konzert. Moderator Stermann ergriff daraufhin die kurze
Möglichkeit, noch eine kleine Ankündigung
ins Mikrofon zu rufen, bevor er dessen von Oberst (unverständlicherweise)
entledigt wurde. Dann stieg auch noch Ärger unter
den Metallica-Anhängern auf, die im Publikum standen,
und mit Sprechchören auf Obersts Anfeindungen der
"größten Metalband der Welt" gegenüber
reagierten. Grund genug für Oberst, seinen nur
fünf Songs kurzen Auftritt mit regelmäßigem
Spott gegenüber den Metallica-Fans zu zersetzen.
Offenkundig mäßige Spielfreude, vor allem
seitens Oberst und seiner Vaterfigur Mike Mogis, konnte
man da erkennen, sei es ob der Provokationen aus dem
Publikum oder der lautstarken Gespräche mancher
Zuschauer, man weiß es nicht. Im Alternatent hätten
die Amerikaner sicherlich eine bessere Figur gemacht.
Bei "Notwist" hatte der Wettergott
schließlich ein Einsehen, und scheinbar als Dank
dafür spielten und frickelten die Deutschen, dass
es eine wahre Freude war. Martin Gretschmann, Elektronikguru
der Notwistler absolvierte später übrigens
noch einen (laut Ohrenzeugen ebenfalls tollen) Auftritt
als Console im Alternatent.
Apropos: Auch dort war auch am Freitag der Bär
los, zu Beginn wechselten sich die jungen Wilden "Wedekind"
(interessante Mischung, erinnert an Muse und Placebo),
"Nova International" und "Jugendstil"
ab, ehe die "Beginner" zum Kopfnicken
einluden.
"Kettcar" und die "Goldenen
Zitronen" blieben mir leider verwehrt. Aber
ich weiß: Ihr wart großartig. Verwehrt deshalb,
weil ich einerseits vor der Hauptbühne stand und
mich andererseits der Nahrungsaufnahme widmen musste,
um einem Erschöpfungstod vorzubeugen.
Gewohnt sportlich-dilettantisch später die "Sportfreunde
Stiller", ebenfalls ein Publikumsmagnet und
auch "Beck", bei dem man nie wissen
kann, was einen erwartet, punktete mit einem All-Hits-Programm
(inklusive "Loser"!!) voll.
Ab "Placebo" überkam mich das
schleichende Gefühl, dass die großen Headliner
live immer mehr wie von Platte klingen, ein Phänomen,
dass man tunlichst vermeiden sollte. Doch Molko und
Konsorten konnten immerhin den Großteil der Besucher
überzeugen, "Where is my mind" am Schluss
tat sein übriges.
Danach legte sich zweifelhafte Ruhe über das Gelände,
und ja: es war die Ruhe vor dem Sturm. Securities mit
Dobermännern, martialische Aufpasser und absolute
Hochsicherheit hinter der Bühne, als "Metallica"
(MUSIKSTORY: ".
. . und dann kam der Donner") die Bühne
enterten. Bombastisch, groß und pyrotechnisch
sehenswert war ihre Show, jedoch: Wer hatte etwas anderes
erwartet?
#tobi
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