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Zerstörungs-Wut
21. Juli 2004
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| Die deutschen Thrash-Urväter
Destruction. Bild: SN/nuclear
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Die Zerstörung macht auch nach 20 Jahren nicht
Halt. Ein FRITZ-Exklusiv-Interview mit Mike, dem Gitarrist
der deutschen Thrash-Ikone "Destruction".
Die Fanbasis von Destruction ist recht aktiv, und so
konnte man vor kurzem Destructions "Desecrators
of the New Age"-Video vom aktuellen Album "Metal
Discharge"auf Vivaplus bewundern, wo sie bei einem
Publikumsvoting mit dem ersten Platz auftrumpfen konnten.
Was beim brutalen Sound von Destruction und dem guten
Old-School-Video doch überrascht.
Man kann sagen, dass Destruction eine der wenigen
Bands ist, die es geschafft hat, den dröhnenden
80er-Jahre-Thrash-Metal authentisch ins 21 Jhdt. zu
transportieren. Seit "Sentence of Death",
dem ersten Album 1984 haben die Jungs aus Deutschland
die internationale Schwermetallszene mit exzellenten
Songs wie "Mad Butcher", "Bestial Invasion"
und "Release from Agony" bereichert. Seit
Bestehen gabs natürlich die obligatorischen Umbesetzungen,
eine Auflösung und die dazugehörige Reunion
. . .
Es lohnt sich auf jeden Fall, wenn man mal auf der
sehr gelungenen Homepage von Destruction vorbeischaut,
wo unter anderem die Discographie, Konzerttermine und
ein aktuelles Newsforum zu finden sind. Außerdem
gibt's auch neben Songtexten und Gitarrentabulaturen
zum runterladen auch noch ein paar mp3s und Videostreams
zum reinschauen! Aber nun zum Interview, wo Mike über
die heutige Metal-Szene, Festivals und Hairstyling plaudert:
FRITZ: Weil nicht gleich jeder als Destruction-Fan
geboren wird, wie würdest du euren heutigen Sound
beschreiben?
Mike: Vordergründig ist die Sache einfach
mal ziemlich aggressiv. Aber wir wollen auch eine Message
rüberbringen, es ist ja nicht alles eitel Sonnenschein
auf dieser Welt. Und da brauchts auch mal ein paar Leute,
die auf den Tisch hauen und sagen, was so ein bisschen
im Argen liegt. Und da unterstützt harte Musik
die Message schon mehr, als wenn wir Balladen bringen
würden. Ist halt Geschmackssache...
FRITZ: Wie du auf der Homepage anmerkst, bist
du nicht unbedingt der Fan neuerer Metal Bands, vor
allem im Power und New-Metal Bereich. Beschäftigst
du dich aber vielleicht mit Thrash-Metal-Bands aus dem
Underground?
Mike: Auf jeden Fall - man kommt ja auch rum
und dann haben wir meistens Support-Bands, die auch
aus der Thrash-Ecke kommen. Da wird man schon zugeklatscht
mit Demos - darüber bin ich meistens recht angetan.
Viele Bands haben schon sehr gute Musiker und andere
sind auf dem besten Weg dorthin. Da stehen 16-jährige
Jungs auf der Bühne, die sind in zwei Jahren Top.
Das ist insgesamt schon sehr erfreulich! Wenn man an
andere Sachen denkt - bei manchen Gruppen wird mir bei
deren Live-Performance richtig schlecht, z.B. ganz schlechte
Gothic-Bands. Ist vielleicht ein dummes Beispiel, natürlich
gibts auf dem Sektor auch gute, aber ich stelle fest,
dass oft Gothic-Newcomer einen schlechten musikalischen
Standard haben.
FRITZ: Aber die müssen ja auch eher eine
depressive Message rüberbringen, wenn die Gothic-Bands
zu gut spielen sind die Zuhörer dann zu glücklich...
Mike: Das ist fadenscheinig für mich -
dann müssen sie vielleicht zum Teil erst mal das
Keyboard leiser machen, damit man überhaupt hört,
was sie genau spielen. Das wär ein geiles Argument
für eine Punkband. Aber ich bin ich auch mehr für
Punkbands, die gut spielen können.
FRITZ: Man merkt, daß du doch viel Wert
legst auf technisches Können.
Mike: Eigentlich nicht so unbedingt. Ich hör'
mir auch die Sex Pistols gerne an und da ist wirklich
kein überragendes technisches Können dabei.
Es gibt ein paar Bands die mag ich wirklich gerne, obwohl
sie technisch nicht gerade der "Wahnsinnshammer"
sind. Mothörhead sind z. B. wirklich gut, weil
sie einfach schon so lange auf der Bühne stehen.
Aber es gibt wohl bessere Bassisten als Lemmy - ist
halt alles Geschmackssache. Es geht halt oft um Harmonielehre
und wenn was klingt wie ein Kinderlied oder ein Volkslied,
kann ich echt nichts damit anfangen.
FRITZ: Destruction haben in einer Zeit angefangen,
als dieser sehr harte Sound noch wenig vertreten war,
Bands in dem Sektor konnte man an einer Hand abzählen.
Heute tun sich die Newcomer auf dem Gebiet schon schwerer
bei der Anzahl an Bands. Was würdest du jungen
Bands empfehlen, kannst du da Tipps abgeben?
Mike: Klar, es gibt Massen von Bands - und alle
haben sicher alle brav geübt. Ich finde aus Schweden
kommen viele gute Bands, es gibt viele gute Musiker.
Es ist wohl mittlerweile ein Haifischbecken. Was man
raten kann: Viele Leute die jetzt 15-16 sind, die kriegen
erst 'mal eingetrichtert, was hip ist - kriegen zuerst
'mal die ganze New-Metal-Scheiße reingedrückt.
Was man als Einstieg auch gelten lassen kann, aber man
sollte sich dann allmählich auch intensiver mit
der Musik beschäftigen und zu den Sachen zurückkehren,
die immer gut waren. Also wer Metal hört und Black
Sabbath nicht kennt, ist sicher auf dem falschen Dampfer.
Man soll auf den Konzerten auch mal bewusst kucken,
was da gemacht wird. Ich stehe auf Sachen, die ehrlich
präsentiert werden - so eine Plastik-Retortenmusik
brauch ich nicht. Es ist eigentlich unglaublich, was
sich die breite Masse so alles reintut. Schön in
Häppchen serviert und schön einfach für
alle . . . Man muss natürlich auch erstmal dahinterkommen,
um zu beurteilen, was jetzt da wirklich abgeht. Dazu
braucht man auch einen gewissen Erfahrungsschatz - also
schön fleißig Konzerte besuchen! Und bei
den Konzerten auch den Leuten mal genauer auf die Finger
schauen.
FRITZ: Auf größeren Veranstaltungen
seid ihr unter anderem auch mit Bands aufgetreten, die
mit dem Sound von Destruction wenig gemein haben. Wie
reagieren die Fans anderer Bands auf Destruction?
Mike: Die breite Masse ist relativ offen, sag
ich mal. Gerade vor zwei Monaten bei einem Festival
in Granada (in Südspanien, Anm.), wo das Spektrum
recht breit war... bei einem Auftritt mit Uriah Heep
und Michael Schenker. Die Leute haben beides angekuckt
und das zeigt, dass die meisten doch einen Horizont
haben. Und es ist mir eine große Ehre, wenn die
beides anhören, denn ich steh auch auf die alten
Sachen. Ich selbst hab da eh kein Problem damit - ich
kann mir eine "Knüppelgrupppe" anhören
und danach Deep Purple. Weißt du, mit den Jungs
- den dunkel geschminkten und alles schwarz und die
nix anderes gelten lassen - mit denen habe ich nicht
wirklich ein Problem, aber ich find sie auch nicht besonders
interessant, diese Leute. Die kommen dann zu mir und
sagen: "Hey, euer erstes Album war ganz klar das
Beste." Da sag ich zu denen: "Jaja, alles
Geschmackssache aber vom musikalischen Standpunkt her
war es garantiert nicht das Beste." Ansonsten hätt
ich ja 20 Jahre lang nichts gemacht . . . Eigentlich
könnte man das fast als Beleidigung interpretieren.
Wenn er das was ich jetzt mache nicht gut findet, hat
er irgendwie - ehrlich gesagt - einen komischen Geschmack.
Weil ich hab schließlich 20 Jahre lang geübt.
(lacht)
FRITZ: Ja, das ist ein bekannte Erscheinung
- besonders in der Black-Metal-Szene, wo die Fans -
scheints - immer der Meinung sind, dass das erste Album
das Beste ist. Egal was nachher kommt.
Mike: Das ist halt eine sehr romantische Sicht
mit wenig Bezug zur Realität. Ich hoffe, die Leute
machen mal ihren Kanal auf und tun sich dann doch mal
was anderes ein. Ich glaube auch, dass viel Image dahintersteckt,
und dass sie zuhause trotzdem ABBA hören. (lacht)
FRITZ: Wahrscheinlich . . . Warum aber auch
nicht, die kommen schließlich auch aus Schweden?
Mike: Eben, ist auch ne geile Band! (lacht)
FRITZ: Hört sich so an, als ob auf der
nächsten Destruction-Scheibe ein paar ABBA-Coversongs
mit draufkommen?
Mike: Nee, das lassen wir mal lieber. Das haben
die Schweden schon alles bis zum Exzess durchgenudelt
- da gibts schon genug davon.
FRITZ: Wie ist es euch auf eurer Spanien- und
der längeren Brasilien-Tour gegangen?
Mike: Die Leute dort haben einen sehr bodenständigen
Musikgeschmack und sind weniger auf die Ami-Schiene
aufgesprungen. Es läuft viel Latino-Sound im Fernsehen
und es ist alles nicht so "american" wie bei
uns. Metal ist schon eine Macht da drüben. Die
kleinste Show, die wir drüben hatten, waren 700
Leute - die größte um die 6000. Ja, die Leute
freuen sich dort, wenn Rock 'n' Roll abgeht! Bei uns
ist es halt schon ein bisschen verwöhnteres Publikum
- soll nicht heißen, dass es hier keinen Spaß
macht. In Südamerika ist es einfach ein bisschen
herzlicher. Die Leute weinen teilweise nach der Show
- das geht einem schon ans Herz.
FRITZ: Gehst du selber auf Konzerte - abgesehen
von denen wo ihr auftretet?
Mike: Ja, vor allem, wenns bei mir in der Nähe
ist. Da ist so einiges am Start und es spielen auch
viele Leute die auch kenne. Das ist immer nett mit anzuschauen,
besonders auch die netten Partys hinterher. Klar, ich
geh gern auf Konzerte - logisch, man lernt nie aus.
FRITZ: Wenn man sich die Entwicklung von Destruction
anschaut, fällt vor allem auch auf, dass sich die
Frisuren geändert haben...
Mike: Ja, zwangsläufig.
FRITZ: Heißt das, dass Destruction doch
eine Band ist, die mit Modetrends mitgeht, weil ihr
ja die schönen Dauerwellen abgelegt habt?
Mike: Ich hatte ja nie eine Dauerwelle . . .
Auf der ersten Platte waren die Haare halt einfach noch
nicht lang genug. Es ist ein echtes Grab, wenn du zuviel
Locken hast, da dauert es doppelt so lang, bis die Haare
mal 'ne annehmbare Länge erreicht haben. Schmier
hat sich eine zeitlang blondiert. Dann hat seine Friseurin
gemeint, er sollte mal langsam damit aufhören,
sonst kacken seine Haare ab . . . Seine Naturhaarfarbe
ist eigentlich dunkler, kastanienbraun.
FRITZ: Wo siehst du den Thrash-Metal in den nächsten
zehn Jahren? Destruction gibts ja sicherlich dann noch
- hoffe ich . . .
Mike: Wenn die ganzen Bands so weitermachen
wie bisher, wird sich die Sache ganz gut entwickeln
denke ich! Die alten Hasen machen ganz gute Sachen -
die neue Exodus gefällt mir ziemlich gut, die neue
Testament kommt demnächst, die neue Grip Inc. ist
geil . . . Ich glaube, da ist insgesamt noch genug musikalisches
Potential dahinter. Wenn's so weitergeht . . . die jungen
Bands legen auch noch was nach - das ist ein guter Arschtritt
für die alten. Erfahrungsgemäß sind
bei unseren Konzerten auch viele junge Leute dabei sind
- das müssen ja wohl die sein, die früher
mal Limp Bizkit gehört haben (lacht).
FRITZ: Auf den regulären Alben sind ja
immer diese netten Intros drin, die recht melodisch
anfangen und dann meist in einer Thrashgranate enden.
Daran sieht man schon, dass ihr auch was anderes machen
könnt oder macht...
Mike: Ja es gibt tatsächlich auch Gitarren
ohne Elektrizität. Weißt du, die haben auch
sechs Saiten und mit denen sollte man auch halbwegs
umgehen können, wenn man Gitarrist ist - find ich.
Das ist zwar nicht meine Spezialität und damit
hab ich auch viel zu spät angefangen, aber Leute,
die das gut können, haben mich angestiftet, ein
bisschen Akustik zu üben. Gerade die Flamenco-Leute
sind ja unglaublich - Flamenco ist auch Metal! (lacht)
Es ist auch sehr aggressive Musik, da kann man sich
durchaus inspirieren lassen . . . Gerade von der Harmonielehre
dort, die ist ziemlich evil. Bei der neuen Scheibe von
Grip Inc. kriegt man schon eine Vorstellung, wie sich
das anhören könnte - Akustikgitarren recht
gut kombiniert mit Metal, und dazu Lombardo-Getrommel
- ziemlich geil, das geht schon.
FRITZ: Wie läufts mit den Kollegen von
Sodom und Kreator - gibts mal wieder eine gemeinsame
Tour?
Mike: Die Nachfrage ist sicherlich da. Wir haben
diese Tour auch nur in Europa gemacht - jetzt maulen
sie in Amerika und Südamerika herum, "Sodom
hat gefehlt - nochmal machen" (lacht). Ich sag
mal wenn wir wieder alle drei flott kriegen könnten,
kann man das schon nochmal in Betracht ziehen! Aber
es hat sich als nicht ganz einfach erwiesen, die drei
Bands auf eine gemeinsame Tour zu kriegen. Die haben
alle ihre Ansprüche und einen vollen Terminkalender.
FRITZ: Zum Schluss noch eine Frage zum aktuellen
Schaffen von Destruction. Habt ihr schon was Neues in
der Mache?
Mike: Wir überlegen, ob wir jetzt gleich
wieder eine Studioscheibe machen sollen oder ob wir
noch was zwischenschieben. Ein paar alte Songs aufnehmen,
ein paar Coverversionen vielleicht . . . Wir haben auch
vor, mal was auf Spanisch oder Portugiesisch zu machen.
Weil da die Leute echt geil drauf sind, und das haben
die auch mal verdient. Möglicherweise auch ein
Projekt mit anderen Musikern, vielleicht hat wer von
Sepultura oder Brujeria Bock? Da könnte man mal
ein kleines Punkprojekt starten . . . Schaun wir mal
was kommt, da tut sich sicher noch was!
. . . und schon war die Zeit abgelaufen und Mike durfte
im Anschluss daran gleich fürs nächste Telefoninterview
in England anklingeln.
#erhard furtner
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