| Der Fluch von Blondie
22. Dezember 2003
 |  |
| Frontfrau Deborah Harrym und Drummer Clem Durke Bild:
SN/epa | |  |  |
Die New-Wave-Veteranen Blondie haben ein neues Album - "Curse
of Blondie" - und sind wieder auf Tournee. FRITZ-Mitarbeiter Christian Genzel
im Exklusiv-Interview mit Blondie-Drummer Clem Burke. Kann man über
Blondie schreiben, ohne wie ein Geschichtsprofessor zu klingen? Schon Ende der
70er feierten Blondie Erfolge mit ihrem Prototyp der New-Wave-Bewegung. Rock'n'Roll,
Punk und ein gehöriger Pop-Appeal machten die Musik der Gruppe aus, die vor
allem durch ihre sexy Frontfrau Deborah Harry auffiel - die übrigens nicht
"Blondie" heißt, wie vielerorts angenommen wird. Mit "Heart
of Glass" und "Call Me" hatte die Band zwei Welterfolge - und dann,
nach 6 Alben, war 1982 Schluß. Gitarrist Chris Stein wurde krank, die Mitglieder
verstreuten sich in alle Winde und arbeiteten an eigenen Projekten - bis sich
der Kern der Truppe 1999 wieder zusammentat. Ihr Reunion-Album "No
Exit" war vor allem dank des Hits "Maria" enorm erfolgreich - und
die Gruppe um Debbie Harry, Chris Stein, Keyboarder Jimmy Destri und Drummer Clem
Burke war wieder gefragt. Nach einiger Sendepause meldet sich die Band mit einem
neuen Album zurück - "Curse of Blondie". Anläßlich der
neuen Platte und der dazugehörigen Tournee interviewe ich per Telefon Clem
Burke, der gerade in Cambridge sitzt. Clem erzählt mir ein wenig von
der Tour und darüber, wie die Blondie-Sets aussehen: Alte wie neue Songs,
nach Möglichkeit ein Querschnitt durch alle Alben. "Ich glaube, die
Leute wollen immer noch Songs wie zum Beispiel 'Heart of Glass' hören,"
meint Clem, hebt aber auch stolz hervor, daß die neuen Songs hervorragend
bei den Fans ankommen. Eine gute Überleitung zur neuen Platte, zu der ich
gleich eine Frage loswerden muß, die vermutlich jeder Interviewer stellt: Was
ist der "Curse of Blondie", der Fluch von Blondie? Nun, der
"Curse of Blondie" ist eigentlich - naja, die Höhen und Tiefen,
wenn man in einer Band ist, oder eigentlich in jedem Geschäft. Immer, wenn
du glaubst, daß die Dinge großartig laufen, passiert vielleicht etwas
Merkwürdiges, was alles ein wenig verrückt - so ist das Leben. Es gibt
zwei Möglichkeiten, einen Fluch zu betrachten - es ist ein Segen oder ein
Fluch. Da sind all die Dinge, die uns auf unserem Weg passiert sind - Chris Stein
wurde krank ... weißt Du, bittere Sachen, die innerhalb der Band oder im
Business im Allgemeinen passiert sind - Probleme mit dem Management ... man muß
irgendwie damit rechnen. Es ist ein etwas ironischer Titel - es ist eigentlich
nicht ernst gemeint, und es ist eine Anspielung, die auf eine Art jenseits des
Offensichtlichen ist. It's like an inside joke, really. Aber ich glaube, daß
wir alle auf gewisse Art verflucht sind. Das ist wahr. Wenn
die Buchstaben auf der Platte mit triefendem Blut versehen wären, würde
man es eher als eine Art B-Film/Christopher-Lee/Vincent-Price-Ding sehen. Auf
dem Album ist ein Track namens "Tingler", der auf einen B-Horrorfilm
verweist. Wir waren schon immer daran interessiert - auf dem ersten Album hatten
wir einen Song namens "Attack of the Giant Ants" ... unsere Verlagsgesellschaft
heißt "Monster Island". Es gab bei uns schon immer diese Zugehörigkeit
zu Monstern und Ähnlichem. Also ist es nichts allzu Ernstes. Denn
der "Curse of Blondie" könnte ja auch sein, daß ihr im Prinzip
genau das macht, was ihr vor 25 Jahren gemacht habt, und daß ihr die Vergangenheit
nicht zurücklassen könnt - was ja nichts Schlechtes sein muß. Unser
letztes Album hieß "No Exit", was der Titel eines Buches von Jean-Paul
Sartre ist - das spielt auch darauf an. Ich habe mir ein paar der neuen
Songs angehört - ich hatte nicht viel Zeit, weil ich erst vor zwei Tagen
von diesem Interview erfahren habe - aber ich mag das neue Album, es klingt ein
bißchen, als wärt ihr nie weg gewesen. Es klingt, als hättet ihr
eine Menge Spaß beim Aufnehmen der Songs gehabt. Ja ... unsere
Platten waren schon immer eher eklektisch, und ich glaube, so, wie wir als Musiker
wachsen, werden unsere Interpretationen der Songs manchmal extremer. Auf diesem
Album haben wir viel Technologie und Synthesizer-Programme verwendet, aber prinzipiell
geht es bei Blondie immer um die Songs und um die Melodie. Die meisten Blondie-Songs
kann man auf einer Akustikgitarre spielen oder mit einer Zehn-Mann-Rockband, und
die Melodie ist immer die starke Seite. Debbie schreibt gute Texte - es gibt mehrere
Songwriter in der Band, die mit sehr interessanten ... es ist komisch, ich habe
gestern tatsächlich eine Blondie-Tribute-Band gesehen. Wir haben in Liverpool
gespielt, und da war eine Blondie-Tribute-Band, die nach uns gespielt hat, und
wir waren eingeladen, sie uns anzusehen. Zuerst dachte ich, "This is going
to be really strange - ich bin gerade damit fertig, die ganzen Blondie-Songs zu
spielen, also will ich sie mir nicht nochmal alle anhören" - aber als
ich dann da saß und mir die Band anhörte, fiel mir auf, wie stark die
Songs sind. Hauptsächlich sind die Songs das, was die Band aufrechterhalten
hat, und die Songs sind das, worum es bei der Band jetzt geht. Debbies Image,
der Image der Band, die ganze New-Wave/Punk-Rock/Irgendwas-Bewegung damals - das
hat uns damals den Fuß in die Tür gebracht - aber jetzt geht es hauptsächlich
um die Musik. Diese Platte hat eine Menge guter Songs. Wie du gesagt hast, sie
klingt, als wären wir nie weg gewesen - wir machen einfach weiter, und die
Leute, die kreativen Kräfte der Band, bleiben, also ist die Art des Songwritings
auch immer noch dieselbe. Wie Du schon gesagt hast, ist Blondie sehr eklektisch,
und auf jedem Album habt ihr eine Menge verschiedener Stilrichtungen. Wie passiert
das - sagt ihr Euch, "Okay, wir machen einen Discosong, wir machen einen
Reggaesong", oder passiert das einfach, wenn Ihr Euch im Studio trefft und
eure verschiedenen Backgrounds "kollidieren" läßt? Manchmal
entwickeln sich die Songs - ich spiele vielleicht einen Discobeat bei einem Song,
den Chris geschrieben hat, von dem er vielleicht geglaubt hat, es sei ein Reggaesong.
Jeder gibt seinen Input ab. Innerhalb der Band gibt es einen gemeinsamen Nenner
durch unser Leben mit der Musik, und dann sind da einzelne Personen, die stärkere
Interessen an bestimmten Musikrichtungen haben. Zum Beispiel mögen wir alle
Velvet Underground, die Ronettes, Iggy Pop - aber manche Leute mögen Rap
lieber, andere mögen Bubblegum-Musik. Es ist ein musikalischer Eintopf, der
dann in den Blondie-Sound integriert wird. Man weiß nie, was das Arrangement
eines Songs auslöst, sobald der Song mal geschrieben ist - das kann von überallher
kommen, von einem Synthesizerprogramm, vom Bass, vom Schlagzeug - you never really
know. Das macht die Sache ja erst spannend, oder? Ja. Es ist
ein evolutionärer Prozeß - Sachen zu erschaffen. In Blondie ist das
nicht wirklich vorgefaßt oder gekünstelt, es ist eine organische Evolution
der Kreativität, wenn du so willst. Debbie und Chris schreiben eine
Menge Songs, und Jimmy schreibt auch einige. Ich liege vielleicht falsch, aber
ich glaube, Du hattest deinen ersten Songwriting-Credit auf "No Exit"
... Ich habe damals auch mit Jimmy einen Song namens "Poets Problem"
geschrieben. Aber, ja, ich hatte ein paar Songwriting-Credits auf "No Exit". Möchtest
Du in Zukunft mehr Songs schreiben? Ich muß mit anderen zusammenarbeiten,
um Songs zu schreiben. Ich habe ein paar Songs geschrieben, und es ist nicht meine
- sagen wir - Stärke, es ist nicht das, was ich wirklich tue, was ich beisteuere.
Ich arbeite an den Arrangements mit, und ich spiele. Aber es ist großartig,
ein solches Ventil zu haben. Das beantwortet vermutlich schon meine nächste
Frage. Ich wollte wissen, ob Du schon mal ein Soloalbum aufnehmen wolltest - Debbie
hat ja ein paar aufgenommen, und Jimmy hatte auch mal eins. Ja, naja,
es ist schwieriger für Schlagzeuger, Soloalben aufzunehmen. Ich hatte eine
Handvoll anderer Plattenverträge die Jahre hindurch, in der Zeit, wo Blondie
aufgehört hatten. Ich habe lange Zeit mit den Eurythmics gearbeitet. Wir
haben damals sogar im Wiener Opernhaus gespielt - ich glaube, das war 1987. Wahnsinn.
Ich hatte mehrere Plattenverträge - ich hatte eine Band mit Steve Jones von
den Sex Pistols, nachdem Blondie aufgehört hatten. Im Moment spiele ich hin
und wieder mit Nancy Sinatra, wenn ich kann - wir haben letztens in Wien gespielt.
Weißt Du, ich habe viele Ventile für das, was ich mache. Ein Soloalbum
mit einer Gruppe von Freunden wäre vielleicht ganz spaßig. Vielleicht
irgendwann einmal. Ich habe mir Deine Diskographie im All-Music Guide
angesehen, und mir ist aufgefallen, daß Du mit vielen Leuten gespielt hast
- von Iggy Pop über Bob Dylan bis zu, wie Du schon gesagt hast, Nancy Sinatra.
Beeinflußt deine Arbeit mit all diesen Leuten das, was du in Blondie machst? Absolut.
Alles, was wir außerhalb der Band machen, bringen wir mit, wenn wir zur
Band zurückkommen. Das war das Interessante an der Reunion nach der Zeit,
in der wir getrennt waren. Jeder hatte einzelne Lebenserfahrungen und - sagen
wir - künstlerische Erfahrungen, und als wir dann wieder zusammen waren,
haben wir das verwendet, was wir vorher gelernt hatten. Mit Nancy zu arbeiten
hat mir die Gelegenheit gegeben, mit einer Menge interessanter Musiker zu arbeiten
- Don Randi, der Teil von Phil Spectors Studioband war, und der auch auf "Pet
Sounds" [von den Beach Boys] gespielt hat. Ich habe Brian Wilson getroffen,
mit ihm ein bißchen gearbeitet. Das alles hat mich erkennen lassen, wie
großartig Debbie wirklich ist, wenn ich dann wieder mit ihr arbeite, weil
sie meiner Ansicht nach genauso gut als Songwriter ist wie diese Leute. Sie ist
genauso kreativ, genauso talentiert. Es ist sehr interessant, wegzugehen und zu
sehen, wie - naja, jeder hat seine eigene Arbeitsweise. Manche Leute arbeiten
viel effektiver als andere. Das ist immer interessant zu sehen. Viele
Leute hören Blondie und konzentrieren sich natürlich auf Debbie Harry.
Mein Chefredakteur hat mir von diesem Interview erzählt und gefragt, "Du
wirst mit Clem Burke reden - willst du das Interview immer noch machen oder nur
mit Blondie flirten?" - aber Blondie ist ja die ganze Band. Stört Dich
das, wenn die Leute nur die Sängerin bemerken? Nein, das ist jetzt
ein Teil meines Lebens. Als ich noch ein Kind war, haben wir alle versucht, unseren
Weg zu finden - das ist unvermeidlich. Ich wußte, daß das so passieren
würde. Als ich Debbie und Chris traf, wollte ich mit ihnen arbeiten, weil
Debbie so ein enormes Charisma hatte. Ich wußte, daß sie ein Star
ist. Man muß etwas tiefer schürfen, um so manches herauszufinden. Als
wir mit der Band angefangen haben, war es ja nicht so, daß jemand gesagt
hätte, "Hier sind eine Million Dollar, hier sind Blondie". Es war
ein sehr beschwerlicher Prozeß. Es hat viel Zeit und Arbeit gebraucht. Und
bei mir war es so, daß ich gesehen habe, was für ein - wie ich es nenne
- Potential Debbie hatte, und deshalb wollte ich mit ihr arbeiten. Ich wußte
schon früh, daß sie ein Star werden würde. Das will man ja auch
- die Rolling Stones haben Mick Jagger, die Spiders From Mars hatten David Bowie,
Velvet Underground hatten Lou Reed - so ist das halt. Ich nehme an, die
Leute schauen generall auf den Frontmann, auf den Sänger der Band. Ja.
Es traf sich halt, daß Debbie außergewöhnlicher war als manch
andere. Sie war natürlich eine sehr schöne Frau, sie ist sehr attraktiv.
Es war damals auch ein ganz anderes Phänomen - es gab nicht viele Frauen
im Rock'n'Roll, oder solche, die genau das gemacht haben, was Debbie machte. Weißt
Du, wir kommen von einer Punk-Rock-, aber auch von einer Glitter-Glam-Rock-Ästhetik.
Punk-Rock war irgendwie ... Television ... für mich war das nicht sehr glamourös.
Wenn man sich Glam-Rock ansieht, Leute wie Marc Bolan oder David Bowie oder Steve
Harley - das ist das, was Debbie für mich repräsentierte. Ich wollte
mit jemandem arbeiten, der diese Star-Qualität hatte. Das hat einen
leicht theatralischen Touch, nicht wahr? Ja - wir kamen aus einer Szene
in New York, die sich "Club 82" nannte - eher so eine Glam-Rock-Sache,
wo wir alle abhingen, noch vor CBGB. Weißt Du, Teil des Geheimnisses um
Blondie ist ja die Irritation darüber, was Blondie eigentlich ist. Blondie
ist eine Bubblegum-Band, oder ist Blondie eine Punk-Rock-Band? Ist Blondie diese
blonde Frau, oder ist Blondie eine Discoband? Viele Leute sind sich nicht wirklich
sicher, und ich glaube, dadurch bleibt es interessant. Ich nehme an,
es ist ein bißchen von allem. Ja, das geht einher mit dem Eklektizismus
der Musik - die Leute konzentrieren sich auf verschiedene Dinge zu verschiedenen
Zeiten. Ich glaube, es bleibt dadurch interessant. Und ich glaube, das hat etwas
mit unserer Langlebigkeit zu tun. Ich bemerke, daß uns die Zeit davonrennt
- das eigentlich für maximal 15 Minuten gedachte Interview dauert jetzt schon
über 17. Clem versucht, das Interview zu einem Ende zu bringen - "Wir
freuen uns wirklich darauf, in Wien zu spielen" - aber ich überrede
ihn, noch ein paar Fragen zu beantworten. Du hast bereits ein paar Leute
genannt, die wohl musikalische Einflüsse für Dich sind. Findest Du auch
Inspiration in anderen Küsten, wie Büchern oder Filmen? Ja,
klar. Natürlich. Wie ich schon sagte, der Titel unseres letzten Albums, "No
Exit", basiert auf dem Buch von Jean-Paul Sartre. "Monster Island",
unsere Verlagsgesellschaft, war ein Film mit diesem Titel. Inspirationen findet
man in vielerlei Hinsicht - in Blondie ist das ein wenig abgeschottet, viele Bandmitglieder
finden ihre Einflüsse nicht in anderer Musik, sondern in Büchern und
so. Ich glaube, daß ist in vielerlei Hinsicht offensichtlich - die Bezugspunkte
kommen von überallher. Und ich glaube, daß man Kreativität beinahe
überall finden kann - Poesie kann man in fast allem finden, wenn man danach
sucht. Ich meine, es ist Poesie in einem schön gemachten Tisch, weißt
Du? Kreativität kommt von überall her, man muß nur aufnahmebereit
sein. Wie wahr, wie wahr. Was sind denn eure Zukunftpläne? Werdet
ihr ein weiteres Blondie-Album aufnehmen? Ja, unsere nahen Zukunftspläne
sind die, daß wir erstmal bis Ende nächsten Sommers auf Tour sein werden.
Wir haben eine große US-Tour, wir werden auf einigen Festivals in Europa
spielen, dann eine US-Tour im März ... und dann, ja, dann nehmen wir eine
neue Platte auf - wir haben einen Vertrag für noch eine Platte mit unserer
Plattenfirma, also nehmen wir noch eine Platte auf. Hoffentlich wird das nicht
so lang dauern wie mit der letzten - ich glaube, wir haben ein wenig an Fahrt
verloren zwischen den Aufnahmen zu "No Exit" und denen zu "Curse
of Blondie", mit dem Erfolg von "Maria" in vielen Gebieten. Es
hat lange gedauert, einen Nachfolger zu machen. Ich glaube, das war ein bißchen
nachteilig für uns, aber Kreativität - denn darüber reden wir hier
- kann man nicht erzwingen. Wir freuen uns einfach, daß wir immer noch dabei
sind und ... wir freuen uns, daß die Musik weiterlebt. Ich glaube,
es ist besser, sich ein wenig Zeit zu nehmen und ein gutes Album zu produzieren,
als unter Zeitdruck eins herauszubringen, das dann nicht wirklich von Herzen kommt. Richtig,
richtig. Und wo siehst Du dich selbst in 15 oder 20 Jahren? 15
oder 20 Jahre? Das ist eine interessante Frage. Ich bin dann hoffentlich noch
am Leben. Das ist eigentlich alles, worauf ich hoffen kann. Weißt Du, viele
Leute aus unserer Zeit gibt es nicht mehr - Johnny Thunders, DeeDee Ramone oder
Joey Ramone ... Rock'n'Roll scheint im Moment eine hohe Sterberate zu haben. Ich
hoffe, das trifft uns nicht. #christian genzel |