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Miese Laune
16. September 2005
"Karma and Effect", das zweite Album
von „Seether“, ist verregnet wie gewohnt
und wartet mit überraschungsfreien, aber solidem
Retro-Grunge auf.
Es gibt Leute, über denen
schwebt immer eine Regenwolke. Die Rede ist ausnahmsweise
nicht von den Einwohnern Salzburgs, sondern von Shaun
Morgan, Frontmann des Post-Grunge-Gespanns „Seether“.
Vielleicht liegt es daran, dass er als Lebensabschnittsgefährte
von Evanescence-Sägezahn Amy Lee sicher nicht
viel zu lachen hat, aber möglicherweise ist
er auch einfach nur deshalb betrübt, weil er ähnlich
wie Aaron Lewis einen Hang zum Traurigen hat.
So richtig zum Weinen ist die Geschichte von „Seether“ aber
durchaus nicht – das Debütalbum "Disclaimer" hat
2003 Goldstatus eingefahren, die Plattenfirma warf
2004 eine Neuauflage mit Bonustracks nach, die sich
ebenfalls ganz gut verkauft hat und mit dem Amy-Lee-Duett "Broken" gab's
ein veritables kommerzielles Zugpferd. Das neue Album, "Karma
and Effect", dürfte der Freude keinen Abbruch
tun.
"Do you believe in love / Like I believe in
pain?", fragt Morgan gleich im ersten Song und
gibt die Marschrichtung vor: Es sind Geschichten über
den Schmerz, über Enttäuschungen und Betrug,
die mal mehr, mal weniger lautstark vertont werden.
Die miese Laune der Grunge-Generation wurde herübergerettet,
die musikalische Experimentierfreudigkeit nicht: „Seether“ sind
wie „Creed“ ohne das Pathos und wie „Nickelback“ ohne
den Pop - immer straight vorwärts und kompetent
vorgetragen.
Auf 60 Minuten Länge ist das natürlich
viel zu viel. Zu ähnlich sind sich die einzelnen
Titel, zu rar gesät die schnelleren Songs ("Because
of Me", "I'm the One"). Für sich
genommen sind die Songs spannend und kraftvoll (insbesondere
die melodiöse Single "Remedy" und das
akustische "Plastic Man"), aber in geballter
Ladung ermüdet die Aufmerksamkeit relativ bald.
Amy Lee bleibt zum Glück zu Hause, aber im Land
der Power-Balladen wird doch oft genug vorbeigeschaut.
Einfache Lösung: Nicht alles auf einmal konsumieren.
Einzelne Stücke anspielen, querhören. In
kleineren Dosen wird das Potential dieser Band viel
deutlicher. Beim nächsten Mal klappt's ja dann
vielleicht auch mit dem Gesamtwerk.
#christian genzel
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