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| Benny brütet über
Lemmy Kilmisters Inferno |
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Benny's Inferno
15. Juli 2004
Vom verzweifelten Versuch, Motörheads aktuelles
Album "Inferno" zu rezensieren. Eine Kurzgeschichte
von Christian Genzel.
Das Inferno lag direkt vor Benny's Augen. Er überlegte
kurz, ob er eine clevere Referenz an das Werk von Dante
einfügen könne, aber ihm fiel nichts ein,
was seinen Chefredakteur wirklich vom Sessel geworfen
hätte. Zwei Wochen lang spielte er nun schon die
neue CD von Lemmy aus dem Hause Motörhead, aber
das Verfassen eines schwungvollen Artikels bereitete
ihm ungeahnte Schwierigkeiten. Der blanke Bildschirm
schien Benny höhnisch auszulachen, während
dieser sich bemühte, etwas Intelligentes über
das Album zu formulieren.
Seit einer quälend langen halbe Stunde glotzte
Benny nun schon auf seinen Monitor, und er hatte noch
nicht mal einen einzigen Satz geschrieben. Er seufzte
leicht und rieb sich die Augen. Der Blick auf die Uhrzeit
verriet ihm, daß er den Artikel in etwa einer
halben Stunde fertiggestellt haben müsste, wenn
er es noch rechtzeitig zur Premiere von Spider-Man 2
schaffen wollte. Er biss etwas heftiger auf den Kugelschreiber,
den er seit den letzten zehn Minuten anknabberte. Zu
Dashboard Confessional wären ihm ganze Romane eingefallen.
Mit einem plötzlichen Ruck setzte sich Benny aufrecht
in seinen Sessel und versuchte, sich durch diese Bewegung
quasi selbst am Riemen zu reißen. Da fiel sein
Blick auf das Telefon, das unter Notizzetteln, Komplettlösungen
und einigen zerfledderten Musikexpress-Exemplaren begraben
war. Natürlich! Er würde sich Hilfe von außen
holen!
Hektisch fegte Benny den Papierkrieg von der Schreibtischoberfläche
und wählte die Nummer von Michael. Michael war
ein so großer Metal-Experte, daß Bruce Dickinson
zweimal im Jahr bei ihm anrief, um zu fragen, ob die
neuen Songs denn auch wirklich true seien. Mit etwas
Glück würde Michael ihm sogar sagen können,
um welche Art von Metal es sich bei Inferno handelte:
Evil-Raunz-Metal, True-Satanic-Epic oder vielleicht
sogar Psychedelic-Deathcore-Blast?
"Stell' dir vor, das neue Motörhead-Album
ist komplett anders als all die anderen davor!",
überfiel Benny Michael, als dieser sich nach zehnmaligem
Läuten gähnend meldete. Michael war sofort
hellwach: "Was denn, ehrlich?" Nach kurzer
dramatischer Pause grinste Benny: "Reingefallen."
Am anderen Ende der Leitung war ein Lachen zu hören,
das wie ein Gitarrenriff von Slayer klang.
"Nun, die Wahrheit ist, dass ich hier über
das neue Motörhead-Album schreiben soll, und mir
fällt rein gar nichts ein, was ich sagen könnte",
erklärte Benny etwas ernster. "Die sollen
einfach eine Kritik von einem der letzten zwanzig Alben
neu abdrucken."
"Werter Freund", setzte Michael belehrend
an, "ein Motörhead-Album ist wie ein Wiener
Schnitzel. Da würdest du dich auch beschweren,
wenn du eins bestellst, und es kommt stattdessen Tofu."
Benny brummte unschlüssig. "Was ließe
sich denn rein faktisch über das Album sagen?",
wollte Michael wissen.
"Naja, zwölf Tracks halt, auf zweien spielt
Steve Vai. Der letzte Track ist so eine bluesige, gemütliche
Nummer. Irgendwie komisch." Ben kratzte sich mit
dem angekauten Kugelschreiber am Kopf. "Reicht
wohl kaum für eine Rezension über mehrere
Absätze."
"Was erwartest du denn auch? Wüste Elektronik-Experimente?
Gastauftritte von Lil' Kim und Eminem?" Michael
geriet nun hörbar in Rage. Wer einmal am Glanz
seiner geliebten Gruppen kratzte, geriet bei ihm schnell
in die Schusslinie. "Klar, mal eben Mark Knopfler
dazu, Schmusesound und blöde Pop-Melodien, oder
was?"
Vergeblich versuchte Benny seinen Freund zu beruhigen.
"Naja, also das ja nun nicht ..." Bevor er
aber weiterreden konnte, fing Michael mit sich überschlagender
Stimme wieder an. "Bisschen Motörhead-Dancefloor
gefällig? Oder Lemmy lädt Paul Simon ein,
und dann machen sie Weltmusik." Michael stieß
verächtlich die Luft aus.
"Mir gefällt das ja eh ganz gut," griff
Benny nach dem letzten Rettungsanker. "Gute Scheibe,
rockt mit Tempo, gut zu hören. Aber das ist halt
mal wieder eins von den Alben, die man mit Spaß
hören kann, und wenn man dann etwas Originelles
dazu sagen soll, fällt einem nichts ein."
"Dann schreib' doch genau das. Ich muß jetzt
weg." Ohne Benny's Antwort abzuwarten, knallte
Michael den Telefonhörer auf die Gabel. Ein paar
Sekunden lang starrte Benny sein Telefon an, dann legte
er behutsam auf und wandte sich wieder seinem Monitor
zu. Langsam zeichnete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht
ab, und er begann, seine Tastatur zu bearbeiten: Michael
hatte Recht . . .
#christian genzel
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