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Gespenstisch guter Standardrock
26. Juni 2003
Beim Auflegen des neuen Albums von Mother Tongue,
Ghost Note wird man schon nach 50 Sekunden zum Bewegen
des eigenen Leibes animiert.
Zuerst mal für alle, die Mother Tongue vielleicht
noch nicht kennen: Mother Tongue wurden 1990 in Austin,
Texas gegründet. Manche liebten sie, manche hassten
sie, aber es trat sofort das Phänomen auf, dass
niemand sie ignorierte. Nachdem die Band nach Los Angeles
zog, kamen Auftritte mit den RHCP, RATM, Beastie Boys,
Smashing Pumpkins und Kyuss, um nur mal die Crème
de la crème zu nennen. Nachdem sich die Band
'96 auflöste und '99 wieder zusammenfand ging von
damals an bis heute die extreme Erfolgsserie weiter.
Nun zur CD. Man legt sie ein und wird gleich vom Hauptdarsteller,
der Sologitarre begrüßt. Nachdem sich einer
nach dem anderen vorstellt und man sehr schnell beginnt,
den extrem coolen Sound von Mother Tongue ins Rock 'n'
Roll Herz zu schließen, wird man nach 50 Sekunden
schon mit einem Rhythmuswechsel erbarmungslos zum Bewegen
des eigenen Fettleibes animiert. Jedes Detail passt
zusammen und das Klangerlebnis von Mother Tongue vermittelt
mehr als den plumpen Versuch rockig zu wirken. Die Band
ist stilistisch durchaus mit z.B. Queens of the Stone
Age zu vergleichen, wobei Mother Tongue vielleicht etwas
verspielter sein mag. Die Songs sind eingängig
und bieten auch noch nach vielen Hördurchgängen
viel mehr als "Unterhaltungswert".
Der Sänger und Bassist David Gould (immer mit
Hut) ist in den USA dafür bekannt und berüchtigt,
dem Publikum richtig einzuheizen. Die Blues- und Funkeinflüsse
lassen diese Musik von einer sehr sehr breiten Masse
an "Standard-Rock" abheben. Man lebt sich
in die Musik hinein, die eingängigen Melodien mit
den knackigen Rhythmen lassen einen für 45 Minuten
in die Welt von "Ghost Note"eintauchen.
Wieso eigentlich "Ghost Note"? In der Musik
ist eine Ghost Note eine auf einer Gitarre angeschlagene
Saite, wobei aber kein Ton mit fixer Tonhöhe entsteht,
sondern nur ein rhythmisches Element, also ein reiner
percussion-Ton. Da sich auf diesem Album in puncto Ton
aber sehr viel abspielt, kann das nicht gemeint sein,
außer Mother Tongue will selbstkritisch die Idee
des eigenen Nichtseins "à la Eugène
Ionescos" aufgreifen. Oder ist es vielleicht doch
der "Ghost" von Mother Tongue selbst, der
den Hörer packt und in eine Stimmungswelt entführt,
was angesichts der genialen Songs die wahrscheinlichste
Variante sein mag.
Klar ist nur: Jeder wird von diesem Ghost erfasst und
die CD und ihr Ghost können so einiges bieten.
Weitere Interpretationsmöglichkeiten können
nach Kauf der CD und Begeisterung über jene fortgesetzt
werden. Der Auftritt im Rockhouse am 22. Juli ist sowieso
ein absoluter Pflichttermin im musikkargen Salzburg
- diese Band wird den Konzertsaal zum Beben bringen
und wer sich solch einen Event entgehen lässt,
ist selbst schuld.
#lucas |