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Mission: Retro-Progressiv
23. September 2003
Mit ihrem sechsten Album "Tug of War"
bedient die Gruppe "Enchant" Prog-Fans und
solche, die es gar nicht werden wollen.
SITUATION: Von den Machern einer früheren CD kommt
hier also eine völlig neue - wer nicht gerade Musikfreak
mit enzyklopädischem Wissen über im Nischendasein
dahinfristende Bands ist, wird über ein unaufgeregtes
Spocksches Augenbrauenheben bei der Begegnung mit "Tug
of War" der Prog-Rock-Band Enchant nicht hinauskommen.
DEFINITION: Was ist eigentlich Progressive Rock? Wir
erinnern uns: Damals, als alle noch selig waren - sprich:
in den 70ern - war die silbensparend "Prog Rock"
genannte Musikrichtung heiß wie Christine Keeler,
cool wie Steve McQueen und hip wie Leonard Cohen eine
Dekade zuvor. In albenfüllenden Songs zelebrierten
modern denkende Bands komplexe Harmoniefolgen und abartig
mathematische Rhythmen, gefüllt mit minutenlangen
Soli und einem Hauch des Erhabenen. Während Yes-Keyboarder
Rick Wakeman vorführte, warum auch Tasteninstrumente
einen Lautstärkeregler haben sollten, trommelte
sich die spätere Popglatze Phil Collins in der
Band Genesis durch haarig gute Kompositionen.
INFORMATION: Die 70er sind längst vorbei - seit
ungefähr 30 Jahren, um genau zu sein - und das
mittlerweile fast zum Schimpfwort verkommene "Prog
Rock" müsste eigentlich "Retro Rock"
heißen: Es gibt tatsächlich mehr Prog-Rock-Bands
als früher (Durchhalter wie King Crimson gibt es
sogar immer noch), aber allesamt klingen sie wie die
Heroen von damals. Auch Enchant machen aus ihren Vorbildern
keinen Hehl. Nachdem allerdings die Gruppe fünf
Alben lang bereits geschickt Nostalgie pflegte, wird
auf der neuen Scheibe der Prog-Anteil reduziert und
der Pop-Gehalt angehoben.
DISSEKTION: Tug of War bietet weniger harte Gitarrenriffs
als die Vorgänger und weniger instrumentales Gefiedel
- sieht man einmal von "Progtology" ab, wo,
um die solistische Glückseligkeit nicht zu gefährden,
der Gesang wegrationalisiert wurde. Die Konzentration
liegt eindeutig auf dem Songwriting, das immer wieder
kleine Pop-Perlen abwirft, so beispielsweise die Ballade
"Beautiful" oder das epische "Comatose".
Sänger Ted Irgendwas schreit weniger und singt
mehr, womit er sich ebenso verdient macht wie sein Kumpane
an der Gitarre, der überlegter spielt und sich
nicht in den Vordergrund drängt.
KONTEMPLATION: Prog-Freunde haben sich die CD natürlich
schon gekauft, schließlich sind Enchant zwar nicht
immens bekannt, genießen aber einen guten Ruf.
Wer Prog meidet, weil er gemerkt hat, dass alle Spock's-Beard-Alben
exakt gleich klingen, wird hier erfreut feststellen,
dass Enchant weniger schubladenfreudig musizieren und
Mut zur Kürze zeigen.
#christian genzel
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