| Versinnflu(ch)t 27.
Dezember 2005 Die Botschaft von Curse auf seinem
vierten Album: Man kann Gangster-Rap gut finden, auch wenn der eigene Style in
eine völlig andere Richtung geht. Was mir zur Zeit fehlt,
ist Gleichgeweicht, kommentiert der 27-jährige Curse (engl. Fluch,
Anm.) das momentane HipHop-Geschehen in Deutschland. Anders als in Amerika ginge
es deutschen Rappern viel zu sehr um haten als um die Musik. Während
in den USA Gangster-Rapper wie The Game und 50 Cent zusammen
mit Native-Tongue-Repräsentanten (Talib Kweli, Common)
Songs aufnehmen, versuche man in Deutschland ein völlig überbewertetes
Image zu wahren. Wenn du Bushido heißt, kannst du Curse nicht geil
finden. Wenn du Curse heißt, erwarten die Leute, dass du Sido Scheiße
findest, meint Curse anlässlich der Veröffentlichung seines vierten
Albums Sinnflut (Sony BMG). Aggro vs. Deepness: Diskrepanzen,
die der Mindener-MC in seiner ersten Album-Auskoppelung Gangsta Rap
thematisiert: Ich hab nichts gegen Gangsta Rap, ..., im Gegenteil, ich lieb´
den Scheiß, doch zu viele von den Jungs glorifizieren den Scheiß.
Der erhobene Zeigefinger doch etwas anmaßend. Dass Rapper wie
B-Tight, Sido und Bushido das kriminelle Leben beschönigen, ist nicht neu.
Zeilen wie ich war nie ein schwuler Student (Bushido in Nie
Ein Rapper, Anm.) gehören ganz einfach in das Konzept ausgeklügelter
Marketing-Strategien. Naiv ist nur, wer das Künstler-Image ernst nimmt. Ganz
gleich wie man zu den Gangster-Rappern aus Deutschland steht: es wäre
idiotisch vom Goldesel der Proleten-Lyrik abzuspringen. Gerade die von Curse angesprochene
Glorifizierung von Kriminalität ist es schließlich, die den Platz in
den Top-Ten sichert. Deshalb brüstet man sich mit U-Haft bereits nach
wenigen Tagen gilt man als besonders harter Gangster und tätowiert
sich Thug-Life auf die Stirn. Die Alternative bilden MC´s wie Curse:
seit über fünf Jahren beweist das Sprachentalent, das Erfolg auch anders
möglich ist. Ohne nackte Frauen in Videoclips, dafür mit mehr Anspruch
in den Lyrics. Bereits in einem seiner frühen Interviews machte Curse
auf die Frage nach seinen engen Klamotten eindrucksvoll klar: Beats sind
wichtiger als Baggy-Wear. Die Treue zur Musik blieb. Die Sinnflut:
für das üppige Doppelalbum (inkl. umfangreichem Booklet) holte sich
Curse namhafte Unterstützung. Niemand geringerer als Produzentengott Pete
Rock (Pete Rock & C.L. Smooth) steuerte zum Lebensbewältigungs-Song Nimm´s
leicht einen verträumten Beat bei, der die Nummer zum kleinen Highlight
der Platte macht. Abgehakte Panflöten-Samples in Flutlicht heben
das Tempo stark an wenn Black Thought (The Roots) erst einmal über
Roy Marquis II Bombeninstrumental zu spitten beginnt, kündigen sich die ersten
Nackenschmerzen an. Weitere Collabos: Samy Deluxe, Patrice und Italo Reno. Obwohl
Curse die Auseinandersetzung mit deutschem Gangster Rap nicht als zentrales Thema
des Albums sieht, hagelt es in diese Richtung eine Vielzahl an Disses wie
beispielsweise im Acapella-Track Gegengift: ich beneide Euch
nicht, um den Erfolg, geboren durch Hass, weil jeder Satz für mich etwas
Heiliges ist. Anspruchsvoll und ehrlich Curse besitzt, was
jenen, die lediglich vorgeben es zu besitzen, fehlt: Authentizität. Fazit:
Pralle Beats, perfekt produzierte Instrumentals, nachdenkliche Lyrics und die
längst überfällige Abrechnung mit Hobby-Gangster-Rap.
Die Sinnflut geht einfach tiefer. #stephan kliemstein |