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Kritik an der Sprache dürfe nicht nur Sache der Linguisten sein, sagt Sprachwissenschafter Hans-Martin Gauger. In seiner Glossensammlung animiert er die Leser dazu, pingelig zu sein und geht selbst mit bestem Beispiel voran.
Nach der Schrift“ zu reden ist ein Stigma. Warum ich nicht einfach so spräche, wie mir der Schnabel gewachsen sei, fragte mich ein Dialekt-Freund einmal, worauf ich antwortete, mir sei der Schnabel eben so gewachsen und nicht anders. Falsch, hätte der Freiburger Sprachwissenschafter Hans-Martin Gauger damals gesagt. Sprache sei nichts Natürliches, betont er in seiner Glossensammlung „Was wir sagen, wenn wir reden“. Sprache sei Entwicklung, „natürlich“ hingegen nur die Fähigkeit, sie zu erlernen. Und wie bei jeder Entwicklung laufen auch bei der sprachlichen mitunter Dinge schief. So stochert Gauger Glosse für Glosse im Sprachgebrauch herum, um, wie er es nennt, „Unsinn“ herauszufischen.
Nun überrascht es, wenn ein Sprachforscher sein Buch damit eröffnet, dass er den Lesern mitteilt, „was mich nervt“: „Mich zum Beispiel ärgern ziemlich allemal und eh schon und eh nicht und das doofe immer für eine Überraschung gut, dann aber auch – eine Lieblingswendung von Rezensenten – spätestens hier (. . .)“, schreibt Gauger. Und: „Ich weiß nicht recht, warum mich das alles ärgert.“ Spätestens hier wird deutlich, was Gauger mit seinem Buch will. Der Linguist wird zum Zahnarzt, der die Patienten animiert, doch einmal selbst am Kiefer herum zu klopfen, um zu sehen, wo es schmerzt. Das schmeckt demokratisch. Wer weiterliest, wird jedoch erfahren müssen, dass es am Ende doch immer der Arzt ist, der Diagnosen abgibt und Therapien verschreibt.
Gauger diagnostiziert Veränderungen der Sprache, etwa in E-Mail und SMS. Dass Grenzen zwischen geschriebener und gesprochener Sprache zerfließen, ist wohl auch dem sprachwissenschaftlich unbedarften Leser nicht neu.
Spannender zu lesen sind die Glossen über sprachliche Lücken. „Unsere Sprache bietet uns keinen sozusagen normalen Ausdruck für den Geschlechtsakt“, schreibt Gauger und erklärt, dass das in anderen Sprachen nicht so sei. „,Ja, kam es zum Verkehr?‘ muss ein Richter nicht allzu selten fragen und kann es eigentlich fast nur so fragen.“ Woher das kommt und wohin das führt, wird im Buch zwar nicht unmittelbar erklärt, aber angedeutet: „Manchmal fehlt einer Sprache ein nützlicher Ausdruck oder eine nützliche Unterscheidung, die eine andere zur Verfügung hat. Und weil diese andere diesen Ausdruck hat (. . .), sieht sie dann auch manches unwillkürlich genauer.“
Im ersten Kapitel stellt sich Gauger als „ein wenig pingelig“ vor, und man kann dem nicht widersprechen. Wer sich daran nicht stört, wird auf 277 Seiten nicht nur sprachlich sensibilisiert, sondern auch mit allerlei linguistischem Unterfutter bereichert. Und er wird wohl nicht mehr so bald „nichtsdestotrotz“ oder „weitgehender“ sagen.
Maria Sterkl
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