|
Der amerikanische Autor Philip Roth schaut sich um, wie seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten
Das kann er also auch! Philip Roth schreibt Romane, die mit dem Anspruch auftreten, unserer Gegenwart ein Zeugnis als Zeitalter des Betrugs und der Falschheit auszustellen. Und jetzt, da wir uns daran gewöhnt haben, mit schöner Regelmäßigkeit erzählend ins finstere Reich der Menschen eingeführt zu werden, beweist Roth, dass er auch ein guter Feuilletonist ist.
Schriftsteller, die ihm etwas bedeuten, Isaac B. Singer und Mary McCarthy, Milan Kundera und Primo Levi, hat er zu Gesprächen getroffen, um zu erfahren, wie sie die Welt ins Buch bringen. Diese Gespräche hat er zu seinem Buch „Shop Talk“ verarbeitet.
Jeder Schriftsteller entwickelt seine eigene Methode, mit der Wirklichkeit zurande zu kommen. Roth zeigt sich fasziniert von jenen, die schreibend ein Leidensprogramm durchlaufen.
Aaron Appelfeld, der den Nazis entkommen ist und heute in Israel lebt, ist für Roth „der deplatzierte Schriftsteller einer deplatzierten Literatur“. Was er schreibt, ist von seiner Erfahrung imprägniert, doch widersetzt er sich der reinen Wiedergabe des Geschehenens, um sich nicht als „Sklave der Erinnerung“ aufzugeben. „Schöpferisch tätig zu sein aber bedeutet für mich, etwas zu ordnen, zu sortieren, Worte und Tempo zu wählen, die dem Werk angemessen sind.“
Das verbindet Appelfeld, den nüchternen Nacherfinder des Erlebten mit Milan Kundera, dem aufmüpfigen Fantasten historischer Umbrüche, der dem Roman zumutet, „ironischer Essay, romanhafte Erzählung, autobiografisches Fragment, historische Fakten, fantastisches Gespinst“ zu sein, um als polyfones Kunstwerk der Fülle der Erscheinungen gerecht zu werden.
Philip Roth ist ein aufmerksamer Leser. Er interpretiert Romane auf dem Hintergrund der Gesellschaft, in der sie angesiedelt sind. Literatur ist ihm Zeitdokument aus dem Geiste eines subjektiv erarbeiteten ästhetischen Programms. Er hat einen ausgezeichneten Spürsinn, um die Eigenart eines Schriftstellers auf einen klaren Begriff zu bringen.
Und doch ist Roth Individuum genug, um nicht in der fremden Gedankenwelt eins zu eins aufzugehen, sondern unvermutet ins Fragen zu kommen, wenn die Welt des einen mit seiner eigenen zu kollidieren droht.
Der Totalitarismus als „eine Welt der Antworten, nicht der Fragen“ (Milan Kundera) ist ein Motiv, das die Gespräche über Literatur, dem Gegenzauber zur allgemein verbindlichen Gewissheit, in Schwung hält. Selbst die Liebe, die bei der Irin Edna O’Brien im Brennpunkt ihrer Aufmerksamkeit steht, bleibt keine Privatangelegenheit. Sie glaube, dass „die Inbrunst der Religion durch jene der Liebe ersetzt wurde“, erklärt sie und beschreibt damit einen Prozess, der mit der Emanzipation von der Tradition und dem Vorstoß zum eigenen Ich beginnt und zur Freiheit des Denkens führt. Für Philip Roth ist Literatur das eigentliche Leben.
ANTON THUSWALDNER
|