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Jack Nicholson brilliert in der großartigen, tragischen Komödie "About Schmidt" des jungen Regisseurs Alexander Payne als kleinbürgerlicher Rentner.
Warren Schmidt geht in Pension. Er ist 66 Jahre und noch 30 Sekunden lang Versicherungsstatistiker in Omaha, Nebraska. Als der Sekundenzeiger die Stunde erreicht, nimmt er seinen Aktenkoffer, holt seinen Mantel und geht. Und wie er geht, ist man bereits fasziniert von Jack Nicholson, der Warren Schmidt spielt. Er öffnet die Tür gerade so weit, dass er durchpasst, schiebt zwei, drei Mal tippelnd die Füße nach, windet sich knapp an der Klinke vorbei. Linkisch sieht das aus und verloren und so kleinlich, wie man es von einem Typ wie Schmidt erwarten darf, wie Schmidt eben ist.
Das wissen wir aber erst am Ende. Noch lässt Regisseur Alexander Payne, einer der Hoffnungsträger des eine Renaissance erlebenden Autorenkinos in Hollywood, alle Möglichkeiten offen. Noch könnte alles zum Lachen komisch oder zum Verzweifeln traurig werden. Es wird. So und so. Klar ist: es geht um einen Mann. Alles handelt "About Schmidt", in dessen Leben es eines in Fülle gibt: totale Leere.
Nach Abtreibungsproblematik ("Citizen Ruth") und der Schulsatire "Election" geht es Payne im Abschluss seiner Omaha-Trilogie um einen "average guy", einen vom Leben im Mittelstand und Mittelmaß innerlich Verwahrlosten. Das könnte Payne als Kapitalismuskritik formulieren. Oder als Studie über das ökonomische und geistige Ödland im Mittleren Westen der USA.
Er gibt keiner der beiden ohnehin schwer Klischee gefährdeten Möglichkeiten nach. Das Kapital spielt keine Rolle. Die Provinz ist zufällig Paynes Heimat, die er - das spürt man - sehr gut kennt. Geschickt lässt er in der auf einem Buch von Louis Begley basierenden Story einen tieferen gesellschaftspolitischen Hintergrund nur mitschwingen. Es geht ihm um Schmidt, um eine genau beobachtete Figurenbeschreibung.
Schmidt fühlt sich als Fremder. Nutzlos kommt ihm alles vor. Daraus wächst eine innere Leere. Dann stirbt nach 42 Jahren Ehe seine Frau Helen (June Squibb) beim Staubsaugen. Zur Nutzlosigkeit kommt jetzt auch noch die Unfähigkeit für den Alltag. Weil er niemanden zum Reden hat, übernimmt er - für 22 Dollar im Monat - die Patenschaft für den sechsjährigen Ngudu aus Tansania und schreibt ihm Briefe, in denen er sein verlorenes Leben in einer Aggression beschreibt, zu der er in der Realität nicht fähig ist.
Und dann macht er sich mit einem überdimensionalen Wohnmobil auf. Seine Mission: Er will die Hochzeit seiner Tochter Jeannie (Hope Davies) mit dem Wasserbettenverkäufer und Vokuhila-Trä-ger Randell Herztel (Dermor Mulroney) verhindern. Das gelingt natürlich nicht, endet aber in einer Rede, in der Jack Nicholson die Essenz seiner gesamten Darstellungskunst präsentiert.
Überhaupt hat es den Anschein, als seien Film und Hauptdarsteller für einander gemacht. Wer allerdings auf den teuflischen Grinser aus "The Shining", auf einen cholerischen Ausdruck wie bei "Einer flog übers Kuckucksnest", die Furcht einflößende Selbstsicherheit des "Easy Rider" oder das verrückt Komödiantische aus "Besser geht's nicht" wartet, der wartet vergeblich. Immer lässt Nicholson Schmidt daherkommen, wie einen, der am Rand des Nervenzusammenbruchs steht. Doch der letzte Ausbruch kommt nie. Dieser Schmidt ist sogar dazu unfähig.
Dass wir auf diesen Ausbruch allerdings zwei niemals langweilige Stunden warten, ja ihn erhoffen, ist eine der großen Qualitäten dieses Films. Nicholson gibt sich mit jedem Schritt, jeder kleinen Mimik, mit jeder Faser seiner Darstellung der totalen Leere hin. Und er füllt diese Darstellung so überdimensional (wozu auch eine Menge Groß-aufnahmen beitragen) wie kaum zuvor. Schmidt torkelt durch sein Nichts, und Nicholson weiß ganz genau, wie man sich dort bewegt. Am Ende gibt es keine Antworten - nur einen kleinen, Tränen erzwingenden Hoffnungsschimmer in Tansania. Und es gibt eine Vermutung, ach was, eine Gewissheit: Für diesen Schmidt muss Nicholson seinen vierten Oscar kriegen!
BERNHARD FLIEHER
© SN.
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