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Gangs of New York
Es war einmal, Amerika!
Ein Lebenswerk als Meisterwerk - trotz erzählerischen Versagens: Martin Scorsese setzt mit "Gangs of New York" seiner Stadt ein Denkmal.

Zwei Augen sind der erste Blick. Ein kratzendes Geräusch gibt den ersten Ton. Die Kamera fährt langsam zurück, gibt das Gesicht eines Mannes frei. Er schneidet sich mit seinem Rasiermesser in die Wange. Unvorsichtig? Absichtlich? Das Blut gibt die erste Farbe.

Der Frischrasierte nimmt ein Kind, seinen achtjährigen Sohn, an die Hand, greift sich mit der anderen ein Kreuz, schreitet zielstrebig durch ein von Menschen wimmelndes, in bräunlich vergilbtes Licht getauchtes Labyrinth. Aus schlammigen Nischen und dreckigen Katakomben treten Männer mit harten Zügen, marschieren entschlossen mit. Dead Rabbits nennen sie sich. Eine von dutzenden Banden. Keine toten Kaninchen sind sie, sondern irische Einwanderer, Neuankömmlinge, die den Namen ihrer Gang vom gälischen "dod raibead" ableiten. Rowdy oder Hooligan bedeutet das. Sie vegetieren zusammengepfercht im Stadtteil Five Points, dem Müllhaufen des Kontinents.

Fünf Gassen mündeten hier - wo heute Teile von Chinatown und ein riesiger Gerichtskomplex liegen - auf einen Platz in der verslumten Lower East Side. Zu diesem Platz hin fliegt nun das hölzerne Tor der Old Brewery auf. Der Anführer baut unter dem Kreuz eine Phalanx seiner Leute auf. Ihnen gegenüber stellen sich die Natives auf, englisch- und holländischstämmige "Eingeborene", schon in der Neuen Welt geboren.

Die Schlacht kann beginnen. Furchtbar ist das Gemetzel - und, meisterhaft choreografiert, eine der fabelhaftesten Inszenierungen einer Massenkampfszene in der Filmgeschichte. Die Kamera sticht zu, schlägt Köpfe ein, ist so nahe, als sorgte sie selbst für jedes letzte Zucken. Am Ende der bestialischen Wut kniet der Sohn über seinem blutverschmierten, sterbenden Vater. Erst jetzt verschafft sich die Kamera von Michael Ballhaus Raum, schwebt vom Schlachtfeld in einem Zug aus dem Viertel, über die Stadt und blickt aus der Vogelperspektive auf die ganze Insel, auf Manhattan. Mit dieser gewaltigen Optik kann auch der Flug über das Leichenfeld von Atlanta in "Vom Winde verweht" nicht mithalten.

Martin Scorsese hat nach einer knappen Viertelstunde seines Epos' "Gangs of New York" den Höhepunkt erreicht, fast alles vorweggenommen, was er danach erarbeitet. Und trotzdem: Niemals gibt es in den folgenden zweieinhalb Stunden auch nur eine belanglose oder langweilige Minute. Dabei erzählt Scorsese eine nur mäßig schlüssige und wenig spannende Geschichte. Egal. Das Sozialpanorama siegt über das Kinodrama.

Fünfzehn Jahre nach der Schlacht. Wir schreiben den Juli 1863. Der Bürgerkrieg tobt. Per Los ("Draft") werden "Freiwillige" für den Kampf bestimmt. Immigranten bekommen sofort die Staatsbürgerschaft, wenn sie noch am Pier der Armee beitreten.


Viel zu hübsch: DiCaprio Herrlich: Daniel Day-Lewis


Wöchentlich machen 15.000 neue irische Flüchtlinge die soziale Lage schlechter. Von den schon Ansässigen werden sie gedemütigt. Soziale Unruhen, Rassismus, politische Korruption machen die Elendsquartiere zu Sprengsätzen. Die Gewalt der ethnisch sortierten Gangs bestimmt das triste Leben.

Das vaterlose Kind kehrt aus einem Erziehungsheim zurück. Amsterdam Vallon (ein viel zu hübscher, aber um die harte Ausstrahlung eines geschundenen Jungkriminellen ehrlich bemühter Leonardo DiCaprio) trifft in unerbittlicher Schicksalslogik den Mörder seines Vaters. Der heißt William Cutting, ist aber als erbarmungsloser Herrscher über Five Points unter dem Namen Bill the Butcher bekannt. Daniel Day-Lewis beherrscht mit einer wunderbaren Leistung einerseits als Dandy des Lumpenproletariats und andererseits als kaltblütiger Metzger, der sein Handwerk auch außerhalb des Schlachthofes ausübt, die Szenerie. Dazu gibt's wegen der hübsch listigen Diebin Jenny Everdean eine klassische Dreiecksgeschichte. Großartig gespielt, aber nur mit der Funktion einer Zierpflanze ausgestattet: Cameron Diaz. Bei Scorsese kommen Töchter selten und Mütter nie vor.

Bill the Butcher kommt am intensivsten zur Geltung. Nicht nur wegen Day-Lewis' Leistung, sondern weil Vallon blass bleibt. Scorsese lässt spüren, dass er den tragischen Bösewicht wieder einmal mehr liebt als den Helden. Bill the Butcher ist Protagonist in einem für Scorsese ureigenen Forschungsbereich: der Mafia.

Deren Urform herrscht nämlich in jenem New York, das Herbert Asbury im 1927 veröffentlichten Buch "Gangs of New York" zeichnet. 30 Jahren träumte Scorsese von der Verfilmung, in der er sich nicht immer an die Historie hält. So hieß das reale Vorbild für Bill the Butcher nicht Cutting, sondern Bill Poole und starb schon 1855. Auch eine Beschießung der Stadt durch das Militär wegen der "Draft Riots", der Aufstände gegen die Auslosung, fand nie statt. Sie dient lediglich als idealer Rahmen für den Showdown. Das private Duell ist letztlich nur Ausdruck eines durch den Bürgerkrieg erfolgten Aufbruchs der Neuen Welt. Hier Bill the Butcher, ohne jede Sympathie für den sich formenden modernen Staat. Dort Vallon, Symbol der Hoffnung für ein neues Amerika.

Hinter dem privaten Kammerspiel verbirgt sich eine historische Monumentalkulisse. In ihrem Mittelpunkt steht die Stadt, um die es bei Scorsese immer wieder geht: New York. Scorsese entwirft nicht weniger als die Schöpfungsgeschichte New Yorks, ja der USA. Diese Geschichte ist wie Coppolas "Godfather", Ciminos "Heaven's Gate" oder Leones "Once Upon In America" von biblischer Dimension: Blut, Dreck, Armut, Korruption, Rassismus und Glaubenshass schmolzen unter schweren Schmerzen zu einer Legierung namens Amerika. Das Leben in Five Point sei die Esse, in der die Stadt geschmiedet wurde, heißt es zu Beginn des Films.


Sumpf aus Verbrechen und Schlächterei


In einem Sumpf aus Verbrechen, Schlächterei, Brutalität und persönlicher Rache entsteht so eine (bild-)-gewaltige Allegorie auf die Geburt Amerikas. Es sind die Bilder einer Gegenwelt zur offiziellen Geschichtsschreibung. Dass sich Amerikaner gegenseitig die Schä-del einschlagen, dass Rassismus herrscht und politische Willkür, sieht man - zumal nach den propagandistischen Anstrengungen zur nationalen Geschlossenheit nach dem 11. September 2001 - nicht so gern. Noch dazu wenn diese Abgründe in der Gegenwart Entsprechungen finden. Etwa in der Szene als der Chef der korrupten Tammany-Hall-Partei dem Einwand begegnet, es gäbe schon mehr abgegebene Stimmen als Wähler. "Wer gewählt wurde, bestimmen die Auszähler", sagt er.

Die filmische Brillanz, mit der penibel komponierte Komparsenszenen und die atemberaubend detaillierte, an "Oliver Twist" erinnernde Ausstattung von Dante Ferreti gezeigt wird, tröstet nicht nur über historische Abweichungen und dramaturgisches Versagen hinweg. Sie macht sie wegen der dichten Stimmungsbilder aus dieser urbanen Subkultur völlig egal.

Was mit dem eingeschränkten Blick auf zwei Augen begann, endet in einem weiten Blick in die Zukunft über den East River. Die Grä-ber der Gangmitglieder verfallen. Dahinter wächst die Skyline im Zeitraffer und mit ihr Hoffnungen. Am Ende ist das World Trade Center zu sehen und jede Hoffnung auf eine schöne, neue Welt entpuppt sich als trügerisch.

BERNHARD FLIEHER

© SN.

 

diese seite | 14.04.2003 | 13:24

Daten und Fakten

Regie: Martin Scorsese

Schauspieler: Leonardo Di Caprio, Cameron Diaz, Daniel Day-Lewis, Jim Broadbent, John C. Reilly

Genre: Thriller

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