|
István Szabós Verfilmung von Ronald Harwoods Furtwängler-Stück "Taking Sides"
Der Künstler als Kollaborateur, als Mitschuldiger, als Opportunist oder als Fels in der Brandung der Barbarei? Diese Frage wirft István Szabó in seinem Film "Taking Sides - Der Fall Furtwängler" auf, ohne sie allerdings zu beantworten. Die Verflechtung von Macht und Kunst scheint für eine lineare Auflösung ohnehin zu vielschichtig zu sein. Den ungarischen Regisseur interessiert vor allem die wechselseitige Beziehung zwischen autoritären Systemen und kreativen Geistern. Von "Mephisto" über "Hanussen" bis hin zu "Oberst Redl" bildet sie das zentrale Thema in seinem Werk.
Szabó bedient sich vorzugsweise historischer Persönlichkeiten. War es in "Mephisto" mit Gustaf Gründgens der Lieblingsschauspieler der Nazis, so ist es mit Wilhelm Furtwängler deren musikalisches Aushängeschild. Hat des "Teufels Dirigent" mehr als nur moralische Schuld auf sich geladen? Diese Frage soll der US-Major Arnold in einem Entnazifizierungsverfahren klären. In Arnolds Kopf steht die Antwort von vornherein fest: schuldig. Furtwängler ist ebenso kompromisslos von seiner Unschuld überzeugt. Er war nie Mitglied der NSDAP und er verabscheute die Nazi-Herrschaft, doch er ging nicht aus Deutschland weg. Indem er weiter dirigierte, stellte er sich zumindest indirekt in den Dienst eines menschenverachtenden Systems.
Seinen Streifen, der auf dem Drama "Taking Sides" von Ronald Harwood basiert, inszenierte Szabó als filmisches Kammerspiel, das seine Kraft aus den Dialogen und dem Spiel der Hauptdarsteller schöpft: Harvey Keitel als missionarischer Ankläger, Stellan Skarsgard als phlegmatisch wirkender Beschuldigter. Das Duell zwischen dem Banausen und dem Genie verstrickt sich jedoch wiederholt in Stereotypen. Sie trüben den Blick auf die wesentliche Frage: jener nach der Rolle und Verantwortung von Künstlern in einer Diktatur.
MICHAEL STADLER
© SN
|