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"Wann werden wir endlich wieder Menschen sein?" - Diese Frage schreibt eine 18-Jährige in ihr Tagebuch, als sie zur Nummer 554 deklariert wird. Noch ahnt das Mädchen nicht, dass es 5 Jahre lang in "Her Majesty's Prison" auf Mauritius interniert sein wird.
Die sehr persönlichen Notizen von Ruth Sander sind eine der Hauptquellen, auf denen Michel Daerons Dokumantarfilm "Atlantic Drift" basiert. Aus dem Off ertönt immer wieder die Stimme einer jungen Frau, die das Unbegreifliche nicht begreifen kann. Geschickt montiert der französische Filmemacher Zitate aus dem Tagebuch mit Zeichnungen des Malers Fritz Händel, der sich kurz vor der Freilassung auf Mauritius das Leben nahm, und mit Funksprüchen sowie Korrespondenzen der britischen Geheimdienste mit dem Foreign Office in London.
Im Spiegel dieser Quellen wird eine unglaubliche Geschichte erzählt: Es geht um die Odyssee von jenen 1880 jüdischen Flüchtlingen, die 1940 von Bratislava aufbrachen, um Palästina zu erreichen. Nachdem ihr Schiff, die "Atlantic", wochenlang - zum Teil manövrierunfähig - im Mittelmeer getrieben war und Haifa erreicht hatte, wurden die Passagiere gegen ihren Willen von den Briten in den Indischen Ozean deportiert.
Michel Daeron schildert das Schicksal jener Menschen, die dem Wahnsinn des Nationalsozialismus knapp entkommen waren, relativ nüchtern. Mit seiner Kamera begleitete er die Witwe und den Sohn von Fritz Händel nach Mauritius: Interviews, Zitate und Erinnerungen tragen die Handlung. Die stärksten Momente des 90-minütigen Streifens liegen allerdings in der Gegenüberstellung der Hoffnungen sowie der Ängste der Flüchtlinge und der zynischen "Sachverhaltsdarstellungen" der britischen Bürokratie. Menschenverachtung hat viele Gesichter.
MICHAEL STADLER
© SN.
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