|
Endlich einmal ein klassisches "Bollywood"-Epos in den heimischen Kinos: Der indische Spielfilm "Lagaan" von Ashutosh Gowariker
Indien - das Land, wo Regisseure noch Traumfabrikanten sein dürfen. In den Kinos des Subkontinents flimmern vornehmlich bunte Märchen über die Leinwände, gewürzt mit Folklore-, Tanz- und Gesangseinlagen, die vom enthusiastischen Publikum immer wieder mit Szenenapplaus quittiert werden. Die erzählten Geschichten sind von märchenhaften Motiven geprägt, wobei der Kampf zwischen Gut und Böse im Mittelpunkt zu stehen pflegt. Nicht minder großer Beliebheit erfreut sich die klassische Love-Story, die in kaum einem Streifen fehlen darf.
Besagten Grundschemata folgt auch Ashutosh Gowarikers Film "Lagaan", der nicht nur in Indien ein großer Erfolg war, sondern auch den Sprung in die europäischen Kinos geschafft hat. Dies stellt immer noch eine Seltenheit dar, obwohl die indische Filmindustrie weltweit die größte ist und in den Studios von Bombay ein Vielfaches von Hollywood produziert wird. Allerdings entsprechen diese "Bollywood"-Werke aufgrund ihrer sehr spezifischen Filmsprache nicht den herrschenden "westlichen" Sehgewohnheiten.
Das fängt schon bei der Länge an. Mit knapp vier Stunden ist "Lagaan" für indische Verhältnisse nur Durchschnitt, doch die Zeit scheint ohnehin wie im Flug zu vergehen. Das trifft auch auf den mehr als einstündigen Showdown zu, der fesselnd als Cricket-Spiel inszeniert ist. Für den unbedarften Laien mag das Zuschauen beim Cricket ebenso langweilig sein wie eine Live-Übertragung eines Schachspiels. Gowariker integriert das Spiel derart geschickt in die Gesamthandlung, dass es auch ohne Verständnis des komplizierten Regelwerks bis zur letzten Minute spannend bleibt.
Als gegnerische Mannschaften stehen einander ein Team britischer Offiziere und ein bunt gemischtes Häuflein indischer Bauern gegenüber. Die im Jahr 1893 angesiedelte Handlung wirft einen Blick auf jene Epoche, als Indien von den britischen Kolonialherren beherrscht wurde. Ein besonders arrogantes Exemplar dieser Spezies verkörpert Captain Russel (Paul Blackthorne), der trotz einer katastrophalen Dürre die Steuern für die Bauern verdoppeln will.
Aus einem emotionalen Wortduell resultiert eine kuriose Wette: Wenn es den Bewohnern des armen Dorfes Champaner gelingt, das Cricket-Team der britischen Garnison zu besiegen, dann werden die Steuern für drei Jahre erlassen - wenn nicht, dann werden die Abgaben jedoch verdreifacht.
Aus purer Verzweiflung willigen die Dorfbewohner ein, ohne allerdings irgendeine Ahnung vom "Kinderspiel der weißen Narren" zu haben. Drei Monate bleiben ihnen Zeit, um Reglement und Spiel zu erlernen. Hilfe kommt in diesem scheinbar aussichtslosen Unterfangen von britischer Seite. Elizabeth Russel (Rachel Shelley), die Schwester des Captains, findet die Wette derart unfair, dass sie den "Dörflern" die Cricket-Grundregeln beibringt und sich ganz nebenbei in deren Teamleader Bhuvan (Aamir Khan) verliebt.
Im Spiegel seines David-Goliath-Epos beleuchtet Ashutosh Gowariker ein Kapitel Kolonialgeschichte - mit allen gängigen Klischees, nur aus ungewohnter Perspektive: Die "Weißen" werden als einfältig, naiv und böse gezeichnet, während die "Schwarzen" als schlau, couragiert und natürlich gut erscheinen. Dennoch ist Schwarzweißmalerei auf der Leinwand selten derart bunt zu sehen, zumal die Handlung wiederholt von Gesang und Tanz unterbrochen wird.
Trotz der operettenhaft in Szene gesetzten Exotik, mancher vor Pathos triefender Dialoge und der sentimentalen Liebesgeschichte, die übrigens nach den Regeln des indischen Kinos absolut "kussfrei" erzählt wird, ist die historische Dimension von "Lagaan" nicht uninteressant.
In den britischen Kolonien gerieten Cricketspiele gegen England tatsächlich zu dramatischen Inszenierungen ethnopolitischer Spannungsverhältnisse. Der britische Historiker George Macaulay vertritt sogar die Ansicht, dass Frankreichs Schlösser im Jahr 1789 nicht niedergebrannt worden wären, wenn die französischen Aristokraten mit ihren Bauern Cricket gespielt hätten.
Wie auch immer, in "Lagaan" endet das Cricket-Match, wie es enden muss. Dies gilt natürlich auch für die angeschlossene Liebesgeschichte, denn im indischen Kino ist das Happyend automatisch im Preis der Eintrittskarte inbegriffen. "Bollywoods" Traumfabrikanten wissen schließlich, was sie ihren Kunden schuldig sind.
MICHAEL STADLER
© SN.
|