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"Harry Potter und die Kammer des Schreckens" - Der Magier, der als Waisenknabe auf die Zauberschule geht, verzaubert Junge wie Alte
Es gibt Bücher, die man nicht nur ein Mal liest, sondern immer wieder zur Hand nimmt. So leuchtet ein, dass die (Zweit-)Lektüre von "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" vor der Premiere des Films diese Woche zum Genuss geriet. Es gibt auch Filme, die man öfter als ein Mal sehen kann. Weshalb zu Hause das Video mit der Originalfassung von "Harry Potter and the Philosphers Stone" schon zwei Mal einen verregneten Samstag verschönern durfte. Nur wenige Bücher und Filme erreichen gleichermaßen große und kleine Kinder, machen naive Kinderaugen leuchten und begeistern auch den abgeklärten Fünfzigjährigen. Joanne K. Rowlings (bisher vier) Bücher über den jungen Zauberer Harry Potter haben das vermocht - und die beiden bisher vorliegenden Filme unter der Regie von Chris Columbus können das ebenfalls.
Der Film hält sich hautnah an die literarische Vorlage. Keine wichtige Szene wurde gestrichen. Das Vergnügen dauert zwei Stunden vierzig Minuten. (Wenn diese Werktreue auch bei den folgenden Filmen anhält, wird die vierte Folge zu einem enormen Epos - "Harry Potter und der Feuerkelch" ist rund 700 Seiten dick.)
Harry Potter tritt sein zweites Schuljahr in Hogwarts, der Schule für Magie und Zauberei, mit einiger Verspätung an: Er und sein Freund Ron Weasley verpassen in London den Schulzug und entführen deshalb das Auto von Rons Vater. Der - illegal verzauberte - Ford Anglia kann natürlich fliegen und sorgt schon zum Beginn der Geschichte für Action a` la "Cliffhanger".
Hier weist der Regisseur auf kommende Special Effects hin, die allesamt rasanter, technisch brillanter und aufregender sind als im ersten Film. Manche Szenen hat Columbus über die Beschreibung der Vorlage hinaus ausgebaut. Die Verfolgungsjagd der beiden Intimfeinde Harry Potter und Draco Malfoy auf ihren Besen als "Seeker" der Teams von Gryffindor und Slytherin im Quidditch-Spiel bei halsbrecherischem Tempo gehört dazu; die gruselige Szene mit Riesenspinnen im "Verbotenen Forst"; und ebenso der Endkampf mit dem Monster in der "Kammer des Schreckens", die freilich im Original "Chamber of Secrets" heißt, den Schrecken also nur andeutet.
Kaum hat das Schuljahr seinen Anfang genommen, beginnen die Schwierigkeiten für Harry. Ein Mitschüler, ein wahrer Fan des Knaben mit der Zickzack-Narbe auf der Stirn, erweist sich mit seinem Fotoapparat als eine wahre Plage. Harry lernt die unangenehmen Seiten des Ruhms kennen. Der Konflikt mit Draco Malfoy wächst sich aus, weil dessen mieser Charakter noch vom Dünkel der "reinblütigen" Magier gegenüber jenen Kindern mit "Muggels" (nichtmagischen Menschen) als Eltern verschärft wird.
Harry scheint vom Pech verfolgt, als ihn beim Quidditch ein wild gewordener "Klatscher" verfolgt und ihm den Arm bricht, dessen magische Heilung dann auch noch schief geht. Und er hört seltsame Stimmen, was sogar in der Welt der Zauberer als ein Zeichen für Verrücktheit gilt. Schließlich werden Schülerinnen und Schüler, ja selbst eine Katze, von einer dunklen Macht versteinert. Harry gerät selbst in Verdacht, zumal er häufig der Erste am Tatort zu sein scheint, und weil plötzlich offenbar wird, dass er mit Schlangen sprechen kann - eine selbst unter Magiern seltene Fähigkeit.
Das Trio Harry, Ron und Musterschülerin Hermione Granger tastet sich vorsichtig an die Lösung des Geheimnisses um die "Kammer des Schreckens" heran und findet schließlich den Zugang zu diesem seit tausend Jahren verborgenen Ort gerade noch rechtzeitig, um die Schließung von Hogwarts wegen der grausigen Vorkommnisse zu verhindern. Der Endkampf schließ-lich zeigt, dass auch hier wieder der alte Feind Lord Voldemort die Hände im Spiel hat.
Die Darsteller des Trios sind seit dem ersten Film sichtlich gereift. Daniel Radcliff (Harry Potter) und Emma Watson (Hermione Granger) zeigen, dass tatsächlich Schauspieler in ihnen stecken, Rupert Grint (Ron Weasley) entwickelt Talent zur Komik. Man wird Richard Harris als Schulleiter Albus Dumbledore in künftigen Folgen vermissen. Die Rollen von Robbie Coltrane als Rubaeus Hagrid und Alan Rickman als Severus Snape mussten im Film ein wenig zurückweichen, um den ausgiebigen Action-Szenen Platz zu machen. (Dabei ist Hagrid genauso schuldlos an der einzigen schwachen Szene des Films wie Buchautorin Rowland: Am Ende des Filmabenteuers hat Hollywood einmal tief in den Schmalztopf gegriffen.)
Neu im Hogwarts-Lehrkörper ist der Shakespeare-Darsteller Kenneth Branagh. Er gibt den Charmeur Gilderoy Lockhart, der als neuer Lehrer für die "Verteidigung gegen die dunklen Künste" die Herzen der Hexen, Magierinnen und Schülerinnen im Sturm erobert. Zwar ist Lockhart ein Meister der Selbstdarstellung und Autor zahlloser Bücher im Stile von "Ich und die Werwölfe", er entlarvt sich aber schließlich selbst als ein hohler Filou ohne Mumm.
Ein gelungener Charakter ist auch Dobby, der Hauself der Familie Malfoy. Er hat offenbar Kenntnis erlangt von einem gefährlichen Komplott gegen den von ihm verehrten Harry Potter und versucht, sein Idol durch allerlei Tricks zu schützen - was den Helden des Films mehrfach in arge Schwierigkeiten stürzt.
"Harry Potter und der Stein der Weisen" hatte zunächst die Aufgabe, für das Publikum die Welt des jungen Zauberers aufzubauen. "Harry und die Kammer des Schreckens" verwendet mehr Energie und Mittel auf actionreiche Szenen und Spannung bis hin zum Gruseln. Aber auch die Facetten der Charaktere verändern sich ein wenig. Harry Potter zeigt, dass selbst im Guten eine dunkle Seite schlummert, mit der er sich auseinandersetzen muss. Damit ist der erste Schritt zum Abenteuer Nummer drei bereits vorbereitet: Die Dreharbeiten zu "Harry Potter und der Gefangene von Azkaban" sollen im Frühjahr beginnen, der Film wird erst Mitte 2004 in die Kinos kommen.
VIKTOR HERMANN
© SN.
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