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Tom Cruise in Steven Spielbergs "Minority Report", ein sehr frei nach Philip K. Dick gedrehter SciFi-Thriller
Im Jahr 2054 gibt es keine Verbrechen mehr. Jedenfalls in der Welt, die Steven Spielbergs jüngster Film vorstellt. In dieser Welt werden Morde überhaupt nicht mehr verübt, sie werden vorher vereitelt. Zu verdanken ist dies der Organisation PreCrime und einem Trio von Mutanten, das in der Lage ist, in die Zukunft zu sehen.
Und auch John Anderton, dem Chef der Polizeitruppe von PreCrime. Tom Cruise spielt diesen Beamten, der in der literarischen Vorlage ein vor der Pensionierung stehender Beamter ist, im Film freilich ein Mann in den besten Jahren. Anderton wird mit Danny Witwer (Colin Farrell) konfrontiert, einem Kontrolleur der Staatsanwaltschaft, der die Sicherheit des Systems von PreCrime testen will. Schließlich werden ständig unbescholtene Menschen nur auf Grund der Hinweise von Mutanten festgenommen. Sie fangen Gedanken auf, "sehen" Morde bereits, die noch gar nicht begangen worden sind.
Anderton glaubt, dass Witwer Speerspitze einer Intrige ist, die PreCrime zu Fall bringen will. Und dann sieht er auf einem der "Berichte" der Mutanten, dass er selbst einen Mord begehen wird.
Zwei Minuten bleiben, um der Großfahndung von PreCrime zu entwischen. Und eine große Verfolgungjagd hebt an.
Dieses Szenario ist von erschreckender Aktualität. Es zeigt einen Spitzelstaat, der George Orwell Ehre machen würde, in dem jedes Auftreten in der Öffentlichkeit via Augenscanner eine sofortige Identifizierung, Registrierung und Ortung nach sich zieht. Auch die "Pre"-Komponente, ein präventives Handeln, ist dieser Tage eine Option, auf die sich Mächtige berufen.
Im Gegensatz zum Film problematisiert Philip K. Dicks Erzählung das Problem der Unfehlbarkeit des "PreCrime"-Systems stärker, sie thematisiert auch die Gefahr, ein Parodoxon zu provozieren, wesentlich konkreter. Auch das Problem einer Polizeimacht, die auf Grund unüberprüfbarer Behauptungen Schritte setzt, wird schärfer gebrandmarkt.
Steven Spielberg geht mit der Vorlage sehr frei um. Genau genommen, verwendet er nur die Ausgangssituation und die wichtigsten Figuren, dafür unterschlägt er Dicks namengebende Grundidee des "Minderheitenberichts", die im Film kaum eine Rolle mehr spielt.
Darüber hinaus zieht Spielberg aber alle Register seine Regiekunst: unvermeidlich sein Grundmotiv eines Kindes, dem eine wichtige Rolle zugewiesen wird. Hier leidet Anderton an der Schuld, den Tod seines Sohnes möglicherweise verschuldet zu haben.
Neben Actionelementen lässt Spielberg der Metaphysik Raum: Die Mutanten sind ebenso Menschen wie Anderton, das Böse entsteht nur als Mittel zum Zweck. Und der Zweikampf zwischen Gut und Böse endet vorhersehbar mit einem Happy End.
Berauschend ist der Einfallsreichtum in der Beschreibung der Zukunftsstadt, etwa eines Verkehrssystems mit automatischen, natürlich zentral gesteuerten und überwachten Fahrgelegenheiten, die sich nicht nur längs, sondern auch quer bewegen können. Und die mühelos von einer horzontalen Straße auf die vertikale Ebene einer Wolkenkratzer-Fassade wechseln. Solche Passagen halten mit Ridley Scotts düsterer Dick-Verfilmung "Blade Runner" mit. Tom Cruise als Spielball der wahren Mächtigen verblasst jedoch gegen Harrison Ford und auch allemal gegen Max von Sydow, der in "Minority Report" eine wichtige Rolle hat.
Unverzeihlich ist allerdings, dass die entscheidende Szene, der Mord an dem vermeintlichen Bösewicht Witwer, eine plumpe Kopie der Schlüsselszene eines anderen Erfolgsfilms ist, nämlich "L. A. Confidential", wo Kevin Spacey fast identisch zum Opfer wird und so den zentralen Übeltäter (für die Zuschauer) entlarvt. Dagegen verblassen andere Zitate aus der Filmgeschichte, etwa Stanley Kubricks "Clockwork Orange" und Spielbergs eigenem "Jurassic Park".
Gewünscht hätte man sich, dass Spielberg vor allem im ersten Teil mehr auf Schwung und Atmosphäre geachtet hätte.
PIERRE A. WALLNÖFER
© SN.
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