|
Michael Mann wählt in "Ali" eine außergewöhnlich unspektakuläre Form, sich dem "Größten" zu nähern
In einem behutsamen Spiel von Schnitten zwischen Trainingsschweiß und einer kleinen, aufgeheizten Lounge beginnt der Kampf. Cassius Clay (Will Smith), aus dem kurz darauf Muhammad Ali wird, läuft im Kapuzentrainingsanzug eine Straße entlang. Ein Polizist fragt, wohin er denn fliehe. Schnitt in die Bar: Sam Cooke lässt Frauenherzen schmelzen. Schnitt. Rasend fliegen Fäuste gegen einen Punchingball. Schnitt. In einem Bus sieht man das Schild "Coloured Only". Schnitt. Fäuste und Ball verschwimmen. Es scheint, als bliebe das Bild stehen - und damit die Zeit. Sänger und Boxer finden den gleichen Takt. Sie tanzen. "Bring It On Home To Me", singt Cooke. Mit dem Song endet auch das Training. Clay steht am 25. Februar 1964 in Miami im Ring und holt sich in der achten Runde gegen Sonny Liston den ersten Profi-WM-Titel. Er hat es nach Hause gebracht. Sportlich.
Eine gute halbe Stunde des Films ist dann schon vorbei und doch hat man das Gefühl, sich erst heranzutasten. Abwartend tänzelnd wie Ali. Daran wird sich die nächsten zwei Stunden nichts ändern. "Float like a butterfly." Aber es kommt kein finaler Schlag, kein "sting like a bee", mit dem uns Regisseur Michael Mann flachlegt. Er lässt Kameramann Emmanuel Lubezki kreisen, scheinbar unbedeutend Bilder vorbeischweben, Unschärfen erzeugen und immer in Bewegung bleiben. Kein Epos, eine Elegie. Der Jahrhundert-Sportler, die Ikone Afro-Amerikas, einer, für den immer gelten wird, "der Größte" zu sein - die Erwartungen an eine solche Filmbiografie ufern schnell aus. Mann entzieht sich dieser Hypothek. Nicht in grelles, beweihräucherndes Scheinwerferlicht stellt er Ali. Er lässt ihn stattdessen Auto fahren, während im Radio gemeldet wird, dass sein ehemaliger Freund Malcolm X ermordet wurde und Al Green singt dazu "A Change Is Gonna Come". Der Film verzichtet zu Gunsten des Soul auf das Erzählen.
Als Rohschnitt bezeichnete US-Kritiker Robert Ebert den Film. Gerade die Reduktion jedoch erweist sich bei der Aufarbeitung dieses Themas als Idealform. So blendet Mann große Teile der Biografie aus, beschränkt sich auf die Jahre 1964 bis 1974, von Liston bis Foreman, vom großgoscherten Schmetterling in Miami zum staatstragenden Kämpfer beim "Rumble in the Jungle". Das könnte den Film für jene, die kaum etwas von Alis Bedeutung wissen, schwierig machen.
Was gezeigt wird, reicht aber nicht nur aus, die Essenz von Alis Leben zu erfassen, sondern rückt sie auch formal ins Zentrum: Er ist das Monument kühner Verweigerung. Von der Hinwendung zum Islam, dem Betonen seiner afroamerikanischen Herkunft über die Verweigerung der Vietnam-Einberufung bis zur sportlichen Auferstehung und persönlichen "Heimkehr" in Zaire. Dort joggt Ali, scheinbar entrückt und überrumpelt von seiner öffentlichen Wirkung, umgeben von der Bevölkerung, durch Kinshasa.
Das leere Gesicht, zu dem Will Smith in dieser Schlussszene im Stande ist, ist der Höhepunkt einer überaus gelungenen Vorstellung des aktuell erfolgreichsten Afro-Amerikaners in Hollywood. Smith hat sich vor allem für die vielen körperbetonten Szenen eine physische Verfassung und ein Ausdrucksrepertoire antrainiert, das Robert DeNiros legendärer Darstellung in "Raging Bull" nahe kommt. Gerade der Verweis auf diesen wohl besten fiktionalen Box-Streifen oder auch auf die phänomenale Ali-Doku "When We Were Kings" von Leon Gast beweist, dass Manns Herangehensweise gut gewählt ist. Er lässt einen stilistischen Vergleich erst gar nicht zu.
Mann zieht den Mut zu seiner ganz eigenen Sicht wohl aus Alis Biografie. Manns Auslegung entspricht der Lebenshaltung Alis. Nicht anpassen. Keine Erwartungen erfüllen. Immer Haken schlagen. Vor allem aber das eigene Image stärken. Wenn dabei mit einer Haltung, die im Grunde nie mehr wollte, als in einem Restaurant am gleichen Tisch wie Weiße dinieren zu können, auch eine gesellschaftliche Veränderung angetrieben wird - auch gut.
Erzählt wird in träumerischem Tonfall, ohne Effekte zu haschen, sondern mit feinem Augenmerk auf Seitenstränge (etwa die Beziehung des Medienprofis Ali zum ABC-Boxreporter Howard Cosell) oder in scheinbar nebensächliche, private Geschichten. Ali war vor dem (erfolgreichen und wohl geschobenen) Rückkampf gegen Liston den Beatles begegnet. Der einzige Intelligente sei "der mit der Brille", sagte er beim Tanzen (eh klar, ein Soul-Schlurfer) zu einer Schönen. Und der hätte ihm gesagt: "Je echter du wirst, desto unechter wird alles andere."
BERNHARD FLIEHER
© SN.
|