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Pollock
Völlig ausgeklinkt
Ed Harris spielt "Pollock" Trotz Einwänden ein beeindruckender Film über ein Maler-Genie

Eine Dame hält schüchtern jene Nummer des Magazins "Life" vor die Brust, in dem ein Interview mit Jackson Pollock abgedruckt ist. Jenes Porträt des Künstlers, in der August-Nummer des Jahres 1949, bedeutete für ihn den Durchbruch. Wir sehen das Gesicht der Frau nicht, die sich da dem Berühmten zaghaft nähert und um ein Autogramm heischt. Pollock, der wie mechanisch seinen Namen aufs Papier gesetzt hat, hebt die Augen, sein Blick folgt jemandem - der Autogrammjägerin? Schnitt, Rückblende. Wir müssen unsere Geduld aufsparen. Neunzig Minuten später werden wir es erfahren.

"Pollock" ist ein Film über ein Genie.

Und wie ist nun ein Maler-Genie a` la Jackson Pollock (1912-1956) im Spiegel eines Hollywoodfilms? Total ausgeklinkt, versteht sich. Der abwesende Gesichtsausdruck krankhafter Introvertiertheit wechselt mit manischen Exzessen im Alkoholrausch. In die Gesellschaft passt Pollock natürlich nicht - er, der bei einer Neujahrsfeier in Peggy Guggenheims Wohnung ungeniert ins offene Feuer pinkelt. Amerikaner schauen in so einem Fall dezent weg, und drum eskaliert die Szene nicht. Die Liebesnacht mit der Mäzenin verläuft übrigens dann auch nicht so, wie sie sich das vielleicht erträumt hat.

Als "Künstlerporträt" ist der Film wohl weniger glaubwürdig: Zu klischeehaft, mit zu dicken Farben wird da eine Figur gezeichnet, die in dieser Form eher der posthumen Mystifikation als der seriösen Recherche entsprungen ist. Einer, der die amerikanische Kunst so nachhaltig gegenüber der europäischen emanzipiert hat, der sozusagen die Allgegenwart Picassos gebrochen hat, kann derzeit wohl nur in üppigen Farben gezeichnet werden. Das gilt auch für einen Exzentriker, der so ganz und gar nicht ins amerikanische Lebenskonzept passt.

Aber "Pollock" ist trotzdem ein genialer Film. Es geht nämlich auch um die Frau an Pollocks Seite: Die Malerin Lee Krisner war seine Muse und spätere Gattin (und, nebenbei bemerkt, ein Vierteljahrhundert lang auch seine Nachlassverwalterin). Dieser Figur gibt Marcia Gay Harden eine faszinierende Kontur abseits vom Klischee. Was mag vorgehen in einer Künstlerin, die als solche so gut wie nicht wahrgenommen wird an der Seite des Genies? Was mag sie als Frau empfinden? Sie ist ja nicht nur Geliebte, sondern auch Managerin und Anti-Alkohol-Therapeutin - und sie muss sich manche Eskapaden ansehen.

Nur in Nebensätzen kann und darf sie ihre Befindlichkeiten ausdrücken. Umso intensiver laufen die Botschaften auf nonverbaler Ebene: Fassungslosigkeit, Enttäuschung, aber eben auch: Faszination, Liebe, Opferbereitschaft.

In der Kategorie "Beste Nebenrolle" ist Marcia Gay Harden für diese Leistung aus gutem Grund mit einem Oscar geehrt worden. Auch Ed Harris, Regisseur und sein eigener Hauptdarsteller, war nominiert worden. Vielleicht tat er des Guten zu viel, hat er doch zu dick aufgetragen? Keine Frage freilich: Marcia Gay Harden und Ed Harris machen "Pollock" zu einem sehenswerten Schauspieler-Film.

Als Regisseur zeigt Ed Harris Lust an "malerischen" Innenräumen. Die schäbige Wohnung in New York, das heruntergekommene Landhaus und die Baracke daneben, die zum Atelier wird: Das sind immer starke "Kulissen" für exzentrische Handlungen. Die schiere Idylle hingegen spiegeln jene zwei Jahre im Leben, da Jackson Pollock "trocken" war: Wie er Bohnen setzt, mit einer Krähe auf Du und Du wird und auf einmal Natur genießen kann... direkt kitschig.

Pollock beim Malen: Ed Harris ist so gefilmt, dass der Schaffensprozess haptische Qualität gewinnt. Mit den "drop paintings" (die Farbe wird auf die Leinwand getropft oder geschleudert) schrieb Pollock (Kunst-)Geschichte. Diese Mal-Episoden, denen Minimal Music beigemischt ist, geben dem Film einen langsamen, aber eindringlichen Erzählrhythmus. Ed Harris wirkt nie jung, und der "alte" Pollock, versoffen und ausgebrannt, scheint noch wesentlich älter. Tatsächlich war der amerikanische Kult-Maler gerade 44 Jahre alt, als er im Suff mit dem Auto von der Straße abkam.

REINHARD KRIECHBAUM

© SN.

 

diese seite | 22.07.2002 | 11:26

Daten und Fakten

Regie: Ed Harris

Schauspieler: Ed Harris, Robert Knott, Molly Regan, David R. Hardberger, Marcia Gay Harden

Genre: Drama

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