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Ein Fernsehspiel im Kino: "Gebürtig" von Lukas Stepanik und Robert Schindel
Ein Mann spaziert durch seine Heimatstadt. Sucht Orte der Kindheit auf, Orte, die Geschichten erzählen. Nachdenklich flaniert der einst in die USA emigrierte jüdische Komponist durch Wien, das gerade im Bann der "Waldheim-Affäre" steht. Wie ein Feuer flackert die Last der Geschichte auf, droht, einen Keil in die Gesellschaft zu reißen. "Einst Welthauptstadt des Antisemitismus, ist sie heute Vergessens-Hauptstadt worden", heißt es einmal im Film "Gebürtig", den Lukas Stepanik und Robert Schindel nach dem gleichnamigen Roman Schindels gedreht haben.
Die Säumigkeiten bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte führen bei den Nachkommen der Opfer und Täter, dem jüdischen Emigranten Hermann Gebirtig und dem deutschen Journalisten Konrad Sachs, zu heftigen Zweifel-Schüben und massivem Albtraum-Bilderwahn. Und dazwischen: beklemmende Ratlosigkeit.
Wer Schindels Buch mit dem Film vergleicht, wird Zeuge einer Vereinfachung, Verknappung.
In "Gebürtig" versuchen Stepanik und Schindel eine allgemeingültige Verflechtung von Gestern und Heute ("Die Kindheit lag wie eine tote Ratte im Mund"), Privatheit und Öffentlichkeit, Überlebenden und Nachgeborenen herauszuarbeiten, wobei die mitreißende Erzählstruktur des Buches nicht selten ebenso auf der Strecke bleibt wie die Brisanz des Themas.
Der Film berührt immer dann, wenn das Casting und die Dreharbeiten eines Auschwitz-Filmes gezeigt werden, hier werden die Grenzen des sonst sehr konventionellen, in einigen Beziehungssequenzen auch banalen bis pathetisch überladenen Denkanstoß-Kinos gesprengt.
Solides Geschichtenerzählen in rotweiß-roter Fernsehspiel-Manier: der Streifen über den heimkehrenden Künstler, der im Prozess gegen einen ehemaligen NS-Schlächter aussagen will und mit dem Sohn eines berüchtigten Kriegsverbrechers zusammentrifft, ist schulfilmtauglich, ein Anwärter für jedes Feiertags-Fernsehprogramm.
Cineastischer Wurf ist "Gebürtig" aber keiner. Auch wenn die Akteure (u. a. Peter Simonischek, Ruth Rieser, August Zirner und Katja Weitzenböck) Qualitätsarbeit leisten. Das finale Fazit der durch die Historie traumatisierten Söhne: "Wir haben uns beide zu lange leid getan".
MARTIN BEHR
© SN.
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