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Der mexikanische Spielfilm von Alejandro Gonzàlez Inàrritu setzt Maßstäbe
Sie sind alle Verlorene. Sie leben in Mexiko-City, einer Stadt, die alle kaputt macht, erniedrigt, kleinkriegt. Sie richten sich auf an großen Hoffnungen und scheitern an der kleinmütigen Realität. Wer es geschafft hat, darf sich nur kurz einer trügerischen Sicherheit hingeben. Er wird dann doch seiner wahren Bestimmung zugeführt, er wird seines Glanzes beraubt, des Erfolgs entledigt, seiner Zukunft entledigt. Die Glücksmomente sind kurz im Film "Amores Perros" des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzàlez Ina`rritu. Und sie täuschen hinweg über die eigentliche Verfassung des Ungetüms Großstadt.
"Ich möchte andere und mich selbst rühren", sagt Inàrritu. "Ich möchte mich lebendig fühlen, und ich möchte, dass sich die Figuren und die Zuschauer lebendig fühlen. Ich möchte treffen, streicheln, unterhalten, bewegen und provozieren. Ich möchte den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt mitnehmen - auf und ab, ohne Pause." Wie macht er das?
Erzählt werden drei Geschichten, die ineinander verschachtelt sind. Menschen, die nichts miteinander zu schaffen haben, bekommen es im Lauf der Zeit miteinander zu tun. Der Zufall spielt eine Rolle, im Unglück sind sie alle vereint. Gemeinsam ist ihnen die Leidenschaft zu Hunden, sie sind die eigentlichen Helden des Films, die Menschen dazu zwingen, sich zu ihren Gefühlen zu bekennen.
Da ist das verwöhnte Model, eine reiche, junge Frau, die auf der Sonnenseite des Lebens steht. Ihren kleinen Liebling, einen Winzling von Hund, verhätschelt sie gnadenlos. Ein Jugendlicher sucht sein Glück mit seinem grobschlächtigen Köter, der bei illegalen Hundekämpfen regelmäßig als Sieger vom Platz geht. Und ein Stadtstreicher teilt sich seine desolate Wohnstatt mit einem Rudel Hunden. Ohne die Tiere wären diese Menschen ärmer. Jeder findet etwas anderes im Hund, und jeder braucht ihn als Überlebenshilfe.
Der Film beschönigt nicht. Er ist kühner als alles, was Hollywood zu Stande bringt. Er redet dem Zuseher nicht ein, dass am Ende alles gut wird, er redet dem neoliberalen Geist nicht das Wort. Er porträtiert eine Gesellschaft, die in Auflösung begriffen ist, die ungehemmt Selbstzerstörung betreibt. Und er zeigt, wie sich einzelne ihre Hoffnungsnester bauen, Widerstand leisten, indem sie im Alltag ihre kleine Anarchie leben.
Das ist ein Film, der dem glatten Erzählkino ein raues Untergangsszenarium gegenüberstellt. Die Kategorien von Gut und Böse kann man getrost vergessen. Jeder, der in diesem apokalyptischen Abgesang auf die Zivilisation durchkommen will, macht das auf Kosten von anderen. Und jeder Widerling trägt eine Vorstellung von einem anderen, harmonischeren Leben in sich.
Mit diesem Film beginnt das Kino neu. Es ist wild und grauenhaft, schrecklich schön und herrlich aufmüpfig. Die Kinoindustrie aus der Ersten Welt kann von diesem Film nur lernen.
ANTON THUSWALDNER
© SN.
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