|
Berührende Familiensaga von Mira Nair
Die Handkamera schwankt wüst hin und her, die Turbulenzen entsprechen ganz der Gemütslage der Handelnden: Die Tochter heiratet, von weither kommen die Verwandten. Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit dänischen "Dogma"-Filmen auf.
Allmählich schälen sich die Konturen der Protagonisten aus dem hektischen Treiben. Die Braut lernt man pikanterweise bei einem Besuch in einem TV-Studio kennen, in der Garderobe eines Moderators. Sie hatte etwas mit dem verheirateten Mann, und manches Indiz spricht dafür, dass die voreheliche Liaison noch gar nicht zu Ende ist.
Ein gönnerhafter Onkel aus Amerika taucht auf. Im traditionellen indischen Kanon gilt er als das Oberhaupt der Familie. Doch ist er dieser Rolle würdig? Die Cousine der Braut beobachtet ihn argwöhnisch, vor allem, was seinen Umgang mit einer minderjährigen Nichte angeht. Schnell wird klar, dass mehr als familiäre Zuneigung im Spiel ist.
Es tanzen noch viele interessante Leute auf dieser Hochzeit. Manche haben ihre Lebensgewohnheiten längst an westlichen Maßstäben ausgerichtet, andere halten die Tradition hoch. Berührend der Brautvater, der in diesen Tagen Bilanz zieht über sein bisheriges (Familien-)Leben. Hinreißend wirkt der Hochzeits-Organisator, der plötzlich draufkommt, dass er selbst längst heiraten sollte.
Unterschiedliche Erzählstränge werden wie beiläufig miteinander verknüpft. Oder soll man den Film eher als ein anregendes Familien-Puzzle beschreiben, das den Kinobetrachter von Minute zu Minute mehr wünschen lässt, hinter die anfangs verborgene Ordnung der Steine zu schauen?
Genau das ist der Trick der Regisseurin: Sie beobachtet diese Leute genau, man fühlt sich als Beobachter im Strudel des verwandtschaftlichen Small Talk. Da und dort bekommt man einen Zipfel der kleinen familiären Freuden und der größeren Querelen zu greifen. Das hat die Jury in Venedig im Vorjahr mit gutem Grund für den Film eingenommen: Für "Monsoon Wedding" bekam Mira Nair den Goldenen Löwen zugesprochen.
"Monsoon Wedding" lebt von genauer Beobachtung, von der Lust der Regisseurin, die kleinen und großen Fehler dieser Leute zu schildern. Es macht Spaß zu beobachten, wie ihnen die Verstellung trotz bester Vorsätze nicht gelingt.
REINHARD KRIECHBAUM
© SN.
|