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"Mein Boss bin ich" von Niki List zeigt das Ungewöhnliche in einem bemerkenswert gewöhnlichen Leben
Es ist ein Film, der sich der Kategorisierung entzieht. Genau genommen ist es auch ein Film, der sich der Inhaltsangabe entzieht, obwohl das Geschehen schnell erzählt ist. Unser Protagonist heißt Christian Polster, er ist 33, wohnt in einer Wohngemeinschaft und lebt für den Tanz, der seine Leidenschaft ist.
Wir sehen Christian im Beisl bei einem Tee, begleiten ihn von Musik beflügelt in der U-Bahn, wo er vier Türken Schokolade anbietet, und warten auf ihn beim Training seiner Tanzgruppe "Bilderwerfern". Aus dem Vorwurf der Wartenden und Christians müder Entschuldigung für die Verspätung ergibt sich der Filmtitel "Mein Boss bin ich". Dazwischen folgen wir Christian durch seine geträumten Tanzfantasien und erleben mit ihm seinen Alltag mit Freunden und Familie und seiner rollstuhlfahrenden Mitbewohnerin.
Später sehen wir, wie Christian seinem Freund ein Drehbuch "verkauft". Und weil der Freund zum Glück Filmemacher ist (Niki List) kann daraus auch gleich ein Filmchen im Film entstehen: "Heiße Liebe", ein Klamaukstück mit Ganoven, schönen Mädchen und schnellen Autos, bei dem Andreas Vitasek und Adi Hirschal mitspielen. Am Ende gibt es ein Fest, Christians Geburtstagsfest, und zum Gaudium der Freunde liefert uns Christian eine Tanz-Performance, die eine Strip-Nummer persifliert. Und aus.
Mit leichter Kamera folgen wir also Christian, ohne genau zu wissen, wohin. Ohne Handlung im dramaturgischen Sinn (mit Ausnahme der "Heißen Liebe", dem Film im Film), ohne belehrende Moderation einer Dokumentation und ohne besondere Dramatik erscheint "Mein Boss bin ich" als Art Heim-Video, als Film-Tagebuch einiger Tage im Leben Christians.
Das Besondere daran ist eigentlich das Un-Besondere: Es ist ein gewöhnliches Leben, das im Widerspruch zu unseren unbewusst ins Kino mitgebrachten, inneren Bildern von einem ungewöhnlichen, weil angeblich unmöglichen Leben steht.
Christian ist behindert, hat Down Syndrom. Früher sagte man dazu "Mongolismus", was heute klingt, als ob von einem Alien eines fremden Sterns die Rede ist, und man senkte die Stimme, schüttelte den Kopf und murmelte "furchtbar" wenn es eine Familie "betraf", die man kannte.
Aber von all dem ist in "Mein Boss bin ich" nicht die Rede: Es wird nichts dokumentiert, es wird nichts propagiert. Auch Heim-Videos dokumentieren nichts: Dafür setzen sie unsere stille Komplizenschaft mit dem stinknormalen Leben ihrer Akteure jenseits filmischer Theatralik voraus; machen uns zu Mitgliedern der Großfamilie der Zuschauer; zu Eingeweihten dieser intimen alltäglichen Banalitäten, bei der die Akteure (mit Ausnahme Christians übrigens) nie ganz die Befangenheit ablegen, die in jeder privaten Situation entsteht wenn eine Kamera mit im Spiel ist.
So macht Regisseur Niki List mit den Mitteln des Heim-Videos Kino und schafft eine paradoxe Situation: Das Leben Christians ist bemerkenswert, weil es nicht bemerkenswert ist.
Natürlich ist "Mein Boss bin ich" nicht nur Zitat, sondern auch Programm: Ein Leben zu führen entgegen den "allgemeinen" Erwartungen und Verschreibungen von Hilflosigkeit und Abhängigkeit, die aus Behinderung entsteht. Niki List stellt dem keine filmischen Deklarationen, sondern die private Normalität gegenüber, die aus einem Heim-Video spricht.
Heim-Videos haben es an sich, dass sie keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende haben und ihnen frühere Videos vorausgehen und spätere nachfolgen. So auch der jetzige Film, der mit zwei frü-heren eine Trilogie ergibt: 1983 gab es "Mama lustig", 1992 "Muss denken". Gut möglich, dass eine weitere "Kassette" aus dem Leben Christians folgt, was dann nach dem jetzigen Rhythmus etwa im Jahr 2010 sein müsste.
HELMUT SPUDICH
© SN
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