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Vergangenheitsbewältigung in der Zukunft nach H. G. Wells
TÜV-geprüft dürfte es nicht sein, das Zeitreise-Vehikel des New Yorker Wissenschafters Alexander Hartdegen. Jedenfalls sind einige sich sehr schnell drehende Teile dem "Cockpit" fatal nahe. Beim entscheidenden Nahkampf zwischen dem Zeit-Reisenden Alexander (Guy Pearce) und dem Chef alles Bösen (Jeremy Irons, im Nosferatu-Outfit) drohen diese unabgeschirmten Teile zur Gefahr für beide zu werden.
Aber keine technischen Details: Der Wissenschafter Alexander Hartdegen verliert seine Verlobte (sie wird von einem Geldtaschenräuber erschossen). So macht er sich an die Konstruktion einer Zeitmaschine, und tatsächlich kann er sich damit ein Jahr in die Vergangenheit versetzen. Der neuerliche Verlobungsversuch endet für die junge Dame aber gleichfalls tödlich.
Tiefsinnige Fragen drängen, etwa: "Warum kann man Geschehenes nicht mehr rückgängig machen?" Oder: "Was wäre, wenn?"
Alexander versucht es mit einer Zeitreise in die andere Richtung. Vergangenheitsbewältigung in der Zukunft.
Aus dem New York der Jahrhundertwende wachsen in einer imponierenden computeranimierten Sequenz die Wolkenkratzer, aber das ist nur eine Zwischenstation. Bis ins Jahr 802.701 passieren nachhaltige tektonische und klimatische Veränderungen. Man lebt auf New Yorker Territorium schließlich in eher einfachen Bambushütten. Allgegenwärtige Feinde der friedfertigen Neo-Aborigines sind die bösen Morlocks.
Vielleicht sind wir einfach zu verwöhnt, reizüberflutet von vergleichbaren (und vergleichbar opulent aufbereiteten) Stoffen? "The Time Machine" reißt uns jedenfalls nicht vom Hocker, obwohl der Film nicht arm an Handlung ist. Anstatt hineingezogen zu werden in die Geschichte, kommt man ins Nachdenken über die Zutaten.
H. G. Wells Debütroman "Die Zeitmaschine" erschien 1895. Tolkien, der nach allem greifende Herr der archaischen Stoffe, hat natürlich auch seinen Wells studiert und abgekupfert. Fatale Sache: Ein halbes Jahr nach dem Kinostart von "Herr der Ringe" wirkt "The Time Machine" wie das eigentliche Plagiat . . . Obwohl die Animationen beeindrucken, krankt es allenthalben an Originalität und Stil.
1960 galt die Erstverfilmung des Stoffes (Regie: George Pal, Titelrolle: Rod Taylor) als Oscarverdächtig. Jetzt ist die Erfahrung des Kinopublikums eine völlig andere.
REINHARD KRIECHBAUM
© SN.
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