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Historisch wahr und doch gefälscht: Jonathan Mostows Kriegsfilm "U-571 schildert die Erbeutung der legendären deutschen Dechiffriermaschine Enigma. Allerdings schmücken sich dabei die Amerikaner mit britischen Lorbeeren.
PIERRE A. WALLNÖFER
Plötzlich kippt das Boot vornüber ins Wasser. Es blubbert noch ein bisschen, dann ist das U-Boot getaucht. Und im Kinosaal breitet sich Stille aus. Das amerikanische Kommandounternehmen unter der Führung von Commander Dahlgren (Bill Paxton), Lt. Tyler (Matthew McConaughey, Chief Klough (Harvey Keitel) und Lt. Emmett (Jon Bon Jovi) beginnt. Ihr Ziel: das havarierte deutsche U-Boot U-571 soll mit einem Trick geentert und eine funktionstüchtige deutsche Verschlüsselungsmaschine namens Enigma erbeutet werden, mit deren Hilfe die deutschen U-Boote kommunizieren. Dann geschieht das Unfassbare. Das amerikanische U-Boot wird versenkt - und die US-Crew muss samt der erbeuteten Enigma notgedrungen versuchen, mit der schrottreifen deutschen U-571 einen britischen Hafen zu erreichen.
Der fiktive Kriegsfilm "U-571" von Jonathan Mostow ist ein Streifen der vergebenen Chancen. Weniger wegen der erwähnten Fälschung, die Wahrheit wird wenigstens im Abspann enthüllt. Vielmehr wird in dem Film vieles so dargestellt, wie es bestimmt nicht war. Deutsche Zerstörer und Flugzeuge im U-Boot-Krieg? Das kennen wir genau andersherum aus Wolfgang Petersens Film "Das Boot" und den ausführlichen Schilderungen von Lothar-Günther Buchheim, eines Zeitzeugen (siehe unten). Wer nun meint, diese Irreführungen hätte irgendeinen künstlerischen Sinn, verkennt Hollywood. Griffige Filmstoffe zu verpulvern, darin sind die Studios Meister. Anstatt aus "U-571" einen Thriller über eines der größten Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs zu schmieden, liefert Regisseur und Autor Mostow einen einschichtigen Kriegsfilm, der zwar auf offenen Pathos verzichtet, aber gute Ansätze mit einer widerlich heroischen Filmmusik zukleistert.
Erst in der zweiten Hälfte wird der Film spannend. Das ändert wenig daran, dass seine Anziehungskraft vor allem darin besteht, sich in das Schicksal dieser Männer hineinzudenken, ein Schicksal, wie es jüngst die Besatzung des russisches Unterseeboots Kursk ereilt hat. Jeder amerikanische U-Boot-Film muss sich mit Wolfgang Petersens "Boot" messen (lassen). Auch "U-571" bleibt dieser Vergleich nicht erspart. Zu Beginn werden sogar Dialogstellen übernommen, hinsichtlich der filmischen Intensität fällt Hollywood aber auch 20 Jahre später nichts Vergleichbares ein. Als "U-571" nach einer Stunde Konturen zeigt, wird überdeutlich, woran es Hollywoods Unterseebootfilmen mangelt: an einem Autor vom Schlage Lothar-Günther Buchheims, dessen Roman Petersen 1981 mit Jürgen Prochnow verfilmt hatte. Hollywood macht aus der deutschen U-Boot-Waffe, der einzigen, die Churchill wirklich gefürchtet hat, ein Vehikel, um ein Früchtchen zu einem Mann und gleichzeitig Star zu machen. Bei Petersen/Buchheim wurden die "Stars" am Ende alle getötet und symbolisierten so die Sinnlosigkeit des Krieges. In Hollywood überleben zumindest einige dieser "Stars".
Wie war der U-Boot-Krieg wirklich?
Lothar-Günther Buchheim findet deutliche Worte. In drei Reportage-Romanen (neben Sachbüchern) hat Buchheim den deutschen U-Boot-Krieg aufgearbeitet, den er selbst als Kriegsberichterstatter und Kriegsmaler erlebt hat. Es ist kaum vorstellbar, dass er in seinen Schilderungen übertreibt: Nur die Wahrheit kann so unvorstellbar, so grausam sein. "Das Boot" (Piper-Verlag), der 1500-Seiten-Wälzer "Die Festung" (Hoffmann & Campe) und - soeben erschienen - "Der Abschied" (Piper): In diesen Büchern wird das Entsetzen der Männer, die in den Krieg gezwungen wurden, für die Nachwelt lebendig. Der allgegenwärtig lauernde Tod, der Respekt vor dem Feind, die Verbohrtheit in den eigenen Reihen und vor allem der menschenverachtende Wahn des Regimes, der etwa in der "Festung" besonders klar zum Ausdruck kommt. In diesem Wälzer schildert Buchheim das Geschehen auf See aus der scheinbaren Sicherheit der Festung Brest - im Jahr 1944, als die U-Boot-Besatzungen von verbrecherischen Vorgesetzten in den sicheren Tod geschickt wurden. Als man immer noch wähnte, Enigma garantiere abhörsichere Kommunikation.
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