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In der Abfahrt geht es naturgemäß nach unten, und zwar auf dem schnellsten Weg. Der Rausch der Geschwindigkeit führt ans Limit. Manche fliegen raus, andere kommen an - ganz unten. Ihnen widmet Sabine Derflinger ihr Spielfilmdebüt "Vollgas".
Mit "Feuer & Eis" à la Willi Bogner hat das Ganze ebenso wenig zu tun wie mit der so genannten Königsdisziplin des alpinen Skisports. Bei Derflingers "Abfahrt" handelt es sich um eine Diskothek in einem österreichischen Skiort. Abgefahren wird jede Nacht: "Zwo, drei, vier ... volle Pulle, Pulle, Pulle. Wir geben Vollgas", brüllt der Stimmungsanimator zum rhythmischen Dröhnen des Basses ins Mikrofon - und schon sind wieder alle ganz unten. Tiefer geht es einfach nicht mehr: Ballermann pur!
Sabine Derflinger versucht mit ihrem Erstling, die Schattenseiten einer Spaßgesellschaft auszuleuchten, die längst auch die alpine Bergwelt erobert hat. Man hat gut drauf zu sein und macht eben den Winter zur heißen Jahreszeit. Dass dies funktioniert, dafür sorgen Menschen wie Evi. Derflingers Protagonistin arbeitet als Saisonkellnerin. Der Tag beginnt früh mit dem Aufdecken des Frühstücks für die Hotelgäste. Anschließend folgt der Dienst im Restaurant des Hotels und am Nachmittag werden die durstigen Skifahrer an der Schirmbar bedient. Bis tief in die Nacht ist dann die Theke der Diskothek "Abfahrt" Evis Arbeitsplatz. Und weil die junge Frau auch ihren eigenen Lebenshunger stillen will, wird nach der Sperrstunde weiter gemacht: Trinkgelage im Kollegenkreis, schneller Sex mit Touristen und im Grauen des Morgens zurück ins Zimmer. "Schlafen ist feige", lautet Evis Credo.
Die aus der ehemaligen DDR stammende Darstellerin Henriette Heinze zeigt rollenspielerisch bemerkenswertes Können. Ihr gelingt es, Evi als sorgende Mutter - die Kellnerin hat eine kleine Tochter -, als routinierte Spitzenkraft der Gastronomie und als lebenslustige junge Frau zu verkörpern.
Ihre Gratwanderung führt Evi in eine persönliche Katastrophe, denn der Körper ist der ständigen Mischung aus Aufputschmitteln und Wodka nicht mehr gewachsen. In den wenigen Momenten, in denen die Kellnerin zur Besinnung kommt, muss sie außerdem ihre Alkoholabhängigkeit erkennen. Da scheint es aber schon zu spät zu sein: Sie findet sich ganz unten.
Sabine Derflinger ist ein engagierter Spielfilm gelungen, der ein gesellschaftlich relevantes Problem in eine recht ordentlich erzählte Geschichte verpackt. Formal und dramaturgisch weist "Vollgas" zwar einige Mängel auf, doch das macht zu einem großen Teil die Authentizität der handelnden Charaktere wett. Es sind keine Kunstfiguren, sondern Typen aus dem alpenrepublikanischen Alltag. Zu den Stärken des Films zählt weiters der von Johannes Konecny geschickt zusammengestellte Soundtrack: Die allgegenwärtigen "volksdümmlichen" Lieder machen verständlich, warum ständig zu Alkohol gegriffen wird. Nüchtern wäre dieses Niveau kaum zu ertragen.
MICHAEL STADLER
© SN.
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