|
Ang Lees melancholisches Schwertfilm-Märchen „Tiger & Dragon”.
MICHAEL STADLER
Als magisch märchenhaftes Spiel mit Illusionen inszenierte Ang Lee seinen Streifen „Tiger & Dragon”, mit dem sich der aus Taiwan stammende und in den USA lebende Regisseur auf ein ihm völlig ungewohntes Terrain vorwagte. Lee orientierte sich an den Martial-Arts-Filmen jenes Hongkong-Kinos, das untrennbar mit dem Namen des Action-Stars Bruce Lee verbunden ist. Mit den Klassikern des Schwertkampfgenres hat „Tiger & Dragon” allerdings nur am Rande zu tun. Vor dem Hintergrund der verklärten Legenden und Mythen rund um die großen chinesischen Helden erzählt Ang Lee jene Geschichte, auf welcher die meisten seiner bisherigen Filme basieren: Es geht um das Streben nach persönlicher Freiheit, um das Sprengen familiärer Fesseln sowie um den Mut, den eigenen Gefühlen zu folgen und zu diesen zu stehen.
Li Mu Bai, einer der berühmtesten Schwertkämpfer des Landes, will sich endlich zu seiner Liebe bekennen, die ihn mit der treuen Waffengefährtin Yu Shu Lien verbindet. Zu diesem Zweck schenkt er sein 400 Jahre altes Schwert einem Vertrauten. Damit hofft er, den Hass hinter sich lassen zu können und den Weg zur inneren Har monie zu finden. Die wertvolle Waffe wird jedoch unmittelbar nach der Übergabe gestohlen. Der Held kommt also nicht zur Ruhe. Gemeinsam mit seiner Gefährtin jagt er den Dieb, der sich als Frau entpuppt – als keine gewöhnliche Frau, sondern als die Aristokratentochter Jen, die mit der Tat gegen die bevorstehende Hochzeit mit einem hochstehenden Beamten rebelliert. Von Kindheit an hat das Mädchen heimlich Schwert-unterricht genommen und davon geträumt, eine große Kämpferin zu werden. Das magische Schwert von Li Mu Bai soll ihr diesen Wunsch erfüllen.
Die Handlung mag banal klingen, doch Ang Lee setzt ganz bewusst auf Inhalte und Motive der fernöstlichen Mythologie wie etwa das Schwert mit Zauberkräften oder die heimtückische Hexe, die ihre Intrigen spinnt. „Tiger & Dragon” ist ein Märchen, das jeglichen Realismus weit hinter sich lässt. Die Figuren agieren in einem Traum. Sie laufen senkrechte Wände hoch, fliegen mühelos durch die Lüfte und schreiten über das Wasser. Sie haben sich von den Gesetzen der Schwerkraft befreit, so wie sich Ang Lee über die Gesetze des Genres erhebt. Das zeigt sich am eindrucksvollsten an den atemberaubend choreografierten Kampfszenen. Hier geht es nicht so sehr um Sieg oder Niederlage, um Leben und Tod, sondern um die Demonstration spiritueller Kraft. Schwerelose Helden, schwerelose Bilder – alles scheint Illusion zu sein. Wer ist nun Tiger und wer Drache?
„Tiger & Dragon” präsentiert sich als ein melancholisches Epos mit vielen unkonventionellen Ideen. So werden beispielsweise die entscheidenden Schwertkämpfe von Frauen ausgefochten. Zwischen den Kampfszenen lässt der Regisseur seinen Hauptdarstellern Chow Yun Fat (Li Mu Bai), Michelle Yeoh (Yu Shu Lien) und Zhang Ziyi (Jen) auch noch genügend Raum zur schauspielerischen Entfaltung. Prädikat: sehenswert.
|